http://www.faz.net/-gtm-99ut1

Mainz 05 : Mehr als nur eine Rettung für den Moment

Zum Niederknien: Pablo de Blasis und Anthony Ujah feiern den Klassenverbleib Bild: EPA

Rettung auf edle Weise: Das Team von Trainer Sandro Schwarz siegt verdient 2:1 in Dortmund. Der Erfolg nach einem bemerkenswerten Endspurt zum Klassenverbleib könnte den Grundstein legen für eine neue Mainzer Ära.

          Ein Empfang am heimischen Bruchweg von hunderten Fans hat bei Mainz 05 mittlerweile eine gewisse Tradition: Qualifikationen für die Europa League haben die Mainzer schließlich oft auswärts erreicht, gefeiert wurde dann in der Dunkelheit des Bruchwegs. Nun war es der Klassenverbleib, der die Fans spät gegen halb zehn hinauftrieb ans Trainingsgelände des Bundesligaklubs, der den Endspurt um die Rettung unerwarteterweise schon am vorletzten Spieltag mit einem großen 2:1-Auswärtssieg bei Borussia Dortmund vorzeitig erfolgreich beenden durfte. Sechs Zähler beträgt auf einmal der Vorsprung auf den Relegationsplatz, den die Mainzer zehn bittere Spieltage lang innehatten, ehe sie ihn vor einer Woche mit einem bemerkenswerten 3:0-Erfolg gegen RB Leipzig verließen. Abstiegskampf können sie in Mainz seit jahreslangem Existenzkampf noch in der zweiten Bundesliga, als Jürgen Klopp noch Spieler und eben noch nicht Trainer war.

          Irgendwann am späten Samstagnachmittag stand dessen Nachfolger in vierter Generation im Fanblock und brüllte in ein Megafon. Was genau Sandro Schwarz da artikulierte, war bei dem Lärm, der im Westfalenstadion herrschte, nicht zu verstehen. Worum es ging, war völlig klar. Der Trainer des FSV Mainz 05 schrie seine Freude über das hinaus, was seine Mannschaft soeben geschafft hatte: den Klassenverbleib. Und zwar mit einem historischen Triumph, einem 2:1-Sieg bei Borussia Dortmund. Schwarz gelang damit, am Rande bemerkt, etwas, woran alle seine Vorgänger namens Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Martin Schmidt gescheitert waren: beim BVB zu gewinnen. Das Westfalenstadion war bis zum Samstag die letzte Bastion des deutschen Profifußballs, in der die Mainzer noch nicht gewonnen hatten. Womöglich war dieser Erfolg und Schwarz' Bad in der Menge sogar mehr als nur eine Momentaufnahme: Vielleicht ist in den vergangenen Wochen etwas zusammen gewachsen, was eigentlich schon lange zusammengehört. Schwarz ist gebürtiger Mainzer, er spielte für den Klub in der zweiten Liga an der seite und unter dem Trainer Klopp. Und dennoch war er lange nicht akzeptiert unter den Fans. Sollte sich das geändert haben, kann vieleicht wieder etwas Besonderes entstehen in Mainz.

          „Es ist ein unfassbares Gefühl“, sagte Schwarz nun erst einmal später bei der Pressekonferenz, „die Art und Weise, wie wir den Sack zugemacht haben, war beeindruckend.“ Sein Kollege Peter Stöger sah es nicht anders: „Ich finde es cool, dass die Mainzer es geschafft haben“, sagte der BVB-Trainer, „weniger cool, aber verdient, ist es, dass sie es heute geschafft haben. Sie sind so aufgetreten, wie man sich präsentiert, wenn man etwas Großes, etwas Wichtiges erreichen will.“

          Erreicht hatten die Mainzer dies mit einer nahezu perfekten ersten Halbzeit im Spiel gegen den Ball. Nur in einer Szene hätte es besser sein können, in der 16. Minute beim Gegentor, als Daniel Brosinski rechts im eigenen Strafraum den Zweikampf mit Jadon Sancho scheute und im Zentrum Stefan Bell etwas energischer gegen den Torschützen Maximilian Philipp hätte verteidigen können. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die 05er bereits 2:0 geführt – weil nicht nur ihre Defensivleistung stimmte, sondern sie die Situationen nach Ballgewinnen teilweise überragend auflösten.

          Kampf um Klassenverbleib beflügelt Mainzer

          So wie beim Führungstreffer durch Ridle Baku. Sein Bundesligadebüt hatte der 20-Jährige am vorigen Sonntag gegen RB Leipzig mit dem 3:0 in der Nachspielzeit gekrönt. Für sein erstes Auswärtstor bei den Profis benötigte der Mittelfeldspieler keine vier Minuten – dann veredelte er einen feinen Konter über Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin mit einem plazierten Schlenzer unter die Latte. auch dies so ein Versprechen auf die nähere Zukunft: Mainz 05 ist es trotz  einer äußerst schwierigen Saison mit Spannungen im Klub nach der Führungskrise der vergangenen Jahre gelungen, Verantwortung an Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu übergeben: Insgesamt spielen in dieser Spielzeit samt der beiden Torhüter Robin Zentner und Florian Müller, der in Dortmund für den verletzten Adler ins Tor rückte, sechs Eigengewächse sehr zentrale Rollen im Team. Darauf muss Mainz 05 nun aufbauen.

