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Im Gespräch: Physiker Tolan „Der Fußball kann nicht flattern“

 ·  Die Bundesligaspieler sind verunsichert. Der erstmals einheitlich von allen Klubs verwendete Ligaball „Torfabrik“ soll unkontrollierbar flattern. Im Gespräch mit FAZ.NET widerspricht Physik-Professor Metin Tolan diesen Theorien.

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Metin Tolan hat sich in seinem Buch „So werden wir Weltmeister - Die Physik des Fußballs“ mit seinem Lieblingssport auf populärwissenschaftliche Weise auseinandergesetzt. Aufgrund seines Wissens um Ballistik bezeichnet der Physik-Professor der Universität Dortmund die Ängste der Bundesligaakteure als „groben Unfug“. (siehe auch: Ligaball: Der Ball des Anstoßes und Video: Der Ball des Anstoßes)

Torhüter, Feldspieler und Trainer der Bundesliga regen sich über den angeblich unkontrollierbaren neuen Spielball auf. Können Sie die Aufregung aus der Sicht des Physikers nachvollziehen?

Verstehen kann ich das schon, aber aus wissenschaftlicher Sicht kann ich das nicht bestätigen. Aber überprüfen könnte man das ja nur auf der Grundlage von Fakten. Wenn beispielsweise heute bei Weltmeisterschaften oder in der Bundesliga mehr Weitschusstore erzielt würden als vorher, dann wäre das ein Indiz. Aber das ist statistisch erwiesen nicht der Fall. Nennen Sie mir zum Beispiel mal Weitschusstore bei der WM?

Forlan gegen Deutschland, der Ghanaer zum Ausgleich gegen Uruguay... Van Bronkchorst im Halbfinale gegen Uruguay.

Sie sehen, so furchtbar viele sind das nicht, die Ihnen einfallen. Und das waren alles schon mal nicht Folgen eines angeblichen Flatterns, sondern stramme, gerade Schüsse.

In der Vorbereitung der Bundesligaklubs war der Ball dennoch Thema. Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel vermutet ein Kaninchen in dem Ball, sein Torhüter Christian Wetklo vergleicht die Kugel mit einem Plastikball, mit dem er im Garten kickt (siehe auch: Ligaball: Der Ball des Anstoßes). Feldspieler berichten, dass sie lange Pässe in ihrer Flugbahn nicht mehr berechnen können. Können denn jetzt so viele Experten irren?

Ja. Ich denke, dass die Spieler ein ganz normales, jedem Ball eigenes Flugverhalten mit Flattern verwechseln. Ich gestehe den Spielern auch zu, dass sich der Ball ungewohnt anfühlt, tatsächlich ein bisschen wie ein Plastikball. Aber der Vorteil ist doch, dass nun alle Vereine den selben Ball spielen. Das ist im Vergleich zur bisherigen Situation mit von Heimspiel zu Auswärtsspiel wechselndem Spielball ein Fortschritt.

Hat sich denn auch die Balltechnik entscheidend verbessert?

Über die Jahrzehnte muss man konstatieren, dass sich beispielsweise ganz objektive Werte wie die Höchstgeschwindigkeit bei Schüssen in den vergangenen 30 bis 40 Jahren kaum verändert haben, vielleicht von 120 auf 130 km/h. Und selbst diese Veränderung ist eher auf die wachsende Athletik der Spieler als auf Veränderungen des Balls zurückzuführen.

Ist denn der Eindruck des Flatterns womöglich auf das etwas eigenartige Muster des Balls zurückzuführen?

Natürlich. Da kommen wir zum Kern der Sache. Es ist tatsächlich denkbar, dass der Spieler das rotierende Muster des Balls als Flattern wahrnimmt. Das kann ihn natürlich irritieren und von der sauberen Ballkontrolle abhalten. Aber der Ball flattert dennoch nicht.

Aber selbst Fernsehzuschauer können doch Flattern feststellen mit bloßem Auge.

Das ist auch so eine Geschichte: Wenn Sie mal genau hinschauen bei Super-Zeitlupen von angeblichen Flatterschüssen, dann ist es durchweg immer so, dass sich die Kamera beim Schuss bewegt hat und nicht der Ball! Das ist beispielsweise auf Youtube zu sehen beim Tor von Trochowski in der WM-Qualifikation gegen Russland.

Führt dann letztlich nur die Sponsorentreue zu den Diskussionen?

Das Schöne ist doch, dass das angebliche Flattern allen hilft: Der Schütze kann behaupten, das Flattern läge an seinem goldenen Füßchen, der Torhüter kann Fehler damit entschuldigen und der Trainer kann gar Niederlagen im Zweifelsfall aufs Spielgerät zurückführen. Die Bundesliga hatte zudem ein Sommerloch-Thema mehr. Und ich als Wissenschaftler kann Ihnen mal in ungewohnter Öffentlichkeit etwas von Physik erzählen. Das nutzt doch allen. Schön! Da ist doch allen geholfen, oder?

Sie schenken den Spielern also gar kein Vertrauen, die fest überzeugt sind, dass man diesen Ball unglaublich gefährlich schießen kann?

Sie können einen Ball nicht so schießen, dass da plötzlich etwas passiert. Wenn ein Ball etwas Merkwürdiges macht, dann muss das an äußeren Einflüssen wie einem Windstoß liegen. Da genügen schon geringe Luftströme. Bei starkem Gegenwind sieht das ja sogar jeder Zuschauer im Stadion, wenn ein Abschlag quasi in der Luft stehen bleibt. Solche Phänomene gibt es immer noch - trotz der großen und fast geschlossenen Arenen. Anders ist das beim Volleyball oder Baseball: Da gehört es zur Kultur des Spiels, dass der Ball flattert. Beim Volleyball ist es eine Kunst, Flatterangaben zu machen. Beim Baseball werden die Pitcher so hoch bezahlt, weil es eine Kunst ist, den Ball derart zu beschleunigen, dass er flattert.

Haben Sie die Torfabrik schon selbst untersuchen können?

Nein, aber da braucht man mir ja nichts vorzumachen. Diese Bälle sind keine Neuerfindungen, sondern minimale Veränderungen. Die Torfabrik ist der Jabulani in Grün beziehungsweise in Weiß-Rot. Ich kann mir deshalb beim besten Willen nicht vorstellen, dass Adidas bei der Torfabrik nun plötzlich vergessen hat, den Ball im Windkanal zu testen.

Der Ball hat wie ein Plastikball kaum noch Nähte. Das verstärkt noch mal den Eindruck, es mit einem Plastikball zu tun zu haben, der ja tatsächlich ganz anders fliegt.

Ein Plastikball fliegt bei bestimmten Geschwindigkeiten völlig unkontrollierbar, weil er eine ganz glatte Oberfläche hat. Ein Fußball ist wegen der Nähte nicht ganz glatt. Die Nähte sorgen für Wirbel, die den Flug des Balls stabilisieren. Zwar hat die Torfabrik quasi keine Nähte mehr. Aber dafür ist die Oberfläche ein bisschen so beschaffen wie ein Golfball, der durch die kleinen Einbuchtungen seine stabile Flugbahn wahrt.

Der Kölner Torhüter Mondragon empfiehlt besonders hartes Aufpumpen des Balles jenseits der vorgeschriebenen Grenze von 1,2 bar, weil er dann weniger flattert.

Das ist völliger Unsinn. Die Flugbahn hat nichts mit dem Druck zu tun. Ich betone nochmals. Die ganze Diskussion wird sich von Spiel zu Spiel beruhigen, weil am Ende doch wieder alles gleich ist.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

Quelle: FAZ.NET
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