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Klinsmann wird Bayern-Trainer Voller Lust auf neue Abenteuer

11.01.2008 ·  Jürgen Klinsmann wird neuer Trainer des FC Bayern München. Den Segen Franz Beckenbauers hat er zwar: Doch der ehemalige Bundestrainer muss in München nicht nur sportlich höchste Erwartungen erfüllen, sondern auch den alltäglichen Kampf mit jenen bestehen, die ihm mit Misstrauen begegnen werden.

Von Roland Zorn
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Als erstes ein Lächeln. Jürgen Klinsmann kehrte am Freitagnachmittag so zurück, wie er sich vor eineinhalb Jahren von der großen Fußballbühne verabschiedet hat. Konzentriert und entspannt zugleich genoss er den Augenblick, da ihn der FC Bayern München in einem überfüllten Hoteltagungsraum als seinen neuen Trainer von Beginn der Saison 2008/09 an vorstellte. Neben dem früheren Chefcoach der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hatten sämtliche Größen des größten deutschen Vereins auf dem Podium Platz genommen: der Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, Manager Uli Hoeneß, Vereinspräsident Franz Beckenbauer und Finanzvorstand Karl Hopfner. Sie alle demonstrierten vollkommene Einigkeit, große Zuversicht und die feste Überzeugung, mit dem 43 Jahre alten Schwaben die richtige Wahl für die kommenden zwei Jahre getroffen zu haben. Fürs erste sorgte der Klub, um den sich im deutschen Fußball seit Jahr und Tag alles dreht, jedenfalls für einen spektakulären Coup, nachdem Trainer Ottmar Hitzfeld dem Verein kurz vor Weihnachten mitgeteilt hatte, seine Mission nach dieser Spielzeit als erfüllt anzusehen.

Hitzfelds Nachfolger, ausnahmsweise im dunklen Anzug mit hellblau-karierter Krawatte auftretend, gab sich in seinen ersten Statements immer wieder „geehrt, Trainer beim FC Bayern werden zu dürfen“. Als Spieler war er schon einmal für zwei Jahre Angestellter des deutschen Rekordmeisters und Tabellenführers der Bundesliga. Er ging 1997 nicht nur mit guten Gefühlen, nachdem er immer wieder Auseinandersetzungen mit Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, dem langjährigen Platzhirsch der Münchner, auszustehen hatte. Auch mit Manager Hoeneß hatte der als Spieler auch in England (Tottenham Hotspur), Italien (Inter Mailand) oder Frankreich (AS Monaco) erfolgreiche Klinsmann seinerzeit, als der Klub mit ihm einmal deutscher Meister wurde und 1996 den Uefa-Pokal gewann, so seine Reibereien. Das aber gehöre, sagte Klinsmann im Blick zurück, dazu, „wenn man weiterkommen und positive Energien freisetzen will“. Nun wolle er mit den Bayern „das Maximum“ erreichen, denn die „Erwartungen sind hier ganz oben angesiedelt“.

Das „Nonplusultra“ des deutschen Fußballs

Der Mann, der im Sommer 2004 ebenso überraschend zum deutschen Bundestrainer und Nachfolger des bei der Europameisterschaft 2004 gescheiterten Rudi Völler ernannt wurde, gab sich am Freitag nicht als professioneller Reformer und schon gar nicht als Eiferer. Vielmehr lobte er den Klub, der nun wieder sein Arbeitgeber ist, als das „Nonplusultra“ des deutschen Fußballs und als eine der „sechs bis acht“ internationalen Topadressen. Klinsmann will zwar wie bei der Nationalmannschaft seinen eigenen Betreuerstab mit Fachkräften aus verschiedenen Ländern für die alltägliche Trainingsarbeit mitbringen, um jeden Spieler „individuell zu verbessern“, sprach aber nicht von einem Projekt, das er mit missionarischem Eifer auf den Weg bringen wolle. Dafür ist der mit nationalen und internationalen Titeln gesegnete Klub,, bei dem er aufs Neue angeheuert hat, eine in Deutschland zu mächtige Institution.

Video: Hitzfeld sieht in Klinsmann erstklassige Lösung

Wie 2004, als ihn der frühere Bundestrainer Berti Vogts als Trainerkandidaten beim Deutschen Fußball-Bund ins Gespräch gebracht hatte, ging es auch diesmal schnell. Als Rummenigge dem 108-maligen Nationalspieler, Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 den mit seinen Vorstandskollegen und dem Aufsichtsrat mit Beckenbauer an der Spitze abgestimmten Vorschlag machte, doch zu den Bayern zurückzukehren, zögerte Klinsmann nicht lange. Diesmal geht auch seine Familie, die in Kalifornien zu Hause ist, anders als im Jahr 2004 mit nach Deutschland. An München hat Klinsmann persönlich auch beste Erinnerungen, wurde doch hier sein inzwischen 10 Jahre alter Sohn Jonathan geboren.

