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Veröffentlicht: 21.02.2015, 10:29 Uhr

Präsident Keller im Interview Der SC Freiburg braucht keinen Scheich

Fritz Keller ist Präsident des kleinen SC Freiburg. Über Konzernklubs will er aber nicht jammern. Im FAZ.NET-Interview spricht Keller über den Schürrle-Transfer und das neue Stadion. Und er verrät, was er mit 50 Millionen Euro machen würde.

von
© dpa Fritz Keller sagt ja - unter anderem zu einem neuen Stadion in Freiburg

Herr Keller, wenn wir Ihnen 32 Millionen Euro mitgebracht hätten, oder seien wir großzügig, 50 Millionen, was würde der Sportclub Freiburg damit anfangen?

Michael Eder Folgen:

Vielen Dank erst mal für die großzügige Spende. Ich würde das Geld in eine Stiftung packen und damit sicherstellen, dass unsere Fußballschule total unabhängig vom Tabellenplatz und den Einkünften der Profimannschaft ist. Die jungen Leute sind unsere Zukunft, Ausbildung ist unsere Zukunft. Die Fußballschule ist unsere langfristige Lebensversicherung.

Sie würden das Geld nicht ins geplante Stadion fließen lassen?

Vielleicht würde ich einen Teil davon auch fürs neue Stadion nehmen, aber wir haben dafür ja eine Finanzierung stehen, die funktioniert. Ich würde auf jeden Fall nichts von dem Geld für Spieler anlegen, ich würde es so anlegen, dass es auch in zehn Jahren noch Sinn macht, dass es nachhaltig ist, das ist die Philosophie, nach der wir in Freiburg arbeiten. Es geht um Verantwortung für die Zukunft von Menschen.

Stadion SC Freiburg © dpa Vergrößern Status quo: Derzeit spielt der SC Freiburg im „Stadion an der Schwarzwaldstraße“

Der VfL Wolfsburg kauft mit Hilfe von VW für 32 Millionen einen einzigen Spieler: André Schürrle. Mit Gehalt summiert sich diese Investition auf geschätzt 50 bis 60 Millionen. Wie kommt so etwas an bei Ihnen?

Wir haben schon sehr lange damit zu tun, dass wir am unteren Ende der Einnahmenskala stehen. Die Schere geht immer weiter auf, und deshalb müssen auch wir investieren, deshalb brauchen auch wir ein neues, modernes Stadion. Auch wenn die Situation für uns immer schwieriger wird, habe ich grundsätzlich nichts gegen Vereine, die in den Fußball investieren, weil das einfach zeigt, wie wichtig er ist. Ein Fußballverein ist eine Heimat, in die man vielleicht schon als Kind einsteigt und immer noch dabei ist, wenn man in Rente geht. Da gibt es eine tiefe Verbundenheit über den Tag hinaus.

Kein Neid auf Klubs wie Wolfsburg, Leverkusen oder Leipzig?

Man muss zugeben, dass die Führungsqualitäten der konzernabhängigen Vereine oftmals sehr gut sind, weil auch sie längerfristig denken und es auch einfacher haben, stabile Führungsstrukturen aufzubauen. Deshalb sind sie vielen anderen Vereinen nicht nur vom Geld her überlegen, sondern auch von der Ruhe und Qualität ihres Wirtschaftens. Und auch vor einem Verein wie den Bayern kann ich nur den Hut ziehen, ich bin kein bisschen neidisch auf sie, es muss auch Marktführer geben. Ich finde großartig, was sie leisten.

Hat die romantische, die Freiburger Seite des Fußballs angesichts dieser Konkurrenz noch eine Zukunft? Oder werden auch Sie schon bald auf Investoren angewiesen sein?

Wir werden unsere Seele nicht verkaufen, sondern weiter in Generationen denken. Sich auf jemanden einzulassen, der den Fußball und den Verein nur als Spielwiese betrachtet, ist zu gefährlich. Wir brauchen keinen Scheich, der sich heute einen Fußballverein kauft und morgen dann doch lieber eine Yacht oder eine Insel. Aber wir wissen natürlich auch: Nur romantisieren, das bringt nichts. Wir müssen beides miteinander verbinden: Herz und Kopf, und das tun wir. Wir sind dabei, uns auf neue Zeiten vorzubereiten, wir arbeiten ständig an unserer Modernisierung. Wir sind kein Hasenzüchterverein, wir arbeiten professionell.

Muss die Deutsche Fußball Liga mehr für die kleinen Vereine tun? Einen besseren Finanzausgleich bei den Fernseheinnahmen zwischen Klein und Groß schaffen?

Wenn es eine Liga in Europa gibt, die eine große Solidarität ausstrahlt bis in die dritte Liga hinein, dann ist das die Bundesliga. Worüber man aber reden muss, ist, dass das Prinzip des Financial Fairplay, wonach die Vereine alles aus dem Fußball erwirtschaften sollen, in der Bundesliga nicht stattfindet. Ich bin nicht der Vereinsjammerer gegen die Konzernklubs, aber in dieser Richtung muss etwas passieren.

Den Bürgerentscheid über das neue Stadion haben die Befürworter deutlich gewonnen. Was wäre passiert, wenn es andersherum ausgegangen wäre?

Dann hätten wir wahrscheinlich einen Teil unserer Unabhängigkeit verloren. Ohne neues Stadion hätte wir Szenarien entwickeln müssen, die darauf hinausgelaufen wären, Vereinsanteile zu verkaufen. Jetzt haben wir eine andere Perspektive. Ich bin heilfroh, dass der Bürgerentscheid im Sinne des SC Freiburg ausgegangen ist. Es gibt ja nicht mehr viele Entscheide dieser Art, die für etwas entschieden werden und nicht etwas.

Geplanter Neubau Stadion SC Freiburg © dpa Vergrößern Noch ein Modell: Der geplante Neubau am Flugplatz in Freiburg

Erstaunlich: Trotz Ihrer schwierigen Finanzsituation haben Sie 15 Millionen Euro angespart, die in den Stadionbau fließen.

Ja, wir haben für das Stadion 15 Millionen auf der Bank liegen, und wir haben auch noch was unterm Kopfkissen für Notfälle. Ein Abstieg in die zweite Liga wäre für uns keine Katastrophe, kein worst case, sondern nur ein bad case, wir könnten uns auch dann – selbst über mehrere Jahre – ein Spitzenteam in der zweiten Liga leisten. Das ist die Art, wie wir wirtschaften.

Sie sind im normalen Leben Gastronom, Weinhändler und renommierter Winzer. Wie ist das mit den Reben? Kann man aus durchschnittlichen Trauben einen großen Wein machen?

Nein. Man kann in der Landwirtschaft sehr schön etwas über das Urunternehmertum lernen: Verantwortung für die Zukunft – wenn man herausragende Weine machen will, geht das nur so. Ich pflanze gerade auf Kleinterrassen, die wir wieder beleben, Reben an, die erst in vielen Jahren Trauben für große Weine hervorbringen werden, davon wird vielleicht erst die nächste Generation profitieren. Im Weinbau muss man in Jahrzehnten rechnen, wenn man etwas Großes auf die Beine stellen will. Es kommt auf den Nährboden an, die Pflanzung, das Wachstum, die Pflege, die Reifung. Im Fußball ist das ähnlich. Man muss alles von Anfang an richtig und gut begleiten.

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Die Freiburger Fußballschule war eine der ersten ihrer Art in Deutschland und genießt nach wie vor einen hervorragenden Ruf. Auch Trainer Christian Streich und Sportvorstand Jochen Saier sind dort groß geworden. Ist das Teil Ihrer Philosophie, auch Trainer und Management im Klub wachsen zu lassen?

Das hat sich so ergeben, kann aber auch mal anders sein. Auf jeden Fall ist es ein großer Vorteil. Jochen Saier hat früher die Fußballschule geleitet und unsere Philosophie mitentwickelt. Und Christian Streich brauche ich nicht zu erklären, dass er nicht zwei neue Spieler kriegt, wenn ein anderer mal für zwei Wochen in einem Tief steckt. Er weiß, um was es bei uns geht. Dass ein Trainer bei uns Ausreden sucht, dass er sagt, es liege am Kader, wenn es gerade mal nicht läuft, ist unmöglich, so einer hätte bei uns nichts zu suchen, der würde seiner Führungsaufgabe nicht gerecht. Wir spielen in Freiburg nicht Playstation, bei uns geht es nicht um Spielfiguren, sondern um Menschen. Und viele junge Profis, seien wir ehrlich, sind noch nicht ganz im Leben angekommen, weil sie ja auch immer sehr bevorzugt worden sind bei dem, was sie bisher erlebt haben. Die tragen dann oft auch eine gewisse Einsamkeit mit sich, auch der müssen wir begegnen.

SC Freiburg coach Streich gestures during Bundesliga soccer match against Borussia Dortmund in Freiburg © Reuters Vergrößern Auch Trainer Streich gehört zum Freiburger Weg: „Er weiß, um was es bei uns geht“

Worauf kommt es an in der Ausbildung eines Fußballprofis?

Wir bilden Teamplayer aus und keine Ellenbogenmenschen. Man kann junge Menschen noch formen, sie begleiten, nicht nur als Fußballer, sondern auch als Menschen. Ein angehender Profi muss wissen, dass er zum Vorbild für Millionen junger Menschen werden kann, dass es auch um die Abstrahlung seines Tuns in die Gesellschaft geht. Man hilft den jungen Leuten, wenn man sie mit diesen Werten erzieht. Wir haben Freude daran, wenn einer aus unserer Fußballschule Profi wird, aber wir haben auch Freude daran, wenn einer die Ausbildung, die bei uns auch immer eine schulische Ausbildung ist, und den Teamgeist mitnimmt und außerhalb des Fußballs Karriere macht – wenn es für die Profikarriere nicht reicht.

Ist diese ganzheitliche Ausbildung ein starkes Argument für Freiburg beim Werben um jugendliche Talente?

Ja, das ist ein sehr starkes Argument – bei intelligenten Eltern, die weiter denken. Ausschließlich merkantil orientierte Jungs und Eltern gehen woandershin, sie sind bei uns an der falschen Adresse. Wenn ein Verein kommt und bietet dem Jungen und seinen Eltern ein Gehalt wie einem Generaldirektor, dann haben wir keine Chance.

Wann wird das neue Stadion fertig? Wie ist der Zeitplan?

Ich schätze, dass das erste Spiel 2019 stattfinden kann. So lange müssen wir noch den ein oder anderen Spieler mehr verkaufen. Mit dem neuen Stadion und den damit verbundenen höheren Einnahmen erhoffen wir uns dann, dass wir den einen oder anderen ein bisschen länger behalten können.

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