Home
http://www.faz.net/-gtn-6rp45
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lukas Podolski Hiob oder Topp

25.09.2011 ·  Trotz aller Prüfungen durch höhere Mächte steht Lukas Podolski in Treu und Glauben zum 1. FC Köln. Auch an diesem Sonntag will er gegen Hoffenheim (15.30 Uhr) die Antwort auf dem Platz geben.

Von Thomas Klemm
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (3)
© REUTERS Im Stillen gelitten, laut zurückgeschlagen: Lukas Podolski, der Kölner Hiob

Vor einigen Wochen schien es so, als hätten sich alle höheren Mächte gegen Lukas Podolski verschworen, als wären dem Nationalspieler vom 1. FC Köln reihenweise Prüfungen auferlegt worden, wie sie einst der biblische Hiob leidvoll hatte erdulden müssen. Die erste Hiobsbotschaft erhielt Podolski vom neuen Kölner Trainer Stale Solbakken, der dem Publikumsliebling vor Saisonbeginn das Kapitänspatent wegnahm. Die zweite Hiobsbotschaft bekam der kölsche Fußballprinz schwarz auf weiß nach dem ersten Spieltag geliefert: Die erstmals veröffentlichten Spielerdaten der Deutschen Fußball-Liga bescheinigten ihm einen Laufweg von knapp neun Kilometer, woraufhin Podolski in einigen Medien als der „lauffaulste Spieler der Bundesliga“ geschmäht wurde.

Es folgte ein gesundheitlicher Rückschlag, ein Infekt, der den Kölner vorübergehend zum Zuschauen verdammte. Zudem musste er erleben, wie nach schwachen Länderspielen seine Zukunft als Stammkraft in der Nationalmannschaft in Frage gestellt wurde, und selbst Bundestrainer Joachim Löw als sein ewiger Fürsprecher mehr Aktivität und Konstanz einforderte. So viele Rückschläge und schlechte Omen in kürzester Zeit könnten einen Fußballprofi leicht an sich oder an den höheren Mächten (ver-)zweifeln lassen. Doch trotz aller schweren Prüfungen taugt „Poldi“ nur bedingt zum kölschen Hiob: Er haderte nicht lautstark mit seinem Schicksal, er beklagte sich nicht polemisch über jene Autoritäten, die ihm das Leben schwermachen. Lukas Podolski litt im Stillen. Er reagierte mit Stärke. Und schlug zurück.

Anfang dieses Monats legte er im Nationaltrikot einen überzeugenden Auftritt beim EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich hin. Vor acht Tagen ließ er beim 4:1 im rheinischen Derby eine Gala folgen, wo er seine Kollegen mit großer Spiellaune und zwei Toren zum ersten Kölner Sieg in Leverkusen seit sechzehn Jahren mitriss. Ein angenehmer Nebeneffekt: Der Kölner stahl Andre Schürrle, der im Nationalteam jüngst als sein junger und größter Rivale galt, die Schau. Während um ihn herum alle ins Schwärmen gerieten, trotzte Podolski dem immer wieder schnell aufkommenden rheinischen Überschwang auf seine gewohnt prägnante Art. Man sollte nicht nach einem starken Spiel „wieder anfangen zu träumen“, sagte er, „wir müssen noch hart arbeiten“.

Obwohl Podolski kaum Klage führt, ähnelt er in einer Hinsicht dem biblischen Frömmler. So wie Hiob trotz Armut und Krankheit nicht von seinem Gott abfällt, so steht auch der Kicker weiter in Treu und Glauben zu seinem FC. Zwar hat er nach dem Verlust der Kapitänsbinde seiner Enttäuschung ein wenig Luft gemacht und gesagt, er können „die Gründe nicht zu hundert Prozent nachvollziehen“. Zwar hat er in den vergangenen Wochen vage „verschiedene Themen“ beim Bundesligaklub kritisiert, die „nicht gut für die einzelnen Personen“ seien. Aber ein Wechselangebot von Galatasaray Istanbul, das mitten in den Kummer des kölschen Kickers hineinplatzte, kam nicht in Frage. Im Gegenteil: Als es darauf ankam, nach dem für ihn und den Klub miserablen Saisonstart für etwas Ruhe zu sorgen, war der Sechsundzwanzigjährige zur Stelle.

Gerade so von seiner Viruserkrankung erholt, wurde er in Hamburg zur zweiten Halbzeit eingewechselt und trug maßgeblich zum 4:3-Auswärtssieg bei. In Leverkusen zeigte er nicht nur seine bekannten Qualitäten wie Explosivität und außerordentliche Schusstechnik, sondern er rannte und rackerte auch wie des öfteren in der vergangenen Bundesliga-Rückrunde, als der Kapitän sein Team zu 29 Punkten und Platz zehn führte. Weil Podolski in Leverkusen auch in der Defensive eifrig mitgearbeitet habe, wurde er von Solbakken sogleich für künftige Spiele in die Pflicht genommen: Der Nationalstürmer, so der Kölner Coach, habe sich mit seinem von vorne bis hinten überzeugenden Auftritt „unter Druck gesetzt, weil wir alle sehen konnten, dass er auch in die andere Richtung Dinge machen kann“.

In der Beziehung zum ewigen Publikumsliebling ist der neue Trainer um Entspannung bemüht, damit die risikoreiche Degradierung Podolskis ohne sportliche Nebenwirkungen bleibt. Nach den Irritationen, als Solbakken den Brasilianer Pedro Geromel zum Spielführer ernannte, versucht er jene Wohfühlatmosphäre zu schaffen, die beim Stimmungsfußballer Podolski erst Höchstleistungen ermöglicht. Mal lobpreist der Norweger seine Offensivkraft als „den besten Konterspieler Deutschlands“, mal umschmeichelt er ihn wie am Tag nach dem Erfolg in Leverkusen, als er anregte, Podolskis starken Auftritt bei einem gemeinsamen Bier Revue passieren zu lassen. Zuletzt sagte Solbakken sogar, dass er den Nationalstürmer als Ersatz-Ersatzkapitän vorgesehen habe für den Fall, dass neben dem derzeit verletzten Geromel auch Sascha Riether ausfiele.

„Er ist eben nicht der routinierte, abgezockte Spieler“

Dass Podolski „eine gute mentale Einbettung“ braucht, wie es FC-Sportdirektor Volker Finke nennt, bewies schon sein unglückliches Intermezzo beim FC Bayern. Unter den Trainern Magath und Klinsmann vermisste er die persönliche Wertschätzung; erst als Jupp Heynckes zum ersten Mal und für kurze Zeit nach München zurückkehrte und die richtigen Worte fand, blühte Podolski in seinen letzten Spielen für den deutschen Rekordmeister auf. Wieder nach Köln gewechselt, stellte sich das alte Problem aufs neue: Trainer Zvonimir Soldo war nicht der große Kommunikator, Podolski fühlte sich unwohl, seine Leistungen schwankten auf mäßigem Niveau. Nur in der Nationalmannschaft, unter Löws fürsorglicher Führung, zeigte er, was in ihm steckt. Der Umgang mit dem Kölner sei gar nicht so schwer, behauptete der Bundestrainer. Podolski sei lernfähig und „freut sich, wenn man ihn kritisiert“.

Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass sich Lukas Podolski auch über die etwas skurrile Einschätzung Finkes in dieser Woche erfreut war. Der Sportdirektor lobte dessen Talent, stellte aber zugleich dessen Zuverlässigkeit in Frage. „Er kann ein super Fußballer sein“, sagte Finke der „Sport Bild“: „Aber er ist eben nicht der routinierte, abgezockte Spieler, der eine immer kalkulierbare Leistung abruft. Er ist abhängig von Emotion, Umfeld, Mentalität.“ Worte, die kurz vor dem Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim an diesem Sonntag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) wie ein Misstrauensvotum gedeutet werden können. Doch Podolski hat sich eine Klage gegen die neueste Prüfung durch eine höhere Macht (vorerst) verkniffen. Wenn er nicht langsam vom Glauben an den 1. FC Köln abfällt, gibt er im besten Fall die passende Antwort auf dem Platz.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Ergebnisse, Tabellen und Statistik