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Louis van Gaal im Gespräch „Die Leute mögen, dass ich schreie“

07.02.2010 ·  Die Münchner eilen von Sieg zu Sieg. Trainer Louis van Gaal spricht im Interview über holländische Jugendarbeit, deutsche Disziplin und seine Macht beim FC Bayern. Und der Trainer erklärt, warum er bei seinen Spielern auf Ausdauertraining verzichtet.

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Die Münchner eilen von Sieg zu Sieg. Trainer Louis van Gaal spricht im Interview über holländische Jugendarbeit, deutsche Disziplin und seine Macht beim FC Bayern. Und der Trainer erklärt, warum er bei seinen Spielern auf Ausdauertraining verzichtet.

Angenommen, ich wäre der neue Profi, den der FC Bayern im Winter geholt hätte: Wie könnte ich es mir am schnellsten mit dem Trainer verderben?

Wenn Sie nicht hundert Prozent Einsatz zeigen. Und wenn Sie sich als Persönlichkeit verstecken, nicht offen sind.

Sind Sie ein altmodischer Mensch?

In der Gesellschaft hat sich die Einstellung zu einigen Werten verändert, das finde ich nicht gut. Werte, die in meiner Familie noch normal waren und die in den Niederlanden inzwischen fast verschwunden sind. In Deutschland ist es noch etwas besser, Arbeitswille und Disziplin sind hier sehr gut.

Haben Sie sich verändert in den letzten sieben Monaten?

Nein, tut mir leid. Sie wollen das gern hören, aber ich habe mich nicht verändert. Ich habe eine Philosophie, die ist recht erfolgreich, es gibt nicht viele Trainer in der Welt, die mehr gewonnen haben als ich, das sind Ferguson und Capello und noch ein oder zwei vielleicht. Der FC Bayern hat mich deshalb geholt. Weil ich erfolgreich bin, weil ich attraktiv und dominant spielen lasse. Warum also soll ich mich ändern?

Im November kritisierte Uli Hoeneß: „Louis van Gaal ist der Meinung, dass er alles allein regeln muss.“

Das habe ich in meinem Verantwortungsbereich immer so gemacht, von der ersten Minute an.

Er hat auch gesagt: „Aber das schafft ein Einzelner nicht.“

Ich schaffe das schon.

Im November war Ihr Job in Gefahr.

Da stimmten unsere Resultate und der Tabellenplatz nicht. Da hätten sie mich entlassen können. Das wäre ihre Entscheidung gewesen.

Hätten Sie gern mehr Macht, so wie die Trainer in England, die zugleich „Manager“ sind?

Ich glaube nicht, dass das Macht ist. In Barcelona und bei Ajax war ich auch Trainer und Manager. Aber seit ich über 50 bin, will ich nur noch Trainer-Coach sein, so wie zuletzt bei AZ Alkmaar. Ich mache alles mit Argumenten. Wenn ich die besseren Argumente habe, wird der Vorstand dem folgen. Kenntnis ist Macht.

Sie kennen alle Spielsysteme. Warum hat es so lange gedauert, das richtige für den FC Bayern zu finden, ein 4-4-2 ohne Raute?

Wegen der Verletzungen. Und weil Ribéry, als er halbwegs fit war, nicht auf der Zehner-Position in der Raute spielen wollte. Deshalb habe ich das System geändert. Ich werde ein System immer nach den Qualitäten der Spieler wählen. Bei Ajax 3-4-3, in Barcelona 4-3-3, Alkmaar 4-4-2 und 4-4-1-1. Ich habe alle Systeme schon gespielt.

Sie hatten schon mit 43 Jahren alles erreicht: Champions League, Uefa-Cup, drei Meistertitel mit Ajax. Hat sich Ihre Methodik seitdem geändert?

Nein. Nur die Menschen haben sich geändert. Und das Umfeld, zum Beispiel die Medien sind viel mehr in den Vordergrund getreten. Der Fußball hat sich nicht mehr verändert. Man kann das Rad nicht neu erfinden.

Tempo, Taktik, alles ausgereizt?

Alles. Nur ist der Spielmacher heute nicht mehr auf der Zehner-Position wie in den siebziger Jahren zu Hause, sondern auf der 3 und 4 (die beiden Innenverteidiger) oder der 6 (vor der Abwehr). Ich suche Spieler mit diesem Profil. Das bringt Attraktivität und Effektivität auf lange Sicht.

Sie nennen Fußball einen „Wahlsport“. Weil man im Spiel ständig vor der Wahl steht, was man tun soll. Ist Ihre Hauptaufgabe, dem Spieler zu helfen, dass er die richtige Entscheidung treffen kann?

Ja, so trainiere ich. Ich trainiere viel mit dem Ball und viel in Spielsituationen. Als Trainer ist man immer abhängig von seinen Spielern und ihren Qualitäten. Sie haben die Wahl auf dem Platz. Ich kann das nur so gut übersetzen, dass die Spieler das gut machen werden. Und dass ich im Spiel nur auf der Bank sitzen und nichts tun muss. Das ist das Optimum.

Gegen destruktive Gegner wie Köln oder Frankfurt tat sich Ihr Team schwer, fand aber zuletzt gegen Mainz auch für dieses Problem spielerische Lösungen.

Ja. Es ist unglaublich, was wir in sechs Monaten erreicht haben. Jetzt können wir durch unser Positionsspiel auch solche Gegner schlagen, und das mehr oder weniger einfach.

Sie haben im Winter Ihren Kader um sechs Spieler verkleinert. Fürchten Sie nicht, dass Ihr Team, das noch in allen drei Wettbewerben vertreten ist, in der langen Rückrunde einknicken könnte?

Wir haben normalerweise keine verletzten Spieler. Kaum Muskelverletzungen. Das ist eine Frage der Dosierung der Intensität des Trainings. Und von der Atmosphäre in und um die Mannschaft.

Und das hängt mit der Kaderstruktur zusammen?

Wenn Spieler Perspektiven haben, sind sie motivierter, offener, es gibt eine bessere Harmonie und Atmosphäre. Ich habe jetzt 23 Spieler, davon 7 junge. Die jungen Spieler geben den älteren eine Extra-Stimulanz. Wir trainieren jetzt viel besser als vor der Winterpause. Das gibt Spaß. Und ich finde, dass die jungen Leute spielen müssen.

Die Betonung der Ausbildung junger Spieler, das frühe Heranführen an den Profi-Spielbetrieb: Das klingt nach Ajax-Modell.

Das Ajax-Modell war mein Modell. Man kann besser Jugendspieler ausbilden als eingekaufte Spieler. Die sind schon in einem Alter, dass sie nicht mehr von Grund auf ausgebildet werden wollen.

Arjen Robben haben Sie schon als 16-Jährigen in die holländische U-19-Auswahl geholt. Warum gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten keinen Tempo-Dribbler wie Robben?

Das ist die Ausbildung. Die Konsequenz in der holländischen Jugendarbeit. Zu meiner Zeit bei Ajax kam Bayern mit der Jugendabteilung, um zu beobachten, was wir machen. Und das kann man heute hier auch ein bisschen sehen.

Welches Bild haben Sie vom deutschen Fußball gewonnen?

Mein Bild hat sich nicht geändert. Die Deutschen können 90 Minuten durchstehen und kämpfen. Das können die Niederländer nicht. Das können auch die Spanier nicht. Und sie können 90 Minuten sehr gut verteidigen. Die Italiener können das auch, aber wenn der Gegner etwas ändert, können die Italiener nicht gut damit umgehen; die Deutschen können es. Der Fußball hier ist vielleicht nicht so schön wie in Spanien, Holland oder England. Aber er ist schwer zu schlagen. Und die Stadien sind in Deutschland fast immer voll, das ist wunderbar.

Wie stark ist die Bundesliga?

Sehr stark. Und gegen uns sind Gegner immer besonders motiviert. Deshalb ist es schwieriger für Bayern München, Meister zu werden, als zum Beispiel für Bayer Leverkusen.

Deutsche Teams kommen immer auch über die Physis. Sie aber lassen keine Ausdauerläufe machen. Legen Sie nicht so großen Wert auf Kondition?

Ich trainiere das auch, aber nicht mit Läufen. Läufe sind für Tiere. Wir sind Fußballer, wir müssen mit dem Ball üben. Wir müssen die Wahl üben, die Entscheidungen auf dem Platz. Also das Gehirn trainieren. Ich hoffe, dass ich meine Spieler dabei beeinflussen kann. Aber auch nicht zu viel. Ein Robben oder ein Ribéry müssen auch ihre Identität und Kreativität behalten.

Sie sind vierzig Jahre im Profifußball. Spüren Sie immer noch dieselbe Leidenschaft für Fußball?

Ich kann Fußball leider nicht mehr selber spielen. Aber die Leidenschaft ist dieselbe. Und ich bin ein besserer Trainer als Fußballer. Das macht es einfacher, die Leidenschaft zu behalten.

Wie reagieren die Fans auf Ihre Art?

Ich denke, die Leute mögen mich. Von der ersten Minute an. Die Menschen finden das gut, dass ich schreie und im Training sehr laut bin. Und weil ich viele Autogramme schreibe. Deshalb war ich immer populär, auch bei den schlechten Resultaten. Aber so schlecht waren sie ja gar nicht.

Wenn Sie davon überzeugt sind, dass Ihr Team besser ist als der Gegner und gewinnen sollte, sagen Sie das dann Ihren Spielern so? Oder warnen Sie und mahnen zur Vorsicht?

Nein, ich sage meinen Spielern alles so, wie ich es denke, wie ich es fühle. Das war am Anfang sehr schwierig für sie, weil ich so kritisch war. Aber inzwischen wissen sie gar nicht mehr, wie ihnen geschieht, weil ich so viele Komplimente mache. Ich bin ein Mensch, der gerne loben will, aber das ging nicht in den ersten drei Monaten. Dafür war die Leistung nicht gut genug.

Gab es, als Sie kamen, noch Nachwirkungen vom Klinsmann-Jahr? Spürten Sie eine Verunsicherung bei der Mannschaft?

Ich kann die Zeit vor mir, mit Klinsmann, nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass die Spieler mich immer gemocht haben, vom ersten Tag an. Ich war sehr kritisch, sehr hart die ersten drei Monate, aber sie haben mich immer gemocht.

In der Champions League erscheint Florenz als lösbare Aufgabe. Danach warten die Schwergewichte. Ist der FC Bayern ihnen schon gewachsen?

Barcelona, Manchester United, Chelsea sind immer noch einen Schritt zu weit voraus. Aber jetzt können wir auch gegen solche Mannschaften gewinnen. Nur würde ich mein Geld nicht darauf wetten.

Sie haben alles erreicht, nur noch keine WM gespielt, weil sie 2001 als „Bondscoach“ gegen Irland verloren.

Das war die größte Enttäuschung meiner Karriere. Aber ich werde noch eine WM mitmachen, oder auch eine EM, das ist für mich dasselbe. Ich will dieses Gefühl erleben. Ich denke, dass Bayern mein letzter Klub ist. Und dann gehe ich nach Portugal, und dort warte ich auf ein schönes Angebot von einer guten Nationalmannschaft.

Vielleicht von der deutschen? Aber ein Holländer als Bundestrainer, das geht wohl kaum, oder?

Abwarten. In zwei Jahren bin ich vielleicht Deutscher.

Das Gespräch führte Christian Eichler.

Quelle: F.A.Z.
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