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Mainz 05 Willkommen in der Wirklichkeit

 ·  Sie gewinnen nicht mehr: Auch das Heimspiel gegen Hannover verliert Mainz 05. Pinto trifft für 96 mit einem satten Schuss aus der Distanz. Dann fliegt Cherundolo vom Platz. Doch der FSV trifft nicht mehr und rutscht auf Platz drei ab.

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Thomas Tuchel war in dieser Spielzeit schon der eine oder andere kluge taktische Schachzug gelungen. Mal wechselte der Trainer von Mainz 05 genau jene Spieler ein, die wenig später einen Rückstand in einen Sieg drehten. Ein anderes Mal veränderte der 37 Jahre alte Fußballlehrer die Grundformation seines Teams so, dass es nach schwächerer Anfangsphase plötzlich mehr Zugriff auf das Spiel bekam. Beim 0:1 am Samstag gegen Hannover 96 gelang ein vergleichbarer Schachzug nur außerhalb des Feldes. Nach sechs Minuten veränderte Tuchel die Sitzordnung auf der Ersatzbank. Er verließ seinen Stammplatz nur wenige Meter von der Mittellinie entfernt und setzte sich 15 Meter weiter an das andere Ende der Sitzreihe.

Er wollte damit einem drohenden Konflikt mit dem „Vierten Offiziellen“ aus dem Weg gehen, jenem Teil des Schiedsrichtergespanns, der abseits des Spiels beruhigend einwirken soll. „Ich bin noch nie nach nur sechs Minuten so vom Vierten Offiziellen angegangen worden wie heute“, sagte Tuchel später. „Deshalb habe ich mich vorsichtshalber weggesetzt.“ So vermied er weiteren Ärger mit dem DFB, der ihn kürzlich schon zu einer Geldstrafe verurteilt hatte.

Das Positionsspiel auf dem Feld gelang bei weitem nicht so gut wie der Sitzplatzwechsel außerhalb. Den Mainzern ist die Lockerheit aus den ersten, so bemerkenswert erfolgreichen Wochen der Spielzeit mit sieben Siegen zum Auftakt und fünfmaliger Tabellenführung abhandengekommen. Am deutlichsten zeigte sich das an den Auftritten der beiden erstmals für die deutsche Nationalmannschaft nominierten Talente Lewis Holtby und André Schürrle. Holtby wurde zur Pause ausgewechselt, und das „sicher nicht, weil er einer meiner Besten heute war“, wie es sein Trainer sagte. Schürrle kam „aufgrund der Trainingseindrücke“ erst zur Halbzeit für Holtby. Die beiden passten freilich in eine Mainzer Elf, in der nur wenige überzeugten.

Suche nach der Leichtigkeit

„Die Leichtigkeit ist ganz klar nicht mehr da“, sagte Mittelfeldspieler Andreas Ivanschitz. „Wir wollten es heute erzwingen.“ Das sah meist so aus, dass die Mainzer bei ihrem Bemühen um einen ordentlichen Spielaufbau allzu früh den Ball verloren - was natürlich auch am Gegner lag. Hannover stoppte die gegnerischen Angriffsbemühungen mit großem Laufaufwand schon im Ansatz. Die Stürmer Ya Konan und Jan Schlaudraff attackierten immer wieder die Innenverteidiger Bo Svensson und Nikolce Noveski, die recht schnell die Lust an einem geordneten Spielaufbau verloren. Auch deshalb war der Führungstreffer durch Sergio Pinto in der 44. Minute verdient.

Der Mittelfeldspieler drosch den Ball nach einer Ecke aus fast 30 Metern mit solcher Gewalt aufs Tor, dass der offizielle Bundesligaspielball sein gefürchtetes Eigenleben entwickelte: Kurz vor den abwehrbereiten Fäusten des Mainzer Schlussmanns Christian Wetklo änderte die wundersame Kugel ihre Flugrichtung. „Solche Tore fallen einfach mit diesem Ball“, sagte Wetklo. „Er war deshalb vielleicht nicht unhaltbar, aber ich kann mir auch keinen Vorwurf machen.“

Einen solchen richtete der Schlussmann stattdessen in deutlichen Worten an das Publikum. „Ich habe heute erstmals in zehn Jahren ein Auswärtsspiel am Bruchweg erlebt“, sagte Wetklo, der den Fans einmal sogar den Vogel zeigte nach Pfiffen wegen einer Auswechslung. Die sonst so sangesfreudigen Anhänger waren tatsächlich erstaunlich kritisch. Schon nach wenigen Minuten übertönten Pfiffe die Anfeuerungsgesänge.

270 Minuten ohne Torerfolg

Offenkundig ist die Erwartungshaltung derart gestiegen, dass die Zuschauer einen mühevollen Auftritt ihrer Elf nicht mehr schweigend akzeptieren. „Die Erwartungen haben wir selbst hochgeschraubt“, reagierte Tuchel gelassen auf das Stimmungstief. „Es heißt nun eben: Willkommen in der Wirklichkeit. Damit müssen wir umgehen und nicht einen Keil zwischen Mannschaft und Publikum treiben.“ Manager Christian Heidel attestierte den Fans, dass sie wie die Mannschaft eine gewisse Formschwäche gehabt hätten.

Diese dürfte auf beiden Seiten erst ein Ende haben, wenn Mainz 05 mal wieder ein Tor erzielt. Mehr als 270 Minuten warten sie nach nun drei verlorenen Bundesligaspielen und dem Ausscheiden im DFB-Pokal auf einen Torerfolg. Am Samstag vergab Holtby die größte Chance: Der erstmals für die Nationalmannschaft nominierte Linksfuß schoss jedoch aus zehn Metern über das leere Tor - auch weil Mannschaftskamerad Ivanschitz nach einem Rempler eines Hannoveraners im Weg lag (42.).

Vor wenigen Wochen hätte Holtby den Ball trotz solcher Hürden vermutlich sicher verwertet. „Einige haben den Kopf derzeit nicht frei“, sagte Ivanschitz später, wohl auch mit Bezug auf diese Szene. „Vielleicht sind auch innerhalb der Mannschaft die Ansprüche zu hoch geworden, so dass man denkt, wir müssten jetzt jeden Gegner an die Wand spielen.“ Sein Trainer wurde in seiner ersten Analyse ähnlich grundsätzlich. Tuchel findet: „Wir spielen derzeit rückwärts, wenn wir vorwärts sollten. Wir greifen derzeit in falschen Situationen zu falschen Mitteln.“

FSV Mainz 05 - Hannover 96 0:1 (0:1)
Mainz:
Wetklo - Zabavnik, Svensson (64. Florian Heller), Noveski, Christian Fuchs - Karhan, Soto - Babangida (72. Rasmussen), Ivanschitz, Holtby (46. Schürrle) - Szalai. - Trainer: Tuchel
Hannover: Fromlowitz - Cherundolo, Eggimann, Christian Schulz, Djakpa - Schmiedebach, Pinto - Stindl, Rausch (72. Chahed) - Ya Konan (90.+1 Lala), Schlaudraff (79. Forssell). - Trainer: Slomka
Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg)
Tor: 0:1 Pinto (44.)
Zuschauer: 20.000
Gelb-Rote Karten: Cherundolo (Hannover) wegen wiederholten Foulspiels (68.)
Gelbe Karten: - Chahed, Ya Konan (2)

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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