Neuen Stil mitgebracht

Rummenigge überbrachte am Freitag als erster in aller Öffentlichkeit die frohe Botschaft, dass sich der Verein mit seinem neuen Trainer auf einen Zweijahresvertrag geeinigt habe. Mit Klinsmann habe der FC Bayern seinen „absoluten Wunschkandidaten“ von sich überzeugen können. Hoeneß freut sich darauf, nach Paul Breitner wieder einen „Querdenker“ mehr um sich zu haben. Interne Streitigkeiten angesichts so vieler Münchner „Alphatiere“, wie er hervorhob, fürchtet er nicht. „Wir haben einen Mann gesucht, der eine eigene Meinung hat, mit jungen Leuten umgehen kann, progressiv denkt und so vielleicht auch Fußball spielen lässt.“ Klinsmanns Fußball, das hat die Zeit mit der Nationalmannschaft bewiesen, steht für Offensive und den Mut zum Risiko. Damit sind die Deutschen von ihren Fans bei der märchenhaften WM im eigenen Land im Sommer 2006 begeistert gefeiert worden. Damals belegte das Klinsmann-Team Platz drei des Turniers nach teils hervorragenden Leistungen.

Den Bayern war, wie Hoeneß sagte, der „Stolz darauf, dass Jürgen sich für uns entschieden hat“, unschwer anzusehen. Auch Beckenbauer, unter dem Klinsmann 1990 Weltmeister wurde, sieht der Kooperation mit dem Mann, der im DFB für einen radikalen Wandel der Trainingsarbeit sorgte, neugierig entgegen. Klinsmann habe schon 2004 „einen neuen Stil mit Praktiken aus dem amerikanischen Sport mitgebracht“. Nach dem Erfolg bei der WM seien ihm „viele gefolgt“.

Alte Pfade verlassen

Auf was er sich in der Medienstadt München in diesem schillernden Klub einlässt, das wisse er, sagte Klinsmann am Freitag. Am ersten Tag seines Comebacks, dem vom Sommer an noch viele Tage folgen sollen, war der Überraschungseffekt ganz auf seiner Seite und der des Vereins, der es ausnahmsweise verstand, die Personalie Klinsmann bis zum Tag der Verkündung wie einen geheimen Schatz zu hüten. Nicht einmal Klinsmanns Stuttgarter Mama Marta wusste bis Freitag von der Rückkehr ihres Sohnes.

An diesem Samstag wird sich Klinsmann noch den Test der Bayern in der Allianz-Arena gegen die chinesische Olympia-Auswahl anschauen, ehe er wieder zurück an die amerikanische Westküste fliegt. Schließlich will auch der FC Bayern als nächstes wieder in den Alltag tauchen und mit Hitzfeld, dessen Rückholaktion am 1. Februar 2006 ebenfalls für Erstaunen sorgte, noch ein paar Titel erobern. Am Freitag schien es, als ob sich auch der über hundert Jahre alte Traditionsklub heftig danach sehne, endlich wieder als jung, couragiert, abenteuerlustig angesehen zu werden. Klinsmann verkörpert die Hoffnung des FC Bayern, alte Pfade verlassen und am Ende doch wie gehabt bei den großen Siegern des Fußballs landen zu können.

Jürgen Klinsmann im Porträt

Geburtsdatum: 30. Juli 1964 in Göppingen
Familienstand: verheiratet mit der Amerikanerin Debbie, zwei Kinder (Jonathan, Leila)

Vereine:

TB Gingen (1972 bis 1977),
SC Geislingen (1977 bis 1980),
Stuttgarter Kickers (1980 bis 1984),
VfB Stuttgart (1984 bis 1989),
Inter Mailand (1989 bis 1992),
AS Monaco (1992 bis 1994),
Tottenham Hotspur (1994 bis 1995),
Bayern München (1995 bis 1997),
Sampdoria Genua (Juli bis Dezember 1997),
Tottenham Hotspur (Januar bis Juni 1998)

Titel: Weltmeister 1990, Europameister 1996, deutscher Meister 1997 (Bayern München), UEFA-Pokalsieger 1991 (Inter Mailand) und 1996 (Bayern München), Olympia-Dritter 1988

Sonstiges: vom 22. Februar 1995 bis 4. Juli 1998 Kapitän der deutschen Nationalmannschaft; 1988 und 1994 Deutschlands Fußballer des Jahres; 1988 Bundesliga-Torschützenkönig; 1995 Englands Fußballer des Jahres; 1. Länderspiel am 12. Dezember 1987 in Brasilia gegen Brasilien (1:1); 108. und letztes Länderspiel am 4. Juli 1998 in Lyon gegen Kroatien (0:3).

Trainer-Bilanz: Bundestrainer (29. Juli 2004 bis 12. Juli 2006): 34 Spiele / 21 Siege / 7 Unentschieden / 6 Niederlagen Ergebnisse: Dritter beim Konföderationen-Cup 1995 in Deutschland WM-Dritter 2006 in Deutschland

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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