19.11.2011 · Das gereifte Kölner Idol Lukas Podolski kann nun wirklich die große Fußballwelt erobern. Sein Heimatverein ist nicht in der Lage, dem Lokalhelden die Klasse zu bieten, die er sich wünscht.
Von Thomas KlemmIn den vergangenen Tagen und Wochen ist die Kölner Bucht zu einem Erdbebengebiet der besonderen Art geworden. Erschütterungen rund um das Geißbockheim, die im Grünen gelegene Heimat des Fußballklubs, kehren zwar angesichts von sportlichen Krisen und anderen Aufgeregtheiten rund um den Traditionsklub ständig wieder. Aber die letzten beiden Beben auf der nach oben offenen FC-Skala wurden in Köln als besonders schwer empfunden.
Zum einen nahm Wolfgang Overath nach einer weiteren turbulenten Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag Knall auf Fall Reißaus, so dass das Büro des Präsidenten im Geißbockheim die nächsten Monate verwaist ist. Zum anderen fürchten die Freunde und Förderer des Vereins, dass nach dem Rücktritt der alten FC-Legende auch das aktuelle kölsche Idol in naher Zukunft das Weite suchen könnte. Einige Sätze Podolskis haben die Vereinsseele erschaudern lassen. Zum Beispiel dieser: „Wenn Anfragen kommen, und die werden bestimmt kommen, dann muss man eine Entscheidung treffen. Auch für sich alleine.“
Der Druck, Podolski nach dessen dreijährigem Intermezzo beim FC Bayern München ein zweites Mal zu verlieren, wird im Verein als so groß empfunden, dass FC-Geschäftsführer Claus Horstmann und Sportdirektor Volker Finke in der Winterpause über eine Vertragsverlängerung über den 30. Juni 2013 hinaus sprechen wollen. Bis zum Frühjahr müsse eine Entscheidung gefallen sein, sagt Finke, der FC werde nicht mit Podolski in die nächste Saison gehen, ohne dass dessen Kontrakt verlängert wäre. Andernfalls, so der Sportdirektor weiter, „würde uns der wirtschaftliche Super-GAU drohen“.
Dann wäre der für zehn Millionen Euro verpflichtete Nationalspieler im übernächsten Sommer ablösefrei, und der FC, der den Transfererlös sowieso mit Investoren teilen muss, stünde ganz ohne Ertrag da - und das bei 31 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass Podolski sich eineinhalb Jahre vor Ablauf seines Vertrages zu einer Zusage hinreißen lässt - bei aller bekundeten Liebe zum FC, zur Stadt und zu den Fans.
Auch von Joachim Löw können die Kölner keine Beruhigung erwarten, im Gegenteil. Jüngst bescheinigte der Bundestrainer dem von ihm stets geförderten Fußballprofi die Reife, „den Schritt ins Ausland zu gehen“. Eine Einschätzung, die auch in Podolskis engerem Umfeld geteilt wird. Bei allen Späßen, die er sich nicht verkneifen mag, tritt der Familienvater inzwischen erwachsener auf. In den letzten zwei, drei Jahren habe sich der Nationalspieler als Person und als Profi so weit entwickelt, heißt es, dass ihm ein Sprung in eine andere europäische Spitzenliga jetzt zuzutrauen sei. Wobei ein sportlich und finanziell reizvolles Angebot aus der Premier League (wie womöglich von Arsenal London) Podolski sicher eher dazu verleiten würde, der Bundesliga den Rücken zu kehren, als das Werben von Klubs wie AC Mailand, Lazio Rom, Galatasaray Istanbul oder Lokomotive Moskau.
Dass der mittlerweile 26 Jahre alte Profi mit einiger Verzögerung zu einem heißen Kandidaten für ausländische Champions-League-Teilnehmer geworden ist, liegt vor allem an Podolskis erstaunlichem Entwicklungsprozess in den zurückliegenden Monaten. Zwar hatte er zu Saisonbeginn reichlich Rückschläge zu verkraften: seine Absetzung als Spielführer, die derbe Kritik, der „lauffaulste Spieler der Bundesliga“ zu sein, und der Tadel seines getreuen Förderers Löw, dass Podolskis Leistungen in den Länderspielen allzu schwankten und der 95-malige Nationalspieler mitunter „zu passiv“ aufgetreten sei. Statt sich den Widerständen zu ergeben, steckte der Kölner alle Rückschläge so schnell weg, dass das Sommertheater erscheint wie eine Episode aus grauer Vorzeit.