          Endlich Liebling der Fans: Trainer Sandro Schwarz am Zaun des Mainzer Blocks Bilderstrecke

          Der Eindruck, der sich in Dortmund im Verlauf der ersten Halbzeit aufdrängte: Der Kampf um den Klassenverbleib beflügelt stärker als die Aussicht auf den Einzug in die Champions League. Yoshinori Mutos Kopfball zum 2:0 nach Flanke von Pablo De Blasis, bei dem Torwart Roman Bürki und Innenverteidiger Ömer Toprak nicht gut aussahen, drückte die Überlegenheit der Mainzer gegen tiefstehende, oft passiv wirkende und selten mit Tempo spielende Dortmunder ganz gut aus. „Ich hatte das Gefühl, dass wir zur Pause auch eine Zwei-Tore-Führung verdient gehabt hätten“, sagte Schwarz – die Anzahl der gefährlichen Torraumszenen hätte einen solchen Zwischenstand hergegeben.

          Einen etwas anderen Charakter bekam die Partie etwa von der 55. Minute an. Schwarz hatte den gelb-rot-gefährdeten Baku ausgewechselt und Alexandru Maxim gebracht. Der Rumäne lief und arbeitete für seine Verhältnisse zwar sehr viel, an die Defensivqualität des Youngsters reichte das allerdings nicht heran. Dass die Mainzer sich jetzt weiter zurückzogen und auf Konter setzten, zu denen sie kamen, ohne sie sauber auszuspielen, hatte einen weiteren Grund: Die Zwischenstände der Spiele ihrer direkten Konkurrenten gaben ihnen ein gewisses Sicherheitsgefühl. Und das, was der BVB in der letzten halben Stunde an Bällen vor das Tor des Adler-Vertreters Florian Müller brachte, verteidigten sie mit ebensolcher Sicherheit. Manchmal fußballerisch, manchmal rustikal, aber immer sauber.

          Mündige Sportler

          So ähnlich agierten schließlich zum Abschluss eines großen Tages der Vereinsgeschichte auch die beiden Kapitäne: Niko Bungert, der aufgrund einer Verletzungsmisere bislang kein einziges Saisonspiel bestreiten konnte, aber im Hintergrund eifrig mitgewirkt hat an der Auferstehung, sowie sein Stellvertreter Stefan Bell besuchten noch das Sportstudio, ehe sie zur Feier des Teams im Mannschaftshotel in der Mainzer Oberstadt stießen. Dort präsentierten sich die beiden Innenverteidiger als die sympathischen, bodenständigen und auch klugen Anführer einer Mainzer Mannschaft, die zusammengefunden hat in der Krise. Bungert verriet auch den Schlüsselmoment der Spielzeit nach der bitteren 0:3-Niederlage in Frankfurt Anfang März. „Da haben wir uns als Spieler zusammengesetzt und klargestellt, dass wir zu hundert Prozent an eine Rettung mit unserem Trainer glauben“, sagte Bungert. Anschließend habe der Mannschaftsrat in vielen Gesprächen mit dem Trainerteam alles in die richtigen Bahnen gelenkt.Das versteht man wohl unter mündigen Sportlern.

          Es versteht sich von selbst, wie Bungert auf die Anfrage von Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein reagierte, ob die Mainzer Spieler noch eine gute halbe Stunde im Studio warten und auf die Torwand schießen wollten. „Wir gehen zur Mannschaft. die brauchen uns dringender bei der Feier“, sagte Bungert. Der Star ist die Mannschaft. Mainz 05 hat am Samstag vielleicht mehr geschaffen als nur die Rettung für den Moment.

          Weitere Themen

          Der Jüngste erobert den Platz im Tor

          Mainz 05 : Der Jüngste erobert den Platz im Tor

          Bei Mainz 05 hat Trainer Sandro Schwarz sportliche Entscheidungen getroffen vor dem Erstrundenspiel im DFB-Pokal bei Erzgebirge Aue. Den Platz im Tor hat das jüngste von drei Eigengewächsen erobert.

          Die Bayern haben ganz große Mühe

          DFB-Pokal in Drochtersen : Die Bayern haben ganz große Mühe

          Die Viertliga-Spieler des SV Drochtersen/Assel schrammen nur knapp an der Sensation vorbei. Gegen den großen FC Bayern halten sie 81 Minuten ein 0:0. Dann schlägt ein Münchner doch noch zu.

          Tierfotos von unten Video-Seite öffnen

          Ungewöhnliche Perspektive : Tierfotos von unten

          Spiel mit Sehgewohnheiten: Der litauische Fotograf Andrius Burba setzt seine tierischen Models auf Glasplatten und drückt auf den Auslöser. Hunde, Katzen, aber auch Pferde hat er so bereits abgelichtet.

          Topmeldungen

          Jan und Lance am Pool

          Armstrong besucht Ullrich : „I love Jan“

          Auf der Rennstrecke waren sie Gegner, nach der Karriere verstehen sie sich offenbar blendend. Nun hat Lance Armstrong seinen gestrauchelten Freund Jan Ullrich getroffen. Und eine Bitte an seine Fans.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.