8,2 Millionen Euro Grundgehalt für Diego - sind Sie nicht vom Stuhl gefallen, als diese Summen veröffentlicht wurden?
Ich kenne die richtigen Zahlen. Ich wundere mich dabei nur, wie aus Spekulationen Wahrheiten werden. Das geht heute sehr schnell. Tatsächlich hat niemand die Verträge gelesen. Dass aber über die Verhältnisse in Wolfsburg spekuliert wird, überrascht mich nicht. Die Zahlen in der Spitze für Spieler mit hoher Qualität halte ich jedoch nicht für außergewöhnlich. Die findet man nicht nur beim Blick nach München, sondern auch bei zahlreichen anderen Klubs. Das sind Summen, die im Fußball bezahlt werden - und nicht nur in Wolfsburg, weil Volkswagen dahinter steht. Dass wir in Wolfsburg mit dieser finanziellen Entwicklung gerade in den letzten Jahren nicht zufrieden sind, ist aber auch ganz klar. Vor allem im mittleren Bereich sind zu hohe Gehälter an zu viele Spieler gezahlt worden.
Sie sind lange im Geschäft: Solche Gehälter und 40 Spieler unter Vertrag - wie ist das möglich?
Indem verschiedene Verantwortliche mehr kaufen als verkaufen. Die Idealgröße eines Kaders sieht sicher anders aus. Das ist eine Sache, die wir angehen müssen, aber darum dreht sich nicht unser ganzes Handeln.
Sie haben nun immer noch 40 Spieler auf der Gehaltsliste, und abwanderungswillig sollen manche trotz geringer sportlicher Perspektive nicht sein - weil das Konto stimmt. Klingt nach einer teuren Erblast.
Stopp, Stopp. Hier wird immer behauptet, unseren Kader zu reduzieren, sei unser größtes Problem. Das ist es nicht. Wir haben 32 Spieler mit ins Trainingslager genommen, weil wir überzeugt sind, dass es gute Profis sind, die ihren Job gut machen. Ein solcher Profi will eine Perspektive sehen und spielen können. Alle Spieler waren motiviert - und sie waren froh, dass sie ernst genommen werden und dem neuen Trainer zeigen konnten, was sie können. Bisher gibt es keinen, der gesagt hat: Ich bleibe hier und rühre mich nicht von der Stelle. Bei uns wird es aber auch nicht passieren, dass ein Spieler irgendwohin gegen seinen Willen abgeschoben wird.
Wie lange werden Sie brauchen, um den VfL Wolfsburg, was das Personal angeht, wieder auf einen Stand zurückzuführen, der den üblichen Gepflogenheiten der Branche entspricht?
Der Kader ist arbeitsfähig, das haben wir schon bewiesen. Wir sprechen von einer Idealsituation, die wir anstreben. Das wird ganz sicher zwei, drei Transferperioden dauern. Es hängt auch davon ab, was wir in dieser Zeit auf dem Transfermarkt einkaufen. Wir haben ja jetzt auch Ivan Perisic geholt, um unsere Mannschaft weiterzuentwickeln. Wir werden aber schon eine höhere Fluktuation haben, als ich sie in der Vergangenheit in Bremen hatte.
Angetreten sind Sie mit dem Auftrag und dem Wunsch, das Image des VfL Wolfsburg zu verbessern. Sie selbst haben Werder während der Saison verlassen, dann haben Sie dem Konkurrenten Nürnberg mitten in der Saison Trainer Dieter Hecking abgeluchst. Fürchten Sie, dass das Image des Klubs auf Sie abfärben könnte?
Nein, da habe ich überhaupt keine Bedenken. Wir werden nicht immer alle Menschen überzeugen können. Wenn man nach knapp 13 Jahren wie ich den Verein wechselt, kann man das nicht als Söldnertum bezeichnen. Ich glaube sogar, dass es in meiner Position der beste Zeitpunkt war, die Arbeit und die Umstrukturierung für die Saison waren gelaufen. Bei Dieter Hecking haben wir uns zu 100 Prozent an die Vertragsbedingungen gehalten, die zwischen Nürnberg und ihm bestanden haben. Er hatte eine Ausstiegsklausel. Wer sich genau informiert, wird dem VfL Wolfsburg nichts vorwerfen können. Dass in Verbindung mit Wolfsburg sehr viel über Geld gesprochen wird, ist allerdings auch richtig. Ich will es nicht Neid nennen, aber mancherorts wird schon kritisch auf unsere Verhältnisse geschaut.
Bei all diesen Transfers spielt die Finanzkraft des Klubs eine große Rolle. Wie können Sie das Image ändern, dass es im Zusammenhang mit Wolfsburg nicht immer heißt: Am Ende entscheidet doch nur das viele Geld?
Dass es wirklich so ist. Dieter Hecking ist nicht mit Geld geködert worden. Ivan Perisic ist nicht mit Geld geködert worden. Und ich bin auch nicht mit Geld geködert worden. Hier werden korrekte, marktübliche Gehälter gezahlt. Wir werden dafür sorgen müssen, dass der erste Reflex in Zusammenhang mit Wolfsburg nicht immer ist: Da gibt’s genügend Geld - und das Geld wird rausgeschmissen. Wir kommen da aber nur hin, wenn wir tatsächlich etwas Sinnvolles, Nachvollziehbares aus unseren Möglichkeiten machen. Dann wird das Gerede aufhören - zumindest wird es weniger werden.
Marktübliche Preise? Wenn man mit Ihren Kollegen spricht, dann hört man schon, dass es einen Wolfsburg-Aufschlag gibt, um den Standortnachteil auszugleichen.
Wenn das in der Vergangenheit so war, möchte ich das gerne ändern. Ich kann jetzt nur darüber reden, was ich zu entscheiden habe. Beim Trainer haben wir keinen Wolfsburg-Aufschlag bezahlt, bei Perisic haben wir keinen Wolfsburg-Aufschlag bezahlt. Ob der Klub bei mir davon ausgeht, einen Aufschlag gezahlt zu haben, weiß ich nicht. Ich glaube es nicht. Die Vergangenheit ist eine andere Sache. Da ist in einigen Fällen nicht mit genügend Augenmaß agiert worden. Wir müssen in Wolfsburg jetzt wieder selbstbewusster werden. Wir müssen den Spielern einen sportlichen Anreiz bieten, der ihnen signalisiert: Hier kannst du hingehen, hier kannst du sportlichen Erfolg haben, hier kannst du dich für die Nationalmannschaft empfehlen, hier ist vielleicht ein Sprungbrett, um später die ganz große Karriere zu machen. Da wollen wir hin.
Hohe Gehälter sind längst ein gesellschaftliches Thema, nicht nur bei Bankern. Bundestagspräsident Lammert hat zuletzt auch die Traumgehälter kritisiert, die durch öffentlich-rechtliche Gebühren im Fußball ermöglicht würden - fühlen Sie sich von der Diskussion angesprochen?
Wir müssen uns mit diesen Themen auseinandersetzen. Aber in diesem Fall sind das populistische Aussagen, genauso wie die Forderung nach einer Reichensteuer oder die Beteiligung von Vereinen an Polizeieinsätzen. Das kommt erstmal gut an. Aber da wird manchmal etwas kurz gedacht. Dabei müsste Lammert doch gut informiert sein. Die Fernsehsender würden diese Summen nicht zahlen, wenn es keinen Gegenwert gäbe. Das ist keine Liebhaberei, sondern ein hartes Geschäft. So ist unser System nun mal aufgebaut. Im übrigen: Auch Stars bei „Wetten, dass...“ werden mit Gebührengeldern bezahlt.
Haben Sie den Eindruck, dass die Deutschen den Fußballstars ihre Traumgehälter zubilligen? Die Reaktionen auf die Verpflichtung von Pep Guardiola bei den Bayern scheint dafür ein Beispiel zu sein.
Ich glaube, dass die Akzeptanz da ist. In Deutschland hat sich in dieser Beziehung etwas verändert. Ich glaube, dass man mittlerweile stolz ist, dass man einen solchen Trainer hat. In der Vergangenheit kannte man nur aus Italien, Spanien oder England, dass man stolz war, den teuersten Spieler verpflichten zu können. Aber der Unterschied ist: Bei aller Freude spielt auch die Vernunft bei den Deutschen noch eine große Rolle. Wenn man nur aberwitzige Dinge machen würde, könnten das die Leute nicht akzeptieren. Aber die Bayern haben sich das erarbeitet und können es sich erlauben. Ihr Geschäftsmodell trägt das. Dann ist das für die Leute in Ordnung. Und solche Transfers bedeuten ja auch nicht, dass die Eintrittspreise ins Unermessliche steigen. Man kann immer noch für zwölf, dreizehn Euro hinter dem Tor stehen. Das ist ganz wichtig.
Sie und Trainer Hecking gelten ja als grundsolide. Haben Sie nach nicht einmal 100 Tagen im Amt schon gespürt, dass diese erdige Haltung schon als Gegengewicht zur Vergangenheit wahrgenommen wird?
Ob die Charakterisierung stimmt, lasse ich mal außen vor ...
Sind Sie etwa nicht solide?
Ich bin solide. Aber wenn es sich darauf reduziert, ist solide fast schon ein Schimpfwort.
Solide, erfolgreich, perspektivisch - besser?
Schon besser. Dass Dieter Hecking und ich anders sind, ist in Wolfsburg schon wahrgenommen worden. Ich bin mit offenen Armen empfangen worden, ich spüre große Hoffnungen. Für den Start ist das gut - aber das muss auch so bleiben, damit man gemeinsam etwas erarbeiten kann. Das Streben, mehr zu tun als die anderen, muss erhalten bleiben. Das gilt für Spieler und Mitarbeiter.
Vor dem Rückrundenstart gegen Stuttgart steht der VfL als Tabellenfünfzehnter sieben Punkte vor dem Relegationsplatz und sieben Punkte vor der Europa League - wann wäre diese Saison für Sie ein Erfolg?
In erster Linie ist es wichtig, dass wir nach der turbulenten Hinrunde nicht hinten reinrutschen. Wir glauben aber schon, und das hat sich sehr genau im Trainingslager gezeigt, dass wir ein Team mit einer Menge Qualität haben. Und wenn wir das richtig zusammenfügen, dann müsste mehr drin sehen. Daher habe ich schon die Hoffnung, wenn wir gut aus den Startlöchern kommen, dass wir uns zumindest eine Chance erarbeiten, um an die internationalen Plätze heranzukommen. Dann hätten wir den richtigen Weg eingeschlagen. Und im Pokal haben wir auch noch die Chance, ins Halbfinale zu kommen - und vielleicht in Richtung Finale zu gehen. Das wäre dann eine sehr, sehr gute Saison für uns.