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Im Gespräch: Mainz-Profi Baumgartlinger „Ein Vereinswechsel ist für mich ein Kinderspiel“

 ·  Der Österreicher Julian Baumgartlinger ist schon mit 13 Jahren zur Ausbildung nach Deutschland gekommen. Seit 2011 spielt er als „Sechser“ für Mainz 05. Am Samstag (15.30 Uhr) will er mit seinem Team gegen Leverkusen die Serie siegloser Spiele beenden.

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© dpa Ein Österreicher in Mainzer Diensten: Julian Baumgartlinger (l.) im Kampf gegen die beiden Freiburger Makiadi und Kruse

Sie sind schon deutlich vor der Zeit am verabredeten Ort: Bei Mainz 05 sind ohnehin alle Spieler bei Interviewterminen stets auffallend pünktlich bis überpünktlich. Ist das vertraglich so fixiert?

Nein. Der Verein achtet bei den Spielern meines Erachtens schon auf gewisse Charaktereigenschaften, weil wir das für unser Spiel auch benötigen, dass sich jeder auf jeden verlassen kann. Das ist bei den Anforderungen unseres Trainers einfach nötig. Und entsprechend sind wir so geeicht, dass wir pünktlich zum Training oder zu Interviewterminen kommen.

Ist Ihnen das persönlich wichtig, in einer Gruppe Fußball zu spielen, in der sich keine Diven ihre Sonderrechte herausnehmen?

Es war sicher einer der Gründe für meine Entscheidung hierherzukommen, dass der Verein Wert legt auf solche Dinge wie Bodenständigkeit. Das hat sich auch schnell bestätigt. Das Klima hier ist sehr gut. Hier gibt es eben keine Diven, die auf oder neben dem Platz auffallen wollen. Hier funktioniert es über Kameradschaft. Das gefällt mir.

Kann eine Diva aber nicht auch besondere Reize setzen? Sie haben im Vorjahr von den Toren von Mohamed Zidan profitiert, den der Klub aber auch wegen seines manchmal divenhaften Verhaltens nicht weiter an sich band.

Eine Diva definiert sich für mich nicht allein durch Exzentrik, sondern auch dadurch, sich Sonderrechte herauszunehmen wie beispielsweise nicht defensiv arbeiten zu müssen.  Mohamed Zidan hat sich solche Sonderrechte nicht herausgenommen. Meines Erachtens geht das aber auch immer weniger im modernen Fußball, bei unserem System schon mal gar nicht. Aber auch Robben oder Ribéry können sich da bei den Bayern nicht erlauben.

Der Verdacht, zu wenig Einsatz zu zeigen, besteht bei Ihnen ganz sicher nicht. Sie haben auf Ihrer Position als „Sechser“ im zentralen defensiven Mittelfeld regelmäßig die besten Laufwerte jenseits von zwölf Kilometern pro Spiel. Sie wirken wie ein Jagdhund. Können Sie mit dem Beinamen leben?

Das ist einfach mein Naturell, dass ich viel Bewegungsdrang habe. Das können meine Eltern aus Baby- und Kinderjahren aus leidvollen Erfahrungen bestätigen. Ich habe einfach Spaß an Bewegung.

Sind Sie dann folgerichtig zum „Sechser“ geworden?

Ich habe schon immer im defensiven Mittelfeld gespielt. Das war immer meine Position, weil ich meine Zweikampfstärke da einbringen kann und zudem viele Ballkontakte habe.

Die Anforderungen an den „Sechser“ haben sich in den zehn, zwölf Jahren, in denen Sie Leistungssport betreiben, sehr verändert. Wie hat sich das für Sie in Ihrer Ausbildung ausgewirkt?

Es ist wirklich so gewesen, dass man fachlich immer mehr über diese Position geredet hat. Gerade bei meinem Übergang vom Jugendspieler zum Profi hat die Position immer mehr Beachtung erfahren. Torsten Frings war damals Thema. Oder dann auch, als Schweinsteiger auf die Sechs gezogen wurde. Das lenkte den Fokus auf die Aufgaben, die ein „Sechser“ erfüllen kann und muss. Ich konnte mir da natürlich auch viel abschauen und in mein Spiel integrieren.

Wenn Sie gerade Schweinsteiger nennen. Verfolgen Sie als „Sechser“ die Diskussionen um seinen vermeintlichen Bedeutungsverlust in der Nationalmannschaft?

Er wird ja schon seit 2010, als er eine herausragende WM gespielt hatte, sehr hart kritisiert. Ich finde das vollkommen überzogen. Er führt die Mannschaft bei den Bayern mit ganz außergewöhnlicher Qualität, er geht Wege, führt unglaublich viele Zweikämpfe. Mir klingt das wie eine Luxusdiskussion in Deutschland.

Wie macht sich dieses Führen Schweinsteigers für Sie bemerkbar?

Man merkt das speziell, wenn man gegen Spieler wie Schweinsteiger spielt. Dann fällt einem besonders auf, dass er Situationen ein bisschen anders löst als man selbst.

Sie haben kürzlich auf die Frage nach Europapokalambitionen Ihres Teams die schöne Formulierung benutzt, dass Sie sich „ungern im Konjunktiv bewegen“. Vor einigen Jahren wären Sie mit einem solchen Satz im Fußball als Intellektueller stigmatisiert worden. Kann man das heute sagen, wo Fußball mehr und mehr zur Kopfsache wird?

Ich habe kein Problem damit, ein Fremdwort zu benutzen. Und ich glaube, dass alle Spieler, die Bundesliga spielen, gewisse rhetorische Fähigkeiten besitzen. Auch wenn man auf Facebook oder Twitter was postet, darf man keinen Blödsinn verzapfen. Deshalb schäme ich mich sicher nicht dafür, auch mal eine gescheite Antwort zu geben.

Passt Intelligenz auch zu den veränderten Anforderungen im Fußball?

Sicher ist der Fußball wissenschaftlicher geworden und er stellt andere Anforderungen als früher. Da ist der Kopf auch auf dem Spielfeld stark gefragt. Schwierig wird es für uns Spieler aber auch außerhalb, wenn man mal eine etwas komplexere Antwort gibt, die dann im falschen Kontext negativ ausgelegt wird. Das ist mir widerfahren bei einer Aussage zum Stimmungsboykott der Ultras, die mir negativ ausgelegt wurde. Dabei habe ich nur meine Meinung dargelegt, die verkürzt dargestellt falsch rüberkam. Das muss man als Spieler heute alles mitbedenken. Da muss man abwägen und aufpassen, ohne dass man seine Authentizität aufgibt.

Als Sie nicht im Konjunktiv reden wollten, stand Mainz 05 auf Platz fünf und durfte aufs Pokalfinale hoffen. Nun sind Sie im Pokal ausgeschieden und nur noch Achter. Ist Ihr Team also im Indikativ angekommen?

Da müsste ich jetzt tatsächlich im Konjunktiv antworten: Was wäre gewesen, wenn der Schiedsrichter nicht vier  Minuten nachgespielt hätte im Viertelfinale und wenn wir zwei knappe Spiele gewonnen hätten? Fakt ist aber, dass wir nun mal ausgeschieden sind. Und Fakt ist auch, dass wir mit dem bisherigen Saisonverlauf trotzdem immer noch sehr zufrieden sein können. Wir haben noch genug Zeit, diese Zufriedenheit zu steigern, wenn wir die richtigen Lehren ziehen. Das liegt nur an uns selbst. Am besten fangen wir damit gegen Leverkusen an.

Thomas Tuchel hat jüngst in ungewöhnlich scharfer Weise die Schiedsrichter kritisiert und von einer Benachteiligung Ihres Teams gesprochen. Können Sie die Kritik als Spieler bestätigen?

Wenn das unser Manager Christian Heidel und unser Trainer machen, dann ist das deren Aufgabe. Wir Spieler sind da im Prinzip machtlos. Deswegen beteilige ich mich nicht an der Diskussion. Aber grundsätzlich sind Entscheidungen immer sehr subjektiv. Am vergangenen Wochenende hat erst Markus Merk als der Schiedsrichterexperte schlechthin bei der Beurteilung von Entscheidungen gesagt: ‚Ich hätte den Elfmeter nicht gegeben, aber man kann ihn geben.‘ Das zeigt doch, dass alle Diskussionen nicht viel bringen.

Sie haben einen ungewöhnlichen Werdegang hinter sich. Sie sind mit 13 Jahren aus Österreich zu 1860 München gegangen. Wie kam es, dass Sie so früh alles auf die Karte Fußball setzen konnten?

Ich habe ja nicht alles auf die Karte Fußball gesetzt. Voraussetzung in München war ja, dass ich dort Abitur machen konnte. Aber sicher sind meine Eltern und ich etwas naiv an die Sache rangegangen. Das war ein Riesenschritt nach München, was mir erst vor Ort bewusst wurde. Ich lebte in einer Gastfamilie, musste schon sehr selbständig sein, was für einen Dreizehnjährigen aus einem 3000-Seelen-Dorf hart war. Ich musste lernen mit U-Bahnen und solchen Dingen zurechtzukommen. Ich habe auch ein halbes Jahr Heimweh gehabt. All das hat mir die Angst davor genommen, mich neuen Situationen zu stellen. Ein Vereinswechsel ist heute für mich ein Kinderspiel.

Planen Sie schon den nächsten?

Ich bin noch mehr als zwei Jahre an Mainz 05 gebunden und ich fühle mich hier wohl. Für mich zählt auch immer Lebensqualität, wenn ich einen Verein aussuche. Das ist in Mainz gegeben.

Sie sagten einmal, dass Russland deshalb nicht unbedingt infrage käme…

Ich habe das mal so gesagt, weil ich mir schwer vorstellen kann, in Osteuropa in einem überkommerzialisierten, künstlichen Verein zu spielen. Sicher gibt es da auch große sportliche Ziele, aber trotzdem spielen die Spieler dort vornehmlich nur des Geldes wegen. Das ist nicht mein Ding.

Das gibt es auch in der Bundesliga …

Wenn man sich Berichte über die großen Summen anschaut, die in einigen Clubs verbrannt werden, dann muss man sicherlich feststellen, dass es in einigen Fällen auch bei uns solche Entwicklungen gibt.

Ihr ehemaliger Mitspieler Eugen Polanski profitiert seit seinem Wechsel nach Hoffenheim im Januar davon, indem er angeblich das Dreifache dessen verdient, was er in Mainz erhalten hätte. Sind Sie da nicht neidisch, wo Sie in Mainz zuletzt sportlich etwas besser waren als er?

Nein. Ich verdiene in Mainz auch gut. Deshalb muss ich mich nicht damit beschäftigen, was andere verdienen. Ich bin froh, dass ich ein schönes Leben führen kann und dass ich zufrieden bin. Und ich freue ich mich auch, dass es Eugen gut geht.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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