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Mario Götze „Es ist nicht einfach, normal zu bleiben“

26.12.2011 ·  Mario Götze hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Der Dortmunder gilt als eine der großen Entdeckungen des Weltfußballs. Im Interview spricht er über Talent, Disziplin und sein Leben in neuen Sphären.

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© dpa Alles wie erträumt: Meister, Nationalspieler, Großverdiener - Fußballprofi Mario Götze ist der Aufsteiger des Jahres

Herr Götze, Ihr rasanter Aufstieg hat sogar den fachlichen "Kicker" zu poetischen Höhenflügen inspiriert: Sie seien in Ihre Profikarriere gestartet wie ein Düsenjäger vom Deck eines Flugzeugträgers, schrieb er. Wie fühlt es sich an, in den Fußballhimmel katapultiert zu werden?

Gut. Es stimmt, es ging alles sehr schnell. Es war auch nicht so einfach, wie es vielleicht von außen schien, das alles in dieser kurzen Zeit zu verarbeiten. Aber ich konnte auch vieles genießen, ob es mit dem BVB die Meisterschaft war, ob es die Tore waren, die mir gelungen sind, ob es die Einsätze in der Nationalmannschaft waren - das war alles, wie ich es mir vorher erträumt hatte. Ich kann nur hoffen, dass es so weitergeht.

Lassen Sie uns über Talent reden: Wie viel mussten Sie im Fußball lernen, wie viel konnten Sie einfach?

Talent braucht man, keine Frage. Aber ich glaube, dass es das Wichtigste ist, seine Ziele nie aus den Augen zu verlieren. Dass man bereit ist, zu verzichten dass man bereit ist, sehr diszipliniert zu arbeiten dass man versucht, seinen Weg zu gehen. Es geht nicht nur um Talent, es geht auch um Arbeit und Fleiß.

Woher kommt diese Disziplin? Steckt sie in einem drin oder wird sie einem eingebleut von Trainern und Eltern?

Eltern oder Trainer können einem Ratschläge mitgeben, können Forderungen aufstellen, das sind gute Hilfestellungen, aber die Grundvoraussetzung ist, dass man selbst die richtige Einstellung hat. Man muss sich immer wieder sagen: Ich will das! Und man muss wissen: Letztlich liegt es an einem selbst, ob man etwas erreicht oder nicht.

Worauf mussten Sie verzichten?

Ich bin zur Schule gegangen, das ist ja noch nicht lange her, und danach bin ich zum Training, und am Wochenende waren Spiele. Ich konnte nicht viel anderes unternehmen, ich bin ganz selten ausgegangen. Natürlich gab es Situationen, da habe ich gedacht, das würde ich jetzt auch gerne machen, aber im Endeffekt war es genau so richtig, wie es gelaufen ist. Ich kann mich nicht beschweren.

Der Lohn für den Verzicht ist ja nicht schlecht.

Das meine ich.

War von Anfang an klar, dass Sie viel mehr Talent für dieses Spiel haben als andere Kinder? FRAGE: Wann haben Sie damit gerechnet, dass Fußball Ihr Leben bestimmen würde?

Wenn man als Kind auf dem Platz steht, vergisst man alles. Ich hatte einfach Spaß am Spielen. Richtig realisiert, dass da mehr draus werden könnte, habe ich erst viel später, als ich mit den Jugendnationalmannschaften bei Europa- und Weltmeisterschaften gespielt habe. Da konnte ich mich mit den besten internationalen Nachwuchsspielern vergleichen und habe mir gedacht: Könnte was werden!

Sie waren 2009 Kapitän der deutschen U-17-Europameistermannschaft und sind zweimal mit der Fritz-Walter-Medaille als bester deutscher Nachwuchsspieler ausgezeichnet worden. Und dann ging plötzlich der Hype los. Ist man darauf vorbereitet? Oder überrollt einen das erst einmal?

Am Anfang schon. Wobei es letztes Jahr noch nicht so extrem war. Mittlerweile ist es schon viel geworden, aber ich habe auch gelernt, damit umzugehen. Gut, manchmal will man seine Ruhe haben, einfach mal was essen gehen. Wenn dann die Leute ankommen und wollen etwas von einem, kann das schon nervig sein, aber es gehört dazu. Man muss ein paar Sachen vermeiden. Manchmal gehe ich einfach nicht in Dortmund in die Stadt, sondern woandershin.

Sie müssten versuchen, so normal zu bleiben wie möglich, sagt Ihr Vater. Wie normal kann man bleiben?

Es ist wichtig, dass man seine Grundwerte bewahrt. Dass man seine alten Freunde behält und sich auf sie verlässt und nicht auf die, die im Erfolg kommen. Es ist wichtig, dass man auf seine Familie baut und dass der Umgang gleich bleibt. In dieser Beziehung lebe ich noch immer so, als würde ich noch zur Schule gehen. Aber natürlich ist es nicht so einfach, normal zu bleiben. Man bewegt sich plötzlich in anderen Sphären. Ich bin 19, komme gerade erst aus der Schule und kann plötzlich ein ganz anderes Leben führen, das ist schon extrem. Man gönnt sich öfter mal etwas, man gibt schon mal mehr Geld aus, man macht woanders Urlaub, man fährt ein anderes Auto.

Es kann einem schwindelig werden, wenn man sieht, mit wie viel Geld im Profifußball hantiert wird. Wie gehen Sie finanziell mit Ihrem Erfolg um?

Man braucht ein gesundes Maß. Ich habe mir ein finanzielles Limit pro Woche und Monat gesetzt. Es ist nicht gut, wenn man von null auf hundert geht, wenn man übertreibt. Wenn ich mir mit 19 einen Ferrari kaufen würde, was sollte dann noch kommen? Ich fahre ein normales Auto, brauche keine Statussymbole. Entscheidend ist, dass ich eines nicht aus den Augen verliere: dass es letztlich um Fußball geht, um das, was mir Spaß macht. Alles andere ist Nebensache, so angenehm es manchmal auch ist, es sollte nicht zur Hauptsache werden, darauf muss ich achten.

Spüren Sie manchmal Neid?

Ich glaube, Neid wird es immer geben. Ich spüre ihn manchmal schon, es gibt Situationen, in denen man begreift, dass manche Leute es einem nicht gönnen. Man muss eine Art Abwehrsystem entwickeln, damit einem das egal wird, damit man sich nicht den ganzen Tag darüber Gedanken macht, wie man solchen Leuten begegnet.

Gerade im Ruhrgebiet, gerade in Dortmund messen viele Menschen dem Fußball eine Bedeutung bei, die man mit vernünftigen Maßstäben kaum noch messen kann. Denken Sie manchmal: In was für einem Theater bin ich hier eigentlich gelandet?

Das ist alles relativ. Wenn ich zurückdenke, als ich mit 16 als Balljunge im Dortmunder Stadion war und die Spieler auf dem Platz gesehen habe, dann habe ich mir gesagt: Da will ich unbedingt auch hin. Damals war das für mich eine andere Welt. Aber wenn man dann als Spieler selbst ein paarmal auf den Platz gelaufen ist, merkt man, wie man plötzlich Teil dieses Konstrukts wird. 80000 Zuschauer, die ganze Atmosphäre - wenn ich sagen würde, das ist nichts Besonderes mehr, wäre das übertrieben, aber nach ein paar Spielen, in denen man wegen der Kulisse und der Erwartungen nervös ist, gewöhnt man sich daran. Das ist wichtig, denn wenn man gut spielen will, kann man nicht auf den Platz gehen und denken, ich muss jetzt die Erwartungen der Leute erfüllen. Man muss sich von diesem Druck frei machen.

40 Millionen Euro soll Arsenal London für Sie geboten haben. Wie fühlt man sich als Spekulationsobjekt?

Ich weiß nicht, wie seriös und konkret diese Anfragen sind, ich beschäftige mich noch nicht mit der Möglichkeit eines Wechsels. Aber natürlich, solche Angebote, wenn es sie denn gibt, ehren mich.

Gäbe es ein Angebot, das Sie nicht ablehnen könnten? Von Barcelona zum Beispiel?

Das wäre auf jeden Fall ein Traum. Jeder Spieler möchte gern bei Barcelona spielen. Aber ich bin in Dortmund, fühle mich hier wohl und habe einen Vertrag bis 2014.

Verwegene Experten vergleichen Ihr Talent schon mit dem von Lionel Messi. Wobei der Weltfußballer seine Erfüllung fast ausschließlich in der Offensive sucht, während Sie auch in der Defensive erstklassige Lauf- und Zweikampfwerte haben. Räume zulaufen, Bälle erkämpfen - die Arbeit vor dem Vergnügen, macht Ihnen das auch Spaß?

Nein, Spaß macht das nicht. Ich würde auch lieber vorne stehen bleiben. Aber ich spiele in einer Mannschaft, und wenn einer den Ball verliert, helfen bei uns alle zusammen, um ihn wieder zurückzuholen.

Viele Experten meinen, ein Spieler Ihrer Klasse müsse über kurz oder lang zu einem großen Verein“. Was ist das für Sie, ein großer Verein?

Borussia Dortmund ist ja alles andere als klein. Vom Stadion und von den Zuschauern her geht es schon mal nicht größer. Ein großer Verein? Das ist einer, der jedes Jahr in der Champions League eine gute Rolle spielt, der eine weltweite Ausstrahlung hat, eine lange Historie, große Erfolge über viele Jahre hinweg.

Das größte Fußball-Schaufenster des nächsten Jahres ist die Europameisterschaft. Welche Rolle wollen Sie dort spielen?

Ich freue mich einfach darauf. Es wird - hoffentlich - mein erstes großes Turnier. Natürlich will ich spielen. Wir haben eine tolle Gruppe, das wird ein geiles Erlebnis. Wir wollen möglichst lange dabeibleiben, und ich denke, das kriegen wir auch hin.

Mit Mesut Özil gibt es einen etablierten, ähnlich hochbegabten Spieler im Mittelfeld der Nationalmannschaft. Ist da Platz für einen zweiten Supertechniker, ist da Platz für Sie?

Ich sehe da kein Problem. Bei Barcelona stehen elf Klasseleute auf dem Platz, und die können auch zusammen spielen. Wenn zwei Fußball spielen wollen und Fußball spielen können, dann ergibt sich das von selbst. Ich glaube, es kann nie ein Fußballer zu viel auf dem Platz stehen.

Zinédine Zidane war das Idol Ihrer Kindheit, was bewundern Sie an ihm?

Er war ein phantastischer Fußballer, und er hatte dazu noch ein ganz wichtiges Merkmal: Wenn große Spiele waren, wenn es drauf ankam, war er da.

Ähnliches sagen Juniorentrainer von Ihnen. Dass Sie in den großen Spielen immer auf den Punkt da gewesen seien. Ohne Nervosität. Woher nehmen Sie die Ruhe auf dem Platz?

Wenn man sich selbst vertraut, wenn man weiß, was man kann, dann hat man einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen.

Wie schwer war der Schritt von der Jugend zu den Profis in dieser Hinsicht?

Als ich mit 17 ab und zu in der Bundesliga eingewechselt wurde, war mein Selbstbewusstsein erst einmal ziemlich weit unten. Das war ein anderes Level, ein anderes Niveau. Ich habe gesehen, dass die Gegner richtige Männer waren, da hat zunächst noch einiges gefehlt. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, wenn man seinen Körper der Belastung angepasst hat, dann läuft es.

Sie haben Muskeln aufgebaut, um den Männern körperlich gewachsen zu sein?

Ja, und als Verletzungsprophylaxe. Ich hatte mit 16 ein Jahr, in dem es nicht gut lief für mich, in dem ich oft verletzt war. Seither bin ich regelmäßig im Kraftraum, jeden Tag ein bisschen. Das habe ich forciert.

Noch einmal zurück zum Bild mit dem Düsenjäger und dem Flugzeugträger. Ihr Startplatz ist die Borussia, wo, denken Sie, werden Sie am Ende landen?

Ganz am Ende? Mit 38? (lächelt) In Amerika. Oder vielleicht in Dubai, mal sehen.

Das Gespräch führten Michael Eder und Richard Leipold.

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