Ihnen sind in dieser Bundesligasaison schon 22 Treffer gelungen. Was bedeuten Ihnen Tore?
Wenn du richtig Hunger hast, dann sorgst du automatisch dafür, dass du etwas zu essen bekommst. So ist es bei mir mit den Toren. Ich habe Hunger darauf. Und wenn ich Tore schieße, will ich immer mehr, mehr, mehr, fast wie bei einer Droge. Anders als ein Verteidiger denke ich immer nur ans Toreschießen.
Was empfinden Sie, wenn Sie in einem Spiel mal nicht getroffen haben?
Ich bin frustriert - vor allem, wenn ich nicht wenigstens eine Vorlage gegeben habe. Dann habe ich das Gefühl, gar nicht am Spiel teilgenommen zu haben. Kein Tor zu schießen, das kann mal passieren, aber kein Tor und keine Vorlage, das ist ein schlechtes Wochenende, da kannst du noch so gut gespielt haben.
Wenn sich das Geschehen in der eigenen Hälfte des Platzes abspielt, weitab vom gegnerischen Tor - ist Ihnen da manchmal langweilig?
Ja, natürlich, sehr langweilig (schmunzelt). Ich will immer nach vorn, nicht nach hinten. Je weiter du hinten bist, desto schwerer ist es, wieder vor das gegnerische Tor zu kommen, es ist ja dann viel weiter weg.
Abwehrarbeit macht Ihnen gar keinen Spaß?
Bis zum Mittelfeld verteidige ich gerne mit, das ist ja meine Aufgabe, aber noch weiter hinten zu spielen, wäre mir zu langweilig. Wenn wir früh attackieren und den Ball erobern, dann ist der Weg zum gegnerischen Tor kurz, dann macht es Spaß. Wenn wir den Ball nicht erobern, macht es keinen Spaß.
Trainer Louis van Gaal sagt, Sie seien der beste Strafraumspieler der Welt. Worauf kommt es an im Strafraum? Wie erkennen Sie, wo sie hinlaufen müssen?
Der Strafraum ist der wichtigste Ort, da brennt das Feuer, da muss man präsent sein. Den richtigen Laufweg zu finden hat mit taktischem Gespür, mit Übersicht, mit Erfahrung zu tun, aber oft schaltet der Kopf auch auf Autopilot, dann kommt der Instinkt ins Spiel und übernimmt die Steuerung.
Beim AC Mailand haben Sie mal einen speziellen Augentest gemacht. Was hatte es damit auf sich?
Da war ein Computerbild, das einen Fußballplatz zeigte. In unregelmäßigen Abständen leuchtete kurz ein Punkt auf, also quasi ein Ball, den es mit einem Mausklick zu markieren galt. So musste man bestimmen, wo der Ball ist, rechts oder links, im Feld oder außerhalb des Feldes. Fachleute sagen, das sei gut für alles Mögliche. Um die Reaktionsfähigkeit und das periphere Sehen zu bestimmen. Für mich war das mehr eine Art Computerspiel, bei dem ich natürlich gewinnen wollte.
Worauf richten Sie Ihren Blick im realen Spiel?
Ich schaue, wo das Tor ist, wo der Gegner ist, und natürlich auch, wo mein Mitspieler mit dem Ball ist, und das möglichst gleichzeitig. Dafür braucht man gute Augen, eine gute Sehschärfe. Das Wichtigste auf dem Fußballplatz ist der Kopf, nicht nur beim Kopfball.
Wer ist aus Ihrer Sicht der zweitbeste Stürmer der Bundesliga?
Sie gehen wohl davon aus, dass ich sage, ich sei der beste, aber das tue ich nicht. Das verbietet der Respekt. Es gibt in der Bundesliga viele gute Stürmer.
Sie haben beim FC Schalke mal mehr als tausend Minuten lang kein Tor geschossen. Wie war das für Sie?
Frustrierend. Aber es war auch eine schlechte Phase der ganzen Mannschaft. Es war ja nicht so, dass ich viele Chancen vergeben hätte, ich hatte einfach nicht viele Gelegenheiten. Aber egal wie schwer es ist - in solchen Situationen musst du mit positiven Gedanken ins nächste Spiel gehen und deine Arbeit machen, wie du sie immer gemacht hast. Dann kommt das Erfolgserlebnis irgendwann von selbst. Jetzt spielen wir besser, ich bekomme bessere Bälle, und es fallen mehr Tore. Das liegt nicht nur an mir. Ein Torjäger hat seine eigene Qualität. Aber meistens ist er nur so gut oder so schlecht wie seine Mannschaft.
Sie haben schon in Klubs wie Real Madrid und dem AC Mailand gespielt. Waren diese Mannschaften zu gut für Sie?
Beim AC Mailand hat es auf dem Platz nicht so gut geklappt wie vorher in den Gesprächen. Erst hatte ich wenig Einsätze, zur Rückrunde habe ich mich dann in die Mannschaft gekämpft, musste aber Rechtsaußen spielen. Das ist nicht meine Position. Es hat mir keinen Spaß gemacht, außen zu spielen. Aber bei Real Madrid hatte ich Spaß.
Warum sind Sie dann nur sechs Monate bei Real geblieben?
Ich habe dort zwanzig Spiele gemacht und acht Tore erzielt, die Quote war okay. Aber als Florentino Perez neuer Präsident wurde, hat er gesagt: Wir kaufen den und den und den - alles Spieler für meine Position. Zur neuen Saison wurden Cristiano Ronaldo und Karim Benzema verpflichtet, Raúl war auch noch da und hat seine Spiele gemacht. Dazu kam Gonzalo Higuain. Da habe ich mir nicht vorstellen können, fünfzig Prozent der Spiele oder gar mehr zu machen. Ich bin weggegangen, um spielen zu können.
Bei Schalke 04 sind Sie Stammspieler und treffen wie am Fließband. Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Der Klub will ihn vorzeitig verlängern. Können Sie sich das vorstellen?
Ja, durchaus. Es hängt davon ab, wie gut wir sind. Ich spiele, um Titel zu gewinnen, auch die Meisterschaft. Dieses Jahr sind wir in der Bundesliga oben dran, wenn auch nicht ganz oben. Wenn die Mannschaft zusammenbleibt und wir gute Einkäufe machen - wer weiß, was passiert. Wir müssen uns als Mannschaft verbessern, taktisch, aber auch personell. Wir brauchen zwei gute Spieler dazu, vielleicht auch drei oder vier, je nachdem, ob welche weggehen.
Sie leben in einem niederländischen Dorf, knapp eine Autostunde von der Schalke-Arena entfernt. Spielt die Liebe zum Landleben eine Rolle bei der Entscheidung, wo Sie künftig arbeiten?
Ich genieße das Leben auf dem Dorf, ich bin da geboren und kenne alle Leute dort, und die Kinder können in der Natur aufwachsen. Da bin ich nicht nur Fußballprofi, da bin ich der, der ich wirklich bin. Mein Vater fährt mich oft zum Training nach Gelsenkirchen. Ich brauche nur ins Auto zu steigen, kann mich entspannen und mit meinem Vater zusammen sein. Das alles ist wichtig, aber der Verlauf meiner Karriere hängt davon ab, was für sportliche Möglichkeiten sich bieten. Für einen Profi ist der Fußball das Entscheidende. Ich bin ja auch nach Madrid und nach Mailand umgezogen.
In manchen Medien wird darüber spekuliert, Sie würden Schalke vielleicht schon in diesem Sommer verlassen.
Das habe ich nicht vor, ich habe hier alles, was ich brauche.
Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika haben Sie nur fünfzig Minuten gespielt. Werden es bei der Europameisterschaft in diesem Sommer mehr sein?
Davon gehe ich aus. Das habe ich vor der WM 2010 zwar auch gedacht, aber jetzt habe ich viel mehr Spielpraxis und bin körperlich robuster. Ich habe oft in meiner Entwicklung ein bisschen mehr Zeit gebraucht als andere. Mit sechzehn oder siebzehn Jahren zum Beispiel war ich erst gut einen Meter sechzig groß, dann habe ich auf einmal einen Schuss gemacht.
Was erwarten Sie vom Spiel gegen Deutschland?
Es ist natürlich ein sehr wichtiges Spiel, besonders für mich, weil ich in der Bundesliga spiele. Wir müssen gewinnen, sonst machen alle Witze über uns, und ich kann mich nach der EM in Deutschland nicht mehr sehen lassen.
Wer ist für Sie der Favorit auf den EM-Titel?
Spanien.
Was ist mit den Niederlanden und Deutschland?
Das sind beides gute Mannschaften. Aber Favorit sind die Spanier, sie haben in den letzten Jahren alles gewonnen.
Was macht die besondere Klasse der Spanier aus?
Vor allem das Positionsspiel und die Ballsicherheit. Sie spielen kurz flach, einfach. Deshalb sind sie die Besten.
Haben die Deutschen aufgeholt, was modernen, auch schönen Fußball angeht?
Ja. Sie spielen derzeit schönen Fußball. Die Deutschen hatten immer gute Mannschaften. Meistens aber haben sie hinten zugemacht, und nur ein oder zwei Spieler konnten das Spiel nach vorn tragen. Jetzt sind sie alle mehr nach vorn orientiert, sie schalten schnell von Defensive auf Offensive um. Das ist inzwischen eine große Qualität der deutschen Mannschaft.
Das Gespräch führte Richard Leipold.