Home
http://www.faz.net/-gtn-738ug
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jermaine Jones im Gespräch Die Metamorphose des Kämpfers

 ·  Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg: Unter Trainer Huub Stevens ist Jermaine Jones bei Schalke 04 wieder zu einer festen Größe geworden. Trotzdem will sich der Mittelfeldspieler wenigstens etwas ändern. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Kampfgeist und Talent.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© AFP Bereit für Veränderungen: Jones will seiner Spielweise treu bleiben, aber künftig auch mehr überlegen

An einem Tisch im Vereinsbistro „Ess null vier“ sitzt Jermaine Jones und wartet. Die Dame aus der Presse-Abteilung muss ihn vertrösten, weil der Tisch, an dem das Interview stattfinden soll, noch nicht frei ist. Huub Stevens, der Cheftrainer des FC Schalke, erläutert dort einem Reporter die Lage weit ausführlicher, als es zu erwarten war. Mit Hilfe seines Smartphones überbrückt Jones, der vielen als rücksichtsloses Rauhbein gilt, die Wartezeit, ohne zu murren. Wenn er wegen Stevens warten muss, kommt es ihm nicht so leicht in den Sinn zu protestieren.

Jones und sein Trainer verstehen sich gut, auch weil sie einander ähneln: beides Kämpfernaturen, die es nicht leicht hatten, bevor sie in der glamourösen Welt des Berufsfußballs zu festen Größen wurden; beides Männer, die nicht zurückweichen, wenn sie auf Widerstand stoßen, schon gar nicht, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen; beides Typen, die dem Gesetz des Stärkeren durchaus etwas abgewinnen können; die auch mal anecken in einer Fußballgesellschaft voller angepasster Jünglinge. Als Stevens vor einem Jahr Ralf Rangnick in Gelsenkirchen ablöste, war die Welt für Jones wieder in Ordnung. „Jetzt scheint hier wieder die Sonne“, sagte er nach dem ersten Training unter dem Niederländer, der immer noch ein strenger Vorgesetzter ist, aber moderater, moderner wirkt als früher.

Was schätzen Sie an Stevens?

„Er kommt geradewegs auf dich zu und sagt dir, was er denkt. So wie ich. Wir sagen uns die Meinung hinter verschlossenen Türen, aber wenn wir rausgehen, wissen wir beide, worauf es ankommt, was das Beste ist für die Mannschaft.“

Durch die Schule von Huub Stevens zu gehen mag ein Grund dafür sein, dass Jones seinen Widersachern künftig als geläuterte Persönlichkeit gegenübertreten will, ohne seine Identität als furchtloser Kämpfer aufzugeben. Vor Saisonbeginn kündigte der dreißig Jahre alte Mittelfeldspieler eine Metamorphose an.

Sie haben gesagt, Sie wollten Ihr gesamtes Spiel, Ihr gesamtes Ich ändern. Was meinen Sie damit?

„In der vergangenen Saison habe ich extrem viele Gelbe Karten bekommen. Da war auch manch dumme Verwarnung dabei, die sich hätte vermeiden lassen. Deshalb versuche ich, meine Spielweise ein bisschen zu verändern. Es gibt wenige, die mir in der Bundesliga davonlaufen, also brauche ich gar nicht so früh und mit so viel Risiko ins Tackling zu gehen.“

Den Höhepunkt erreichten seine Fehltritte beim Pokalspiel in Mönchengladbach. Während die Partie unterbrochen war, trat Jones dem gegnerischen Stürmer Marco Reus gezielt auf dessen lädierten Fuß. Eine breite Öffentlichkeit empörte sich über ihn. Die Aktion grenzte an vorsätzliche Körperverletzung und trug dem Übeltäter sechs Spiele Sperre ein - eine der höchsten Strafen, die das Sportgericht des DFB in den vergangenen Jahren verhängt hat.

Bereuen Sie das Foul an Marco Reus inzwischen?

„Ja, natürlich. Das war ein Fehler, eine überflüssige Aktion.“

Wird die Person Jermaine Jones aufgrund solcher Einsichten weicher oder bleiben Sie der „Leader“, der seine Führungsrolle auch mit einer gewissen Aggressivität zur Geltung bringt?

„Ich werde mir selbst treu bleiben. Auf dem Platz mit einer gewissen Aggressivität voranzugehen ist wichtig, gerade für eine so junge Mannschaft wie unsere. Der Trainer hat mir gerade erst wieder gesagt, genau das gehöre zu meinen Stärken. Das hat man oder man hat es nicht, das kann man nicht trainieren.“

Warum sind Sie nicht im Mannschaftsrat, wo Sie jungen Spielern helfen könnten?

“Es war meine eigene Entscheidung. Meine Frau erwartet unser fünftes Kind, und eine Aufgabe im Mannschaftsrat brächte zusätzliche Verpflichtungen mit sich. Wer mich kennt, weiß jedoch, dass ich auf Schalke eine wichtige Rolle spiele, auch ohne Sitz im Mannschaftsrat.“

Jones gehört zu den dienstältesten Profis des FC Schalke 04. Bei diesem Klub erlebte er Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg. Nicht jeder Trainer kam so gut mit ihm aus wie jetzt Stevens. Felix Magath, der machtbewusste, zudem mit Vorstandsaufgaben betraute Fußball-Lehrer, konnte, auch verletzungsbedingt, mit Jones nicht viel anfangen. Als Magath ihn in die zweite Mannschaft abschieben wollte, steuerte Jones auf einen Karriereknick zu.

Hat Magath Ihre Karriere gefährdet?

“Magath ist ein Typ, der seine Meinung vertritt, genau wie ich. Das akzeptiere ich. Doch wenn ich das Gefühl habe, im Recht zu sein, mache ich keinen Rückzieher. Bis Magath hierhergekommen ist, hatte ich eine Superzeit auf Schalke. Ich habe mich wohl gefühlt. Nur mit dieser einen Person hat es nicht gepasst, und diese Person saß am längeren Hebel. Also bin ich zu den Blackburn Rovers gegangen, weil ich gehen musste. Ich wollte keine schlechte Laune verbreiten als Spieler, der bei den Profis keine Chance bekommt. Das halbe Jahr in England hat mir einige Erfahrungen und neue Eindrücke gebracht, aber der DFB-Pokalsieg mit Schalke wurde mir genommen.“

Warum hat es mit Magath nicht funktioniert?

„Wenn jemand versucht, mir Unrecht zu tun, lasse ich mir das nicht gefallen, vor allem nicht, wenn es um meine Gesundheit geht. Im Endeffekt beurteilen Ärzte, wie schwer eine Verletzung ist. Wenn sie sagen, es dauert so und so lange, dann ist es so. Magath hat nicht Medizin studiert, sondern ist Fußballtrainer. Trotzdem dachte er, er könnte allein darüber entscheiden, wie lange jemand braucht, um wieder fit zu werden.“

Jones hat gelernt, sich unter widrigen Umständen zu behaupten, lange bevor er auf Magath traf. Er wuchs im Frankfurter Stadtteil Bonames auf, einem sozialen Brennpunkt. Sein Vater war amerikanischer Soldat, seine Mutter Deutsche. Der junge Jermaine sah sich den „Regeln“ der Straße ausgesetzt, nicht nur, wenn ein Ball im Spiel war. Und er hat sich durchgesetzt, seinen Traum verwirklicht.

Was ist wichtiger: Kampfgeist oder Talent?

„Ich glaube, Kampfgeist ist noch einen Tick wichtiger als Talent, wenn man nach oben will. Aufgrund meines Willens habe ich den einen oder anderen hinter mir gelassen, der mehr Talent hatte als ich. Man muss kämpfen können, es geht ja auf dem Platz nicht nur um Punkte, sondern auch um Geld.“

Hat diese Sicht etwas mit Ihrer Herkunft zu tun?

„Für mich ist das eher eine Frage des Charakters, der Persönlichkeit, egal wo man herkommt. Wenn ich auf dem Platz stehe, will ich gewinnen. Wer mich privat kennt, weiß aber, dass ich ein ruhiger Typ bin. Und zu meiner Herkunft: Ich bin zwar in Bonames aufgewachsen, aber in meinem polizeilichen Führungszeugnis steht nichts drin.“

Beim FC Schalke steht Jones noch zwei Jahre unter Vertrag. Er sagt, er könne sich vorstellen, noch einmal zu verlängern und seine europäische Karriere im Ruhrgebiet zu beenden. Danach will Jones mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten auswandern, für die er als Nationalspieler kickt, obwohl er zunächst das Ziel verfolgt hatte, sich für das Aufgebot von Bundestrainer Löw zu empfehlen.

Gefällt es Ihnen nicht mehr in Deutschland?

„Doch, doch. Ich bin dankbar für vieles, was ich hier erleben und erlernen durfte. Aber es war immer mein Ziel, in Amerika zu leben. Diesen Traum werden wir uns als Familie erfüllen. Ein Haus in Los Angeles haben wir schon gekauft. Die Kinder wollen schon gar nicht mehr zurück, wenn wir dort im Urlaub sind. Der ganze Lebensstil in Amerika gefällt mir, die Leute sind locker, und es scheint fast immer die Sonne. Aber es ist keine Entscheidung gegen Deutschland, sondern eine für die USA.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.