Hat Mainz 05 mit der Verpflichtung von Mohamed Zidan die Versicherung gegen den Abstieg gekauft?
Es ist im Fußball nicht möglich, sich mit einem Transfer abzusichern gegen Misserfolg. Aber wir haben unsere Vorrunde analysiert und festgestellt, dass uns die Effizienz gefehlt hat, die Coolness vor dem Tor, es fehlte uns, dass sich einer mal 1:1 durchsetzt und Chancen erarbeitet. Das kann uns Zidan bringen.
Soll der Transfer also wegen der um sich greifenden Verunsicherung beruhigen?
Nein, wir hätten jetzt nicht gehandelt, nur um zu handeln. Wir haben uns entschlossen, nur dann einen Spieler zu holen, wenn er uns sofort weiterhilft und wir von ihm langfristig überzeugt sind. Uns war klar, dass das nicht der Torschützenkönig aus Ghana oder Belgien sein kann, sondern nur einer aus Deutschland, der die Bundesliga kennt und keine Eingewöhnungszeit braucht. Deshalb konnte man den Kreis schnell reduzieren auf Helmes, Lakic, Pogrebniyak oder eben Zidan. Da war für uns schnell klar, dass für uns nur Zidan Sinn macht, weil er wegen des auslaufenden Vertrags finanzierbar war, er Mainz kennt und wir ihn kennen.
Andernorts hatte Zidan nicht den Erfolg wie in Mainz, wo er bislang 22 Tore in 41 Spiel erzielt hat. Warum passt es hier zwischen Paradiesvogel und Klub, sodass beide Seiten nun zum dritten Mal zusammengefunden haben?
Als Zidan damals zum HSV gewechselt war, las ich ein Zitat von Huub Stevens. Er sagte, dass er sich Zidan schon hinbiegen werde. Das ist grundfalsch. Wir haben Zidan so sein lassen, wie er ist, und wir werden ihm auch jetzt seine Art gestatten. Er ist ein witziger Vogel, der Esprit in die Kabine bringt und vielleicht manchmal einem auf den Wecker geht. Aber dabei lässt er sich nie was zuschulden kommen. Er kommt nie zu spät ins Training und trainiert gerne und gut. Er ist dabei nur fröhlich und lacht viel.
Er dürfte aber auch als Topverdiener die Gehaltshierarchie durchwirbeln ...
Über Gehälter spreche ich grundsätzlich nie. Sein Vertrag in Dortmund wäre im Sommer ausgelaufen, das darf man nicht vergessen. Mainz ist nicht Dortmund und Zidan wollte nach Mainz.
Soll der „Krisenklub“ Mainz 05 wieder anders wahrgenommen werden durch ein Gesicht wie Zidan?
Krisenklub? Aber mal langsam. Wir werden sicher nach Platz fünf im Vorjahr jetzt vielerorts so wahrgenommen, als wenn wir abgestürzt wären. Durch die Abgänge Schürrle, Holtby und Fuchs haben wir auch Köpfe verloren. Aber wir haben Zidan nicht verpflichtet, um wieder mehr in die Schlagzeilen zu kommen, sondern aus sportlichen Gründen. Aber sicher ist Zidan ein Typ, der auch die Fans in der Stadt mobilisiert. Die Leute in Mainz mögen ihn einfach. Das hat schon jetzt zu einem Stimmungsumschwung beigetragen.
Sie mussten also doch die Angst vor dem Abstieg vertreiben?
Wir hatten nie Angst. Wir sind mit der Entwicklung der Mannschaft nicht unzufrieden, auch wenn wir Punkte verschenkt haben. Wir wussten eben, dass es länger dauern kann bei einigen Leuten. Maxim Choupo-Moting ist so ein Beispiel. Er hat vorher ein halbes Jahr gar nicht gespielt beim HSV. Thomas Tuchel versichert mir immer, dass er in jedem Training Fortschritte mache. Das zahlt sich irgendwann aus. Jetzt hat er zwei Tore geschossen gegen Freiburg. Genauso glauben wir felsenfest daran, dass Anthony Ujah irgendwann Stammspieler wird. Er braucht aber eben seine Zeit.
Wie lange haben Sie Geduld?
Das ganze Jahr ist für uns ein Entwicklungsjahr. Das Team steht nahezu komplett auch kommendes Jahr unter Vertrag. Wir werden also kommende Saison besser sein. Verlassen Sie sich drauf.
Für diese Saison haben Sie aber erst einmal den Abstiegskampf ausgerufen. Mussten Sie die Spieler wachrütteln?
Ich habe ihn nicht ausgerufen, sondern nur mal das Wort verwendet. Aber ich habe auch gar kein Problem damit, wenn Mainz 05 im Abstiegskampf ist. Ich wehre mich nur dagegen, dass ich das als Niederlage empfinden muss. Es ist immer noch eine große Leistung, wenn wir in der Bundesliga spielen und uns erfolgreich gegen den Abstieg wehren dürfen. Wir können nicht den Anspruch haben, um den Europapokal zu spielen. Da wird einiges derzeit überstrahlt von Platz fünf im Vorjahr. Das Kapitel ist aber Vergangenheit.
Hätten Sie dennoch vor der Saison schon bei der Zusammenstellung des Kaders einen zusätzlichen Spieler verpflichten müssen, der „auf die Bühne drängt“, wie es Trainer Tuchel ausdrückt?
Das hätten wir gerne gemacht, ist aber im Sommer einfach wirtschaftlich nicht möglich.
Obwohl Sie viel Geld auf dem Festgeldkonto haben nach dem Schürrle-Verkauf?
Es ist nie die Idee von Mainz 05, einen Abgang mit dem eingenommenen Geld durch einen anderen zu ersetzen, sondern wir wollen die Breite verstärken. Sonst hätten wir André behalten und auf die zehn Millionen verzichten können.
Andernorts fordern Trainer in der Winterpause klassischerweise Verstärkung um Verstärkung. Ihr Trainer verhielt sich erstaunlich ruhig trotz prekärer Lage. Haben Sie ihm die Zurückhaltung auferlegt?
Thomas Tuchel ist kein Trainer, der nur seinen Erfolg im Auge hat. Er schaut über das Jahr hinweg auf die langfristige Entwicklung, auch weil er sich mit der Philosophie unseres Vereins identifiziert. Deshalb fordert er nicht alles für den kurzfristigen Erfolg. Sonst wäre er in Mainz auch am falschen Ort. Die Leute, die Job für Job abklappern, möglichst viel Erfolg wollen und dann zum nächsten Verein weiterziehen, passen nicht zu uns.
Die Fluktuation der Spieler ist auch in Mainz sehr groß. Wie will es der Klub schaffen, trotzdem ein Team mit Identifikationswert für die Zuschauer zu bauen?
Es ist normal, dass wir Spieler ersetzen müssen, die wechseln, weil sie die Plattform Mainz 05 genutzt haben, um sich für einen ganz großen Verein zu empfehlen. Es wäre für mich nur ein Problem, wenn solche Spieler zu einem ebenbürtigen Konkurrenten gehen würden. Dann hätten wir was falsch gemacht. Es muss aber natürlich immer stärker unser Ziel sein, mehr und mehr Leute aus dem eigenen Nachwuchs nach oben zu bringen. Das sollen durchaus irgendwann mal 50 Prozent des Kaders aus dem eigenen Bereich sein. Wir investieren derzeit viel, leisten Superarbeit in der Ausbildung. Davon werden wir profitieren. Und die Zuschauer dürfen sich in den kommenden Jahren auf einige Talente freuen.
Am Samstag spielt Mainz 05 erstmals mit Zidan und dann ausgerechnet in Schalke. Hat das geholfen, um von Dortmund die Freigabe zu erhalten?
Das war natürlich mit keinem Wort Thema bei den Verhandlungen. Aber Zidan ist Dortmund dankbar, dass sie ihm den Weg nicht verbaut haben. Deshalb würde er ihnen sicher am Samstag gerne was zurückzahlen mit einem Sieg gegen ihren Erzrivalen und Verfolger.