Auch ohne Kapitänsbinde geht Podolski nun auf dem Platz oft voran. Er hat neun Saisontreffer erzielt und fünf weitere Tore vorbereitet, so dass er an fast drei Viertel aller Kölner Bundesligatore beteiligt gewesen ist. Dabei hat sich Podolski, der am liebsten in zweiter Sturmreihe hinter Milivoje Novakovic spielt, flexibel gezeigt und nach dem Ausfall des Slowenen auch als Spitze überzeugt. Außerdem wissen Trainer und Mitspieler zu schätzen, dass der Publikumsliebling stärker nach hinten rackert als früher. „Er zeigt, dass er ein wichtiger Spieler für uns ist, auch weil er sich gut ins System eingegliedert hat und mitarbeitet“, sagt Mittelfeldspieler Sascha Riether.
Maßgeblichen Anteil an Podolskis jüngster Entwicklung hat derjenige, der ihn zu Saisonbeginn degradierte. Trainer Solbakken glaubt an seinen Angreifer, betont ständig dessen Bedeutung für das Team, lobt ihn öffentlich überschwänglich, zum Beispiel als „besten Konterspieler Deutschlands“, und hat ihn gar mit Weltfußballer Lionel Messi verglichen. Weil die Chemie stimmt zwischen Trainer und Star, kann der Publikumsliebling auf dem Platz explodieren; so war es schon beim Münchner Intermezzo unter Jupp Heynckes und später in Köln unter Frank Schaefer. „Die Leute, die Podolski vertrauen, wird er nicht enttäuschen“, sagt einer, der es selbst erlebt hat.
Balsam auf seine empfindsame Fußballseele erhält Lukas Podolski indes nicht von allen Vereinsseiten. Vom alten Vorstand unter Overath bekam er in der öffentlichen Diskussion um die Kapitänsfrage weniger Rückendeckung, als er erwartet hatte. Und die eine oder andere Bemerkung von Sportdirektor Finke, ob kalkuliert oder unbedacht, hat das gegenseitige Verhältnis nicht gerade entspannt. In seinem Widerwillen gegen jede Form von Starkult betont Finke mehr oder weniger direkt, wie sehr der Verein dem Publikumsliebling entgegenkomme und wie wichtig eine „gute mentale Einbettung“ für Podolski sei.
Dazu hat Finke vor Wochen Podolski die Fähigkeit abgesprochen, konstant Höchstleistungen abzurufen. Die Fakten, die der Angreifer seitdem geschaffen hat, sind auch an Finke nicht spurlos vorübergegangen. Bei der Mitgliederversammlung sprach der Sportdirektor: „Lukas hat mehrere Drei-Punkte-Spiele entschieden.“ Es gebe daher „keinen größeren Wunsch, als dass er zufrieden ist und wir zufrieden sind und dass wir eine weitere Zusammenarbeit hinbekommen“.
Doch scheint es so, als ob sich Podolski mittlerweile über den Klub hinausgewachsen fühlt. Die alten Verheißungen der FC-Führung, um Podolski herum einen ambitionierten Kader zu formen, der über das Mittelfeld der Liga hinaus Hoffnungen wecken könnte, sind mehr als zwei Jahre nach dessen Rückkehr aus München weitgehend unerfüllt geblieben. Das ist die Crux in der Causa Podolski: Greifen die Rheinländer tief in die Tasche, um ihren überragenden Spieler und Sympathieträger zu halten, fehlt Geld für jene Verstärkungen, die der Star oft eingefordert hat. Kein anderer Bundesligaklub ist in seiner weiteren Entwicklung von einem einzelnen Spieler so abhängig wie der 1. FC Köln von Lukas Podolski.
FC und Poldi
Karin Wilms (Dr.Carlos)
- 19.11.2011, 14:34 Uhr
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |