31.01.2009 · Die Verletzung von Torjäger Ibisevic hat Hoffenheim schwer getroffen. Mit Boubacar Sanogo soll es aber genauso stürmisch weitergehen. Im F.A.Z.-Interview spricht der Trainer über sein Image als schlechter Verlierer und den Unterschied zwischen dem Pädagogen und dem Trainer Rangnick.
Die Verletzung von Torjäger Ibisevic hat den Herbstmeister schwer getroffen. Mit Boubacar Sanogo soll es nun aber genauso stürmisch weitergehen wie in der Hinrunde. Von der Meisterschaft, sagt Trainer Ralf Rangnick, könne man zwar träumen - realistisch sei es aber nicht.
Im F.A.Z.-Interview spricht er über die Marke Hoffenheim, sein Image als schlechter Verlierer und den Unterschied zwischen dem Pädagogen und dem Trainer Rangnick.
Mussten Sie den Fußball Marke Hoffenheim in den vergangenen Wochen neu erfinden?
Nein, die Marke hat uns bis jetzt ja weit gebracht, auch in der Anerkennung der Menschen. Es war allerdings schon so, dass durch den Kreuzbandriss von Vedad Ibisevic ein zweitägiger Schockzustand da war für alle. Und darüber hinaus wussten wir ja auch, dass Carlos Eduardo (gesperrt) und Chinedu Obasi (verletzt) erst einmal nicht zur Verfügung stehen. Da musste man schon darüber nachdenken, was das für Auswirkungen hat.
Sie haben dann gesagt: Wir wollen nicht mehr die Mannschaft sein, die am meisten Tore schießt, sondern die, die am wenigsten kassiert.
Das eine schließt ja das andere nicht aus. Für uns war es wichtig, mit Boubacar Sanogo noch einen Spieler zu finden, der die Lücke von Vedad schließen kann und das richtige Profil hat. Es geht gar nicht darum, dass er gleich top spielt und gegen Cottbus zwei Tore macht. Der größte Vorteil ist, dass wir jetzt wieder so spielen können wie vorher, weil alle anderen wieder auf ihre Ia-Positionen rücken können.
Dann kann der Spaß von vorn beginnen?
Wir versuchen schon, weiter nach vorne zu spielen und den Zuschauern etwas zu bieten. Unabhängig davon haben wir im Trainingslager an der Kompaktheit in der Defensive gearbeitet, auch als Vedad noch nicht verletzt war. In der Vorrunde hatten wir den Schwerpunkt ganz klar auf eigenen Ballbesitz gelegt, vielleicht 80 zu 20, und 42 geschossene Tore sprechen ja eine deutliche Sprache. Aber hinten war nicht immer alles optimal. Das haben wir erkannt und das Verhältnis zumindest auf 50 zu 50 verschoben.
Können Ihre Spieler das überhaupt, die haben doch den Angriff im Blut?
Das Spiel gegen den Ball – Balleroberung, Pressing – ist ja die Basis unseres Spiels. Aber der Teufel steckt da im Detail. Beim 1:2 in München haben wir über 60 Minuten gut gepresst, aber teilweise war das zu sehr von Motivation geprägt und nicht so sehr von engem Zusammenbleiben im Block – deswegen fielen auch die beiden Gegentore. Natürlich kann man in München zwei Tore kriegen, aber nicht solche, wie wir sie gekriegt haben. Das können wir besser.
Sie haben in der Winterpause Marcel Lucassen als Technik-Spezialisten ins Trainerteam geholt. In welchen Bereichen kann er die Mannschaft noch verbessern?
Da geht es eher um die Stabilisierung des eigenen Ballbesitzes. Zum Beispiel bei der Ballannahme: Wie nehme ich den Ball unter Druck an, wohin nehme ich ihn an. Der Spieler soll mit dem zweiten Kontakt freie Sicht haben und lernen, nicht irgendwohin abzuspielen, sondern dahin, wo unser Ballbesitz stabil ist. Oder die Schusstechnik. Chinedu Obasi zum Beispiel hat eine glänzende Technik, wenn der Ball in der Luft ist. Aber wenn er vom Boden schießen muss, kann er sich noch verbessern. Wir haben ja auch vorher schon individuell gearbeitet, aber da haben wir mehr über Wiederholungen und Automatisieren gemacht ...
... was wenig bringt, wenn die Technik falsch ist.
Das ist, wie wenn ich den ganzen Tag Ski fahre oder Golf spiele. Da kann ich zwei Mal 18 Löcher spielen, aber wenn die grundlegenden Techniken nicht stimmen, ist es besser, du gehst mit dem Pro auf die Driving Range. Es ist schon Teil unseres Anspruches, die Spieler auch individuell zu begleiten und zu verbessern.
Wie viel Prozent lassen sich da noch herausholen?
Ich weiß nicht, wie viel Luft jeder Einzelne noch hat. Aber die Jungs sind talentiert und jung, und wenn ich mir den Carlos Eduardo angucke: Der hat schon eine ordentliche Hinrunde gespielt, und trotzdem glaube ich, dass bei dem noch 20 oder 30 Prozent drinstecken.
Sehen wir dann bald den ersten Weltklassespieler in Hoffenheim?
Jetzt greifen wir mal nicht so hoch. Zur Weltklasse fehlt schon noch einiges. Vor allem, sich zu beherrschen und nicht zu reagieren wie beim Testspiel gegen Hamburg oder letztes Jahr in der zweiten Liga in Köln.
In Hoffenheim, so heißt es zumindest, werden Disziplin und Respekt hochgehalten – da muss Eduardos Faustschlag gegen Ivica Olic ein schwerer Verstoß gegen den Kodex gewesen sein.
Ja, vor allem ist das überhaupt nichts, was bei uns als normale Umgangsform gilt. Wir können über alles reden, da kann es auch mal laut werden und emotional zugehen, aber es darf eine bestimmte Grenze der Aggression nicht überschreiten. Und das war in diesem Fall so.
Der DFB hat Eduardo für zwei Spiele gesperrt – haben Sie das auch intern noch einmal geahndet?
Natürlich. Er hat dafür eine Geldstrafe gekriegt, und zwar eine saftige. Ich habe ihn dann die ersten zwei Wochen auch ein Stück weit ignoriert und links liegenlassen, obwohl ich sonst viel mit ihm spreche. Er muss spüren, dass es so nicht geht.
Wie viel Erziehung ist denn im Trainerjob dabei?
„Fußball-Lehrer“ heißt die Berufsbezeichnung ja eigentlich richtig, nicht Entertainer, Entertrainer, oder Fußball-Verkäufer, und ich persönlich sehe das auch so. Die besten Lehrer, die wir früher hatten, wie waren die? Streng, aber trotzdem hast du im Kern das Gefühl gehabt: Der will dir weiterhelfen. Warum sollte das jetzt als Trainer anders sein?
Wie erklärt der Pädagoge Rangnick, dass der Trainer Rangnick sich manchmal über Kleinigkeiten so aufregt?
Das gehört doch dazu. Die Emotionen spielen bei uns eine ganz entscheidende Rolle. Wenn wir die Spieler nur behandeln würden wie Schachfiguren oder wie Marionetten, an denen oben jemand zieht und ihnen Kunststückchen beibringt, dann würde das nicht zu so einer Spielweise führen. Das hat schon sehr viel mit Emotionalität zu tun.
Sie bedienen damit aber auch das Image, ein schlechter Verlierer zu sein.
Ich kann schlecht verlieren, aber ich bin deshalb kein schlechter Verlierer. Dass ich einen Handschlag verweigere oder sage, der Schiedsrichter hat uns betrogen – das hat es bei mir in zehn Jahren als Bundesligatrainer noch nie gegeben. Aber ich habe ein bestimmtes Gerechtigkeitsempfinden, und wenn bestimmte Dinge nicht so sind, wie sie sich aus meiner Sicht gehören, dann sage ich das eben auch manchmal. Stichwort Mannheim.
Als Ihre Mannschaft beim Hallenturnier von den Waldhof-Fans ausgepfiffen wurde und Sie sagten, Sie würden diesen Klub an Dietmar Hopps Stelle nicht mehr unterstützen.
Wenn ich dort Trainer gewesen wäre – ich wäre nach einer Stunde hoch auf die Tribüne und hätte gesagt: Hört auf. Zu Regionalliga-Zeiten habe ich oft mit unseren Fans über das Verhalten diskutiert. Alles, was uns unterstützt, ist gut. Alles, was sich auf eine ironische Art mit dem Gegner beschäftigt, ist auch gut. Aber alles, was zum Teil in Fäkalsprache den Gegner denunziert – solche Dinge wünsche ich mir bei uns nicht.
Kann man das den Fans wirklich vorgeben?
Wenn wir es nicht können, wer dann? Bei uns ist das Fantum ja gerade erst entstanden. Es gab ja bis vor zwei Jahren keinen Hoffenheim-Fan, der in Montur dastand und gesungen hat. Ich finde schon, dass ein Verein auch die Aufgabe hat, seine Fans ein Stück weit mit zu begleiten oder zu erziehen.
Uli Hoeneß hat Ihnen nach dem Vorrundenspiel in München in einem Fernsehinterview Besserwisserei vorgeworfen. Nehmen Sie das als Teil der Show hin, oder hat Sie das geschmerzt?
Ob das Show war, weiß ich nicht. Es war vielleicht eine Mischung aus zwei Dingen: Zum einen ein Stück weit Taktik, das gehört ja zur Strategie der Bayern dazu. Ich glaube aber auch, dass die Sympathien eine Rolle spielen, die uns vor diesem Spiel entgegengeflogen sind. Wenn man sieht, wie viele Menschen wir mobilisiert haben, ist das für mich die eigentliche Sensation in der Entwicklung Hoffenheims. Und das bleibt den Münchnern ja auch nicht verborgen.
Haben Sie es schon bereut, die Bayern provoziert zu haben?
Nein. Wenn Sie den Satz meinen, dass man für flotte Sprüche nach München fahren muss und für flotten Fußball nach Hoffenheim – das hatte ich mir vorher schon so überlegt, das kam nicht aus der Emotion heraus.
Was sagt Ihr Bauchgefühl für die Rückrunde – kann Hoffenheim Meister werden?
Natürlich kann ich es mir vorstellen – wenn ich anfange zu träumen und daran denke, wie geil das wäre. Aber wenn ich anfange, darüber nachzudenken, muss ich sagen, es ist wirklich nicht sehr realistisch.
Die Champions League wäre ja auch kein schlechter Trost, oder?
Das wäre die größte Sensation, die es je im deutschen Fußball gegeben hat.
Ihr Vertrag läuft noch bis 2012. Welche Perspektive müsste es über die nächsten ein, zwei Jahre hinaus geben, damit Sie in Hoffenheim verlängern?
Für mich ist schon wichtig, dass wir das Niveau, auf dem wir uns jetzt befinden – von der Art wie wir spielen, von der Qualität der Spieler –, stabilisieren können. Das hängt auch ein Stück weit davon ab, wie Dietmar Hopp den Verein weiter entwickelt haben möchte.
Er hat kürzlich noch einmal gesagt, dass er sich wünscht, dass der Verein sich so bald wie möglich selbst trägt. Was bedeutet das für Sie?
Das hat er mir gegenüber auch mal gesagt, und das ist auch nachvollziehbar. In dem Moment aber, wo er sich komplett zurückziehen würde, müsste ich meine Situation hier komplett neu überdenken. Ich sehe uns in erster Linie als Ausbildungsverein für uns selbst, ohne Dietmar Hopp aber wird der Verein ein Ausbildungsverein für andere werden. Da müsste ich mir schon überlegen, ob mich das dauerhaft zufriedenstellt.
Was wäre für Sie als Trainer der nächste Entwicklungsschritt?
Jetzt in der Rückrunde zu zeigen, dass die Geschichte vom „Wunder von Hoffenheim“ nicht nur eine schöne Vorrundengeschichte war, sondern dass wir in der Lage sind, diese Sache stabil über eine ganze Saison zu bringen. Wie viel Punkte das dann am Ende werden, weiß keiner. Ein Sieg gegen Cottbus jedenfalls würde die Wahrscheinlichkeit auf ein Erfolgserlebnis eine Woche später in Gladbach gleich wieder um einiges erhöhen.
Und persönlich? Es heißt, Sie würden gerne einmal in England arbeiten.
Das ist sicher ein Land, in dem ich mir vorstellen könnte zu arbeiten. Aber nicht um den Preis, dass man dann vielleicht der erste deutsche Trainer in England war, aber die Arbeitsbedingungen nicht gepasst haben. Wenn man so etwas wie hier auf den Weg gebracht hast, überlegt man schon zweimal, wofür man das eventuell aufgibt.
Das Gespräch führte Christian Kamp.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |