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Kommentar : Ritterschlag für die Ultras

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Spieler kommen den Fans ganz nah nach dem Spiel gegen Leipzig. Bild: dpa

Eintracht Frankfurt erlaubt seinen Ultras, das Team auf das Finale im DFB-Pokal einzuschwören. Das ist eine ungeheure Aufwertung der Hardcore-Fanorganisation. Ein Kommentar.

          Was sollte das für ein Zeichen sein? Eine Belohnung für gutes Benehmen? Eine Vorleistung, um künftig besser Wohlverhalten einfordern zu können? Oder gar eine Kapitulation? Wir tun alles, was ihr wollt, schadet uns bitte nicht mehr. Im Endeffekt ist die Motivation unbedeutend, es kommt auf die Außenwirkung der Aktion an, bei den Sponsoren, bei der Stadt, bei der Polizei und dem DFB.

          Dass die Frankfurter Eintracht den Ultras erlaubte und sie dabei technisch unterstützte, nach dem letzten Bundesligaspiel einen Appell an die Mannschaft zu richten und sie auf das Pokalfinale einzuschwören, bedeutet eine ungeheure Aufwertung der Hardcore-Fanorganisation. Und eine Aufgabe der eigenen Richtlinienkompetenz. Wenn die Klubführung meint, eine Motivationshilfe für Berlin sei in dieser Form wichtig und richtig, dann kann sie die Ausführung nicht in Hände legen, die sie nicht kontrolliert und die sich schon schmutzig gemacht haben.

          Die Ultras sollen nicht verteufelt werden. Sie sorgen für Stimmung, sie haben eine Fankultur etabliert und leisten einiges auf sozialem Gebiet. Diese Gruppe ist auch keine homogene Organisation, die für Vergehen oder Missverhalten einzelner oder mehrerer als Ganzes verantwortlich gemacht werden kann.

          Alex Meier ist wieder da – und Eintracht Frankfurt auch beim 2:2 gegen Leipzig. Bilderstrecke

          Aber zum Selbstverständnis der Ultras gehört, dass sie die wahren Hüter des Fußballs sind, dass sie ihren Fanatismus ausleben dürfen, wie immer sie es für richtig halten: Mit Abbrennen von Pyrotechnik, mit dem Verunglimpfen der Gegner bis hin zu furchtbaren Gewaltaufrufen im Internet, mit Pfadfinderspielchen, gegnerische Fanabzeichen zu erobern und zu verbrennen, die dann auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen können. Dazu nehmen sie die Polizei nicht als Ordnungshüter, sondern als Gegner wahr. In der letzten Zeit hat sich diese Aggro-Attitüde unter den Ultras verstärkt. Es gibt Insider, die behaupten, es sei zum Markenkern der Frankfurter Ultras geworden.

          Dass Dino, der Capo, die Ansprache an die Eintrachtspieler hielt, war keine Überraschung. Er ist der wortgewaltige Einpeitscher, der mit dem Rücken zum Spielfeld über Verstärker die Sprechchöre vorgibt und dirigiert. Dabei bleibt es nicht bei „Heja SGE“. Die Gegner werden auch schon mal als Hurensöhne bezeichnet. Dino sitzt dabei auf einem Zaun, an dem Banner befestigt sind, auf denen mitunter geschrieben steht: „Stadionverbot – Bulle tot!“

          Ultras sehen sich wenigstens rund um Fußballspiele außerhalb der gesellschaftlichen Rechtsordnung. Sie folgen nur ihren eigenen Regeln. Die Eintracht wurde für die zahlreichen Vergehen in ihren Fanblocks in dieser Saison mit Zuschauer-Teilausschlüssen, Geldbußen und anderen Maßnahmen bestraft. Eine Distanzierung von den Ultras durch die Eintracht ist aber nie erfolgt, nur von den einzelnen Exzessen oder Straftaten. Vorstand Axel Hellmann schickte sogar seiner Verurteilung des Banners „Stadionverbot – Bulle tot“ den Halbsatz voraus: „Auch wenn die Polizei ab und zu Anlass zu Kritik gibt...“

          Dieses Anbiedern ist jetzt noch mit der Erlaubnis der Motivationsrede getoppt worden. Die Eintracht sollte sich nicht täuschen: Die, die heute das Anfeuern der Mannschaft organisieren, sind jene, die im Niedergang den Mannschaftsbus blockieren und das Training aufsuchen, um zu schreien: „Wir sind Frankfurter und ihr nicht.“ Wird die Eintracht ihnen dann auch Mikrofone geben, damit sie besser gehört werden?

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