12.12.2009 · Peter Schüngel vom Institut für Fußball und Gesellschaft (IFG) beschäftigt sich mit gesellschaftsrelevanten Aspekten des Fußballs. Im FAZ.NET-Interview spricht Schüngel über die Liebe und Eifersucht der treuesten Fans: der Ultras.
Der Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Peter Schüngel vom Institut für Fußball und Gesellschaft (IFG) beschäftigt sich mit gesellschaftsrelevanten Aspekten des Fußballs. Der Wissenschaftler sucht nach seiner Eigenbeschreibung nach den Bedingungen für den mündigen Spieler, den mündigen Fan, den mündigen Präsidenten. Im Interview spricht Schüngel über die Liebe und Eifersucht besonders der Ultras, der treuesten der treuen Fans.
Was speziell interessiert Sie an den Ultras?
Die Gradlinigkeit ihres Vorgehens. Die so genannten Ultras sind zu 99 Prozent von außen beurteilte Fans. Man belegt sie mit Labels, bequemen Etiketten. Damit trifft man allerdings nie den komplexen Kern ihrer Anliegen. Vor allem treffen solche Zuweisungen nicht ihr Selbstverständnis. Im IFG vertreten wir deshalb die Überzeugung, dass wir die Ultras erst einmal verstehen müssen, sie in ihrem Selbstverständnis ernst nehmen und ihnen Gelegenheit geben, sich auch im gesellschaftlichen Rahmen definieren zu können.
Und was sind die Ultras dann?
Die Ultras sind zunächst eine Unterstützergruppe der Mannschaft und des Vereins. Sie stehen aber auch für ein aktives Herz des Fan- und Vereinslebens, das in dieser Form nicht zuletzt infolge der massiven Kommerzialisierung der Vereine in Gefahr ist. Ultras lehnen die fortschreitende Kommerzialisierung ab, indem sie sich beispielsweise dem Merchandising und dem Kauf des überteuerten Vereinstrikots verweigern und stattdessen schwarz gekleidet ins Stadion gehen und selbst gebastelte Fahnen oder Choreos präsentieren. Ultras bilden gewissermaßen einen Verein im Verein. Dort wollen sie das Vereinsleben leben, das an sich im professionellen Fußball nahezu ausgestorben ist. Das Bedürfnis ist aber noch da, die Ultras leben das eben in ihrer Gruppe aus.
Sind Ultras eine Gefahr?
Eine Gefahr für wen? Als Gruppierung sind sie es zunächst genauso wenig oder genauso viel wie jede andere Gruppierung auch. Eine Gefahr aus sich heraus sind sie sicher nicht. Kritisch kann es werden, wenn es zu direkten Konfrontationen mit der geballten Macht von Ordnungskräften kommt. Dann stehen sich zwei Feindbilder gegenüber. Ähnliche Situationen sind aber auch bei anderen Gelegenheiten mit anderen Akteuren in unserer Gesellschaft zu beobachten. Natürlich kann es Ärger geben. Ärger ist aber nicht mit Gefahr gleich zu setzen. Und Ärger gibt es aufgrund ihrer Treue zum Verein erst spät, weil sie ja erst dann gegen ihre Liebe aufbegehren, wenn diese sehr stark enttäuscht wurde.
Wann sind Ultras enttäuscht?
Sie sind nicht enttäuscht, wenn die Mannschaft verliert. Das gehört dazu. Sie sind dann enttäuscht, wenn sie das Gefühl haben, dass Spieler oder auch Verantwortliche nicht mit derselben Leidenschaft für den Verein arbeiten wie sie selbst. Es ist diese tiefe Liebe zum Verein. Solche Liebe hat aber eben auch ihre Schattenseiten, vor allem dann, wenn sie enttäuscht wird.
Jens Lehmann hat auch die Ultras gemeint, als er von „pubertierenden Jugendlichen“ als Verantwortliche für die Eskalationen in Stuttgart sprach. Hat er Recht?
Hat Jens Lehmann nicht immer Recht? Scherz beiseite, ich denke, Jens Lehmann weiß die wichtige Unterstützung, besonders auch durch Ultra-Gruppierungen zu schätzen. Es besteht sicher eine emotional hoch aufgeladene Situation in Stuttgart, da würde ich spontane Äußerungen von allen Seiten nicht überbewerten.
Aber nicht nur Lehmann, auch normale Fans regen sich teilweise über die Ultras und Ihr Gehabe in der Kurve auf.
Ist das so? Es gibt sicher keine ernsthaften Probleme zwischen Ultras und anderen Fans, im Regelfall kümmern sich Ultra-Gruppen um ihre Belange. Man sollte auch hier nicht verallgemeinern. Natürlich gibt es Nörgler und Kritiker. Aber das sind ganz normale Diskussionen, wie sie die Fankultur braucht.
Steht dem Fußball eine weitere Gewaltwelle bevor, wie es in den vergangenen Wochen den Anschein hatte?
Das glaube ich nur, wenn wir eine generelle Zunahme von Gewalt in unserer Gesellschaft zu erwarten hätten. Gewalt im Umfeld Fußball steht in einem unmittelbaren Verhältnis zur Gewalt in der Gesamtgesellschaft. Ein Unterschied ist nur: Wenn man zum Schützenfest geht und es gibt Randale, dann ist das oft nicht einmal eine Meldung im Ortsblatt wert, gehört fast schon zur „Tradition“. Wenn beim Fußball ein paar Idioten Gewalt anwenden oder nur ein paar völlig unangebrachte Drohungen gegenüber Spielern aussprechen, dann steht das gleich auf Seite 1. Wir sollten vorsichtig sein, um nicht die Gefahr der selbst erfüllenden Prophezeiung zu beschwören. Wenn wir die Ultras weiter in die Ecke drängen, dann gehen sie vielleicht wirklich irgendwann zur Gewalt über.
Wie kann das vermieden werden?
Meines Erachtens fehlt vielerorts die Kommunikation zwischen Ordnungskräften, Vereinen und Ultras. Damit sind nicht standardisierte Pseudogespräche, die gegenseitigen Vorurteile bestätigen gemeint, sondern nachhaltige Gespräche, die auf der Vereinbarung gründen, sich gegenseitig zuhören zu wollen und zu können, sowie verstehen zu lernen. Das erfordert Zeit, Offenheit und wohl auch einen gelegentlichen Wechsel der Sichtweise. Ultragruppen erwarten aufgrund ihres Engagements, dass man sie ernst nimmt und dass man ihre Stellung respektiert.
Erwarten Ultras auch Gegenleistungen beispielsweise finanzieller Art bei Auswärtsfahrten?
Nein, ganz im Gegenteil Ultras erwarten gerade keine Gegenleistung, weil sie ihre Präsenz und auch ihre teils aufwändigen und kostspieligen „Choreos“ als Geschenk an den Verein betrachten. Sie erwarten Respekt und vielleicht etwas Anerkennung.
Gibt es Beispiele?
Bei Borussia Mönchengladbach sollte einmal die Bande vor der Fantribüne mit Werbung eines Partners versehen werden, dessen Firmenfarben Schwarz-Gelb waren. Keine gute Idee, weil das die Vereinsfarben von Borussia Dortmund sind. Man sprach miteinander und verstand das Anliegen, der Sponsor änderte die Farben in Schwarz und Weiß. Der Werbeeffekt wurde dadurch sicher nicht geschmälert, der Sympathiewert des Sponsors stieg sogar mit Sicherheit. Das ist ein kleines Beispiel, das zeigt, wie's gehen kann: man spricht miteinander, respektiert die gegenseitigen Bedürfnisse und am Ende gibt es nur Gewinner.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 20 | -12 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 20 | -19 | 17 | ![]() |