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Kommentar Abwarten und Bier trinken

21.09.2008 ·  „Klinsi-Schande“, „Werder zertrampelt Bayern“, „Blamage“: Wie konnte das nur geschehen? Doch im Fußball ist fast alles möglich, und das 2:5 bewegt sich innerhalb des Rahmens, den das Leistungspotential beider Teams vorgibt.

Von Peter Heß
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Wie konnte das nur geschehen? Im Verlauf einer Bundesligasaison wird diese Frage unzählige Male gestellt, aber wohl selten beschäftigt sie so viele Fußballfreunde wie nach dem 2:5 von Bayern München gegen Werder Bremen. Doch so grell die Bezeichnungen das Ergebnis auch ausleuchten, „Klinsi-Schande“, „Werder zertrampelt Bayern“, „Blamage“, gerade in diesem Fall fällt die Antwort auf die Frage völlig unspektakulär aus: Im Fußball ist grundsätzlich fast alles möglich, und dieses Resultat bewegt sich noch innerhalb des Rahmens, den das Leistungspotential beider Mannschaften vorgibt.

Bayern und Werder bilden seit Jahren die Bundesligaspitze, mit einem Prä für die Münchner, was wegen ihrer überlegenen Wirtschaftskraft auch kein Wunder ist. Die Statistik der vergangenen fünf Jahre ergibt ein nur leicht unterschiedliches Bild: Fünf Bremer Siegen stehen vier Bayern-Erfolge entgegen, dreimal trennten sich die Teams unentschieden. Der 5:2-Auswärtstriumph von Werder am Samstag findet im 4:0 der Bayern 2007 in Bremen sein Gegenstück, die Bremer gewannen mal 3:0 zuhause, die Bayern 3:1.

Passendes Verhältnis von wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen „Ereignissen“

Schon in diesem kurzen Zeitraum nivellieren sich die Sensationen, schon in diesem halben Jahrzehnt ergibt sich ein passendes Verhältnis von wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen „Ereignissen“, wie Stochastiker das nennen. Laut Wahrscheinlichkeitsrechnung müsste nach sechs Würfen mit einem ungezinkten Würfel jede Augenzahl einmal gefallen sein. Das geschieht aber in den seltensten Fällen. Nach tausend oder gar zehntausend Würfen allerdings kommt die Realität der Prognose sehr nahe, obwohl auf dem Weg dorthin die unwahrscheinlichsten Serien fallen.

Dass Werder nach mäßigem Saisonstart und heftiger Kritik in München besonders aggressiv auftrat, ist aber nicht unwahrscheinlich; und dass es die Bayern nach den letzten Erfolgserlebnissen zum Wies’n-Start ein wenig gemütlicher angehen ließen, auch nicht. Dass dem unerfahrenen Torwart Rensing im fünften Bundesligaspiel seine ersten Patzer der Saison unterlaufen, dass Demichelis nach überragenden Leistungen zweimal nicht optimal zum Gegenspieler stand, fällt ebenfalls nicht in den Bereich einer Fußball-Sensation. Nur die Tatsache, dass Werder von den sechs sich aus den Tagesverhältnissen ergebenden Torchancen fünf zu Treffern nutzte, kommt halt nicht alle Tage vor.

Erst wenn sich die Ereignisse wiederholen, besteht Handlungsbedarf

Deshalb bedeutet das 5:2 nicht, dass Rensing wieder zu den Bayern-Amateuren und Demichelis in die zweite argentinische Liga zurückmüssen. Auch Luca Toni gehört nicht aufs Altenteil, weil er seine Tormöglichkeiten gegen Werder ungeschickt vertat, und Jürgen Klinsmann hat es auch nicht nötig, zu Udo Lattek zur Trainernachhilfe zu gehen.

Erst wenn sich die Ereignisse vom Samstag wiederholen sollten, müssten die Bayern-Verantwortlichen eingreifen. Solange hat Franz Beckenbauer recht, der Klinsmann empfahl, seinen Ärger mit einer Maß runterzuspülen. Abwarten und Bier trinken, mehr müssen die Bayern im Moment noch nicht tun.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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