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Im Gespräch: Jan Schlaudraff „Ob ich ein Genie bin, müssen andere beurteilen“

25.08.2011 ·  Furiose Rückkehr in Hannover: Jan Schlaudraff kommt nach Verletzungen richtig in Schwung. Vor dem Rückspiel in der Europa-League-Qualifikation gegen den FC Sevilla (21.05 Uhr) spricht er über seine bitteren Jahre und den Ferrari als Belohung.

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© dapd Mann der Stunde: Jan Schlaudraff kommt mit 28 Jahren richtig in Schwung

Jan Schlaudraff war schon mal auf dem Weg zur Stütze der Nationalmannschaft. Doch dann bremsten Verletzungen die Karriere des ehemaligen Bayern-Spielers. Im gereiften Alter von 28 Jahren startet er nun wieder durch. Seit fast einem Jahr zeigt er konstant gute Leistungen für Hannover 96.

Erleben wir gerade so etwas wie die Wiedergeburt des Fußballspielers Jan Schlaudraff?

Ich weiß nicht, ob man das so bezeichnen muss. Die Erklärung für meine Leistung ist ganz einfach: Ich habe seit zwei Jahren kaum eine Trainingseinheit verpasst, ich hatte keine Verletzungen mehr. Da ist es doch klar, dass sich das in allen Bereichen positiv auswirkt.

Untertreiben Sie da nicht? Viele hatten Sie schon abgeschrieben, Hannover legte keinen Wert mehr auf eine Zusammenarbeit, am Donnerstag haben Sie nun beide Tore beim 2:1-Erfolg in der Europa League gegen Sevilla erzielt. Sind Sie wertvoller als je zuvor?

Ich werde derzeit immer besser - und genau das ist mein Ziel. Das Spiel gegen Sevilla war grandios. Es war in den letzten Wochen nicht einfach, sich auf die Bundesliga und das Pokalspiel zu konzentrieren. Die ganze Stimmung war euphorisiert wegen dieser Partie. Und wir haben gezeigt, dass wir in dieser Liga mithalten können. Das war ein absolutes Highlight. Aber natürlich gab es für mich auch einige schwierige Phasen, darüber müssen wir nicht diskutieren. Trotzdem habe ich nie aufgegeben. Ich bin drangeblieben und habe stetig an mir gearbeitet.

Nur am Körper oder auch an der Persönlichkeit? - Ihnen wurde immer wieder vorgeworfen, nicht die richtige Einstellung zu haben.

Meine Einstellung ist ab und zu falsch wahrgenommen worden. Es war nicht so, dass ich nicht mitarbeiten wollte, den Kopf hängen lassen habe und keinen Bock hatte. Dennoch musste ich meine Körpersprache und meine Ausstrahlung verändern. Das habe ich eingesehen. Ich versuche hier in Hannover immer, alles zu geben, das hat die Mannschaft inzwischen auch gemerkt. Ich laufe, ich kämpfe und will meine Aufgaben offensiv und defensiv erfüllen.

Ihre Stärken liegen im Angriff, Sie sind ein extrovertierter Fußballspieler, ein Mann für besondere Momente. Wie treffen Sie auf dem Platz Entscheidungen?

Das ist Instinkt, das macht jeder Fußballer so. Es geht gar nicht anders. Wir haben heutzutage auf dem Feld nur noch den Bruchteil von einer Sekunde Zeit, dann müssen wir wissen, was zu tun ist.

Oft wurden Sie als ein „schlampiges Genie“ bezeichnet - gehört dieses Bild der Vergangenheit an?

Ja, das galt früher ganz bestimmt. Ich habe oft einen Schritt zu wenig gemacht. Ob ich ein Genie bin oder eines war, das müssen jedoch andere beurteilen.

Immerhin sind Sie schon mit 23 Jahren zu Bayern München gewechselt - war das ein Fehler?

Nein, für mich was es der richtige Schritt. Die Bayern sind eine absolute Top-Mannschaft in Europa, man bekommt nicht oft die Chance, zu so einem Verein zu wechseln. Ich hatte sicher nicht so viele Einsätze, wie ich es mir gewünscht habe. Trotzdem habe ich tolle Erfahrungen gesammelt.

Was bleibt von dieser Zeit?

Ich habe mit Weltklassespielern trainiert, konnte sehen, wie sich ein Luca Toni vorbereitet. Ich habe gelernt, wie man damit umgeht, wenn man immer Favorit ist, egal wohin man fährt.

Mit Hannover sind Sie zumeist Außenseiter, trotzdem überrascht das Team die Liga. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Vieles hängt mit dem Teamgeist zusammen, wir verstehen und alle sehr gut, jeder kämpft und läuft für den anderen. Seit einem Jahr scheint fast durchgehend die Sonne über uns. Es ist alles toll gelaufen nach der ganz schwierigen Saison vor zwei Jahren. Wir müssen zeigen, dass wir genauso eng zusammenstehen, wenn es mal nicht so läuft. Dann werden wir auf Dauer Erfolg haben.

Ist es also möglich, dass sich 96 im oberen Drittel der Liga etabliert?

Das ist schon hoch gegriffen. Wir wollen zu den ersten zehn Mannschaften der Bundesliga zählen, die Qualität dafür haben wir.

Sie haben ein neues Vertragsangebot vorliegen, bleiben Sie in Hannover?

Der Verein ist mein erster Ansprechpartner, aber es ist noch nichts entschieden. Wir wollen im Winter noch mal darüber sprechen.

Sie waren mal Nationalspieler, ist eine Rückkehr in diesen Kreis noch ein Thema für Sie?

Nein, damit beschäftige ich mich nicht mehr.

Warum nicht? Sie bekommen doch gerade so gute Kritiken?

Ja, aber wir haben auch eine phantastische Nationalmannschaft, die gerade erst gegen Brasilien überragend gespielt hat. Es gibt tolle Offensivspieler. Da brauche ich mir keine Gedanken machen, ob ich zurückkommen könnte.

Es wäre die perfekte Pointe eine Karriere, die anmutet wie eine Achterbahnfahrt.

Ich sehe das anders. Natürlich hätte ich vielleicht mehr aus meinen Möglichkeiten machen können. Aber man darf die Verletzungen nicht vergessen. Seit Beginn meiner Karriere hatte ich immer wieder Schwierigkeiten mit der Gesundheit und bin lange ausgefallen. Bei Gladbach waren das mal elf Monate wegen der Gelenkarthritis, bei den Bayern sieben Monate wegen eines Bandscheibenvorfalls, in Hannover beinahe ein ganzes Jahr wegen drei Leistenoperationen - es gab immer wieder Rückschläge. Das war es nicht so einfach, Selbstbewusstsein aufzubauen und kontinuierlich auf einem Niveau zu spielen.

Ihr Vater ist Pastor - wie reagiert er auf Ihr Leben als Profifußballer?

Darüber reden wir nicht. Er freut sich für mich, wenn ich gute Leistungen bringe, und unterstützt mich, wo er kann. Da spielt es keine Rolle, ob er nun Pastor, Bäcker oder Schreiner ist.

Dabei wird doch immer wieder gesagt, dass das Geschäft Bundesliga nicht unbedingt für Ehrlichkeit steht.

Natürlich, das ist ein hartes Geschäft. Das ist nicht so einfach, wie sich das manche vielleicht vorstellen. Jeder muss sich da durchbeißen.

Nervt es Sie, dass jeder Schritt eines Fußballprofis von manchen Medien unter dem Brennglas bewertet wird?

Dem müssen wir einfach Tribut zollen, das geht nicht anders. Wir werden auf Schritt und Tritt verfolgt, viele Dinge werden direkt öffentlich gemacht. Das ist nicht immer ganz einfach. Trotzdem ist es natürlich ein Traum, den ich hier verwirklichen kann.

Sie haben sich nun einen Ferrari gekauft. Haben Sie mal überlegt, ob es in der Öffentlichkeit nicht besser ankommen würde, wenn Sie sich einen Volkswagen zulegen?

Absolut, darüber habe ich mir Gedanken gemacht.

Aber Sie haben sich trotzdem für den roten Italiener entschieden.

Ja, ich bin ein Autofan und wollte mir schon immer mal so ein Auto zulegen. Nun war der richtige Zeitpunkt einfach gekommen. Ich war mehr als ein Jahr gesund, und das war einfach die Belohnung dafür. Ich bin jetzt 28, ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue. Aber weiß natürlich auch, wie das bei verschiedenen Leuten ankommt. Wenn ich eine Runde drehe, keinen Parkplatz finde und noch eine Runde fahre, dann heißt es schnell: Schau mal, der Schlaudraff will seinen Ferrari präsentieren! Wenn das ein anderer macht, dann sucht der einfach nur einen Parkplatz.

Schlaudraffs nächster Anlauf

Franck Ribéry, Luca Toni, Miroslav Klose - Jan Schlaudraff. Der Achtundzwanzigjährige hatte jede Menge Konkurrenz, als er 2007 von Alemannia Aachen zum FC Bayern München wechselte. Schlaudraff stand beispielhaft für einen Branchenmechanismus, schließlich hatte er zuvor mit seinem Tor und einer überzeugenden Leistung dafür gesorgt, dass sich Aachen im Dezember 2006 gegen die Bayern (4:2) im DFB-Pokal durchsetzte. Das jedoch gelang ihm beim Rekordmeister nie. Immerhin wurde er 2008 deutscher Meister und gewann den DFB-Pokal. Drei Mal ist Jan Schlaudraff sogar für die deutsche Nationalmannschaft aufgelaufen.

Seine Dienste waren Hannover 96 im Sommer 2008 rund 2,5 Millionen Euro wert, doch auch in Niedersachsen wurde