Ein Haus am Stadtrand Hannovers hat Jörg Schmadtke schon gefunden. Eines mit genug Platz für ihn, seine Frau Andrea und Tochter Mara. Naturnah, damit ausreichend Grün-Raum besteht für lange Spaziergänge mit seinem Hund, dem Weimaraner Henry. Man kann davon ausgehen, dass Schmadtke genug Zeit fürs Gassigehen haben wird, wenn er den Job bei Hannover 96 nach seiner elfwöchigen Auszeit am 10. September antritt.
Denn der Sportchef der „Roten“ wird als Teilzeitkraft zurückkehrten - täglich von 9 bis 13 Uhr. Erst vom 1. Januar 2013 an soll Schmadtke in Vollzeit arbeiten. So sieht es der Wiedereingliederungsplan vor, den Schmadtke, sein Anwalt Uwe Ilgenfritz-Donné und Martin Kind, Präsident von Hannover 96, im Mai ausgearbeitet haben, nachdem Schmadtke wegen nicht näher beschriebener „privater Probleme“ um eine Vertragsauflösung gebeten hatte, sich dann aber von Kind umstimmen ließ.
So manch einer in Hannover reibt sich immer noch verwundert die Augen, dass ausgerechnet Kind seinem leitenden Angestellten Schmadtke diese Auszeit mit anschließender Gleitzeit gestattete, ist der erfolgreiche Hörgeräte-Unternehmer doch ein Mann preußischer Disziplin. Und manch einer in der Landeshauptstadt von Niedersachsen wartet stündlich drauf, dass sich der Chef fürchterlich aufregt, seinem wichtigsten Angestellten das Mini-Sabbatical zugestanden zu haben - weil er ihn nun nicht sofort erreicht, wenn er ihn braucht. Doch Irrtum.
Während der 48 Jahre alte Schmadtke zuhause in Düsseldorf eben das Familienleben genießt, dessen Ausbleiben ihn dazu gebracht hatte, um diesen im Profi-Fußball ungewöhnlichen und bislang einzigartigen Sonderurlaub zu bitten, geht sein Arbeitgeber den ganz normalen Weg eines Bundesliga-Klubs in der Vorbereitung - auch ohne ihn. Falls nötig, auch mit ihm.
„Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagte Schmadtke vor seinem Abschied Ende Juni, „es gibt Telefone, und wenn es etwas Wichtiges ist, bin ich auch erreichbar.“ Wie zu hören ist, verkehren Schmadtke und Trainer Mirko Slomka nicht selten via SMS oder E-Mail. Allerdings gibt es derzeit gar nicht so viel zu besprechen, denn Schmadtke hat ein bestelltes Feld hinterlassen. In Innenverteidiger Felipe von Standard Lüttich und dem japanischen Rechtsverteidiger Hiroki Sakai kamen Slomkas Wunschkandidaten für die Abwehr; um Sakai zu bekommen, reiste Schmadtke eigens nach Japan und stach dort einige Konkurrenten im Buhlen um das Talent aus.
Als dritter von geplanten vier Einkäufen kommt Mittelfeldspieler Adrian Nikci vom FC Zürich hinzu. Sehr positiv wurde Schmadtke intern ausgelegt, den Österreicher Emanuel Pogatetz für eine üppige Ablöse zum VfL Wolfsburg verkauft zu haben - 2,5 Millionen Euro für einen Spieler, den Slomka wegen zunehmender Reibereien nicht mehr haben wollte.
Kinds Veto-Recht
Sollten jetzt noch Transfers bis zum Ende der Wechselperiode Ende August anstehen, werden sich Kind und Slomka drum kümmern. Sie übernehmen Schmadtkes Job auch in der Tagesarbeit, unterstützt von seinen Assistenten Nadine Große und Dominic Prinz. Bis Schmadtke wieder da ist, wird Kind in Sachen Vertragsverlängerungen Ansprechpartner der Spieler sein. Bei der Auslosung der Europa-League-Play-offs am 20. Juli in Nyon wird Organisations-Chef Thorsten Meyer Schmadtke vertreten; ein Mann, der ihn schon bei allen Auslosungen der vergangenen Europapokal-Saison nach Nyon und Monaco begleitete - dort also als Abgeordneter der „Roten“ nicht hilflos durch die Gänge stolpern wird.
Fürs Erste scheint der Präsident zufrieden mit den „Urlaubsvertretungen“, zu denen er ja auch selbst gehört, auch wenn es nicht ganz so krass kommen musste, wie Schmadtke andeutete: „Zur Not verkaufe ich in drei Wochen zwanzig Spieler und hole zwanzig neue.“ Kind also sagt: „Alles ist organisiert, nichts bleibt liegen. Außerdem weiß ich ja, wie das Geschäft funktioniert. Wir wollen Herrn Schmadtke so wenig wie möglich belasten.“
Auch in seiner Abwesenheit wird sich an einem ehernen Gesetz bei Hannover 96 ohnehin nichts ändern: Wichtigster Mann im Klub bleibt Martin Kind. Der Chef hat bei allen Entscheidungen ein Veto-Recht.
Die „Akte Slomka“
Zum neuen Schuljahr werden die Schmadtkes dann gemeinsam nach Hannover ziehen. Schmadtke hat seine Single-Wohnung im Hannoveraner Zoo-Viertel gekündigt. Tochter Mara soll hier ihr Abitur machen, Schmadtke der Familie näher sein, als es zuletzt möglich war. Das ist der Familien-Plan. Eingeschlossen in die Auszeit ist ein ausgedehnter gemeinsamer Urlaub. Dienstlich wird nach seiner Rückkehr die „Akte Slomka“ ganz oben auf dem Tisch liegen: Der Vertrag mit dem Trainer läuft Ende Juni 2013 aus.
Zuletzt wunderte sich Slomka öffentlich darüber, dass die Gespräche mit ihm auf Eis lägen. Kind konterte kühl, die Prolongation des Slomka-Kontraktes sei nicht seine, sondern Sache Schmadtkes. Slomka wird sich gedulden müssen. Und so viel Entgegenkommen wie im Fall Schmadtke wird der Trainer in Hannover ohnehin nie erleben. Ihn verbinden nur sachliche Arbeitsbeziehungen mit Kind und Schmadtke. Aber abwarten: Eine längere Pause hat ja schon mancher Beziehung gutgetan.