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Manuel Neuer Zu groß für Schalke

26.04.2011 ·  Abschiedstage für Manuel Neuer: Auf dem Weg zu einem neuen deutschen Torwart-Titan will der Gelsenkirchener den nächsten großen Schritt machen. Doch zuvor steht noch das Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United (20.45 Uhr) an.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Manuel Neuer erwartet nicht, dass jeder Verständnis aufbringt für seinen Entschluss, Schalke 04 zu verlassen. „Als Zehnjähriger in der Kurve hätte ich es auch nicht verstanden“, sagt er. „Aber jetzt bin ich Profifußballer und sehe manches aus einer anderen Sicht.“ Der Torhüter ist den „Königsblauen“ seit zwei Jahrzehnten eng verbunden, als Spieler und als Fan; er ist „auf Schalke“ geradezu verwurzelt. Aber er ist kein alter Baum, den man nicht verpflanzt, sondern ein junger Mann mit großem Talent.

Also zieht es ihn hinaus in die Welt, um eine noch größere Karriere zu machen und seinen Horizont zu erweitern. Das wäre in der Heimat schwer möglich. Schalke steht zwar zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im Halbfinale der Champions League; an diesem Dienstag (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) treffen die Westfalen daheim auf den englischen Rekordmeister Manchester United.

Doch wer einen Blick auf das Tableau der letzten vier Mannschaften wirft, fühlt sich an ein Spiel aus der Kindersendung „Sesamstraße“ erinnert. „Eins von diesen Dingen ist nicht wie die andern, sag mir, welches Ding das ist“ lautet dort die Aufgabe. Wenn nun Real Madrid, der FC Barcelona, Manchester United und Schalke 04 zur Auswahl stehen, so fiele es heutzutage vermutlich auch einem kleinen Manuel von zehn Jahren leicht, Schalke als denjenigen Verein herauszufinden, der „nicht ist wie die andern“. Nicht so berühmt, nicht so erfolgreich, nicht so kapitalkräftig, nicht so weltläufig.

Uli Hoeneß: „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg“

Selbst wenn der Revierklub einen weiteren Coup landet und ins Finale einzieht oder es gar gewinnt, bliebe dies vermutlich ein punktueller Erfolg - wie vor vierzehn Jahren, als der krasse Außenseiter Schalke den Uefa-Pokal gewann, ohne damit ein Fundament für regelmäßigen Erfolg zu legen. Im Konzert der Großen bleibt für Schalke, wenn überhaupt, eine Gastrolle als ambitionierter Außenseiter. In der nächsten Saison werden die Westfalen voraussichtlich nur in der Europa League antreten. Neuer aber gibt sich nicht mehr damit zufrieden, die Global Player des Fußball-Business ab und an zu ärgern. „Ich will dauerhaft auf höchstem Niveau spielen, das ist die Champions League“, sagt er.

Der einzige deutsche Fußballverein, der diesen Anspruch recht verlässlich erfüllen kann, ist der FC Bayern München - auch wenn der Branchenführer in dieser Saison ausnahmsweise um die Qualifikation für die Königsklasse bangen muss. Deshalb wird Neuer zu den Bayern wechseln, in diesem Sommer oder erst in einem Jahr, wenn sein Vertrag ausläuft. Die Münchner geben sich, wie so oft, siegesgewiss. „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Wenn die Schalker nächstes Jahr keine Ablöse bekommen, dann werden sie sich schon so bewegen, dass man sich einigen kann“, sagt Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern.

Wenn Neuer nach München geht, tut er, was er tun muss. Schalke ist für einen Torwart seiner Statur, der schon mit 25 Jahren als einer der besten der Welt gilt, wie ein liebgewonnenes Kleidungsstück, das man am liebsten jeden Tag anzieht, das aber eines Tages nicht mehr passt, weil es zu klein geworden ist. Der Berufsspieler Manuel Neuer ist aus Schalke schlicht rausgewachsen. Vielleicht weiß er das schon länger.

Neuer kann „auf“ Schalke nicht viel mehr erreichen

Öffentlich bekundet hat er seinen Wechselwillen erst wenige Tage vor der ersten Halbfinalpartie gegen Manchester, also unabhängig davon, was in dieser Saison an Titeln und Triumphen noch möglich ist. Darin zeigt sich, wie sicher er sich sein muss, mit Schalke alles ausgereizt zu haben. Bei diesem Klub, der aktuell Bundesliga-Mittelmaß verkörpert, könnte er letztlich nicht viel mehr erreichen als das, was er in viereinhalb Jahren schon erreicht hat: das Viertel- und das Halbfinale in der Champions League, höchstwahrscheinlich den Gewinn des DFB-Pokals (im Finale am 21. Mai gegen den Zweitligaklub MSV Duisburg) und zweimal den zweiten Platz in der Meisterschaft.

Mangels rationaler Gründe hätten nur Gefühle ihn zum Bleiben bewegen können - oder müssen, wie jene Anhänger meinen, die ihm den Wechsel übelnehmen. Der Torwart, der inzwischen auch Kapitän ist, sagte, gegen Tränen kämpfend, er habe „dem Verein und seinen einzigartigen Fans alles zu verdanken“. Aber daraus lässt sich keineswegs der moralische Anspruch ableiten, fortan müsse Neuer aus Sentimentalität auf die Chancen verzichten, die sich ihm in einer Berufswelt ohne Chancengleichheit noch bieten können.

Schalke hat „alles Menschenmögliche getan“

Hier geht es ausnahmsweise nicht in erster Linie ums Geld, außer mit Blick auf die Ablösesumme, die der FC Bayern zahlen muss, um Neuer schon in diesem Sommer unter Vertrag nehmen zu können. Wenn der nicht immer nach alter Kaufmannssitte wirtschaftende FC Schalke noch einmal an die Grenze des wirtschaftlich Möglichen gegangen wäre oder gar darüber hinaus, dann um Neuer zu halten. Sportdirektor Horst Heldt und Trainer Ralf Rangnick versichern glaubhaft, sie hätten „alles Menschenmögliche getan“, um ihn umzustimmen. Ihr Werben wird nicht an einer fehlenden Million Euro gescheitert sein, sondern schlicht an der Perspektive, die Schalke insgesamt bietet.

Neuers Entscheidung ergibt sich aus dem Gesamtblick auf eine Karriere, in der ein junger deutscher Nationaltorwart zur internationalen Ikone aufsteigen kann. In Asien etwa wird der Gelsenkirchener in seiner Wirkung auf das Publikum schon mit Oliver Kahn verglichen, der auf dem Zenit seiner Schaffenskraft als „Titan“ einer der berühmtesten Fußballspieler der Welt war, obwohl er als Nationalspieler keinen bedeutenden Titel gewonnen hat. Sein möglicher Nachfolger Neuer nutzte die WM 2010 in Südafrika als Plattform für den Aufstieg in die gehobene internationale Klasse seines Faches. Jetzt oder in einem Jahr nicht den nächsten großen Schritt zu machen, wirkte provinziell.

„Ich habe Jens Lehmann damals nicht ausgepfiffen“

In keinem anderen Beruf ist der Wechsel des Arbeitgebers so emotional beladen wie im Profifußball, wo der zahlende Kunde sich mitunter anmaßt, mit dem Kauf einer Eintrittskarte oder eines Fanartikels das Recht erworben zu haben, Spielern die menschliche Integrität abzusprechen, nur weil sie zu einem anderen Klub gehen. Manuel Neuer sagt, er sei nicht so gewesen, nicht im Alter von zehn Jahren und auch nicht später.

Als Junge musste er in der Nordkurve des Gelsenkirchener Parkstadions ansehen, wie sein Schalker Vorbild Jens Lehmann jahrelang das Tor des Erzrivalen Borussia Dortmund hütete. „Ich kann nur sagen, dass ich Jens Lehmann damals nicht ausgepfiffen habe“, sagt Neuer mit einem feuchten Schimmer in den Augen. „Er war trotzdem mein Idol.“ Für viele wird auch Manuel Neuer ein Idol bleiben - oder noch werden.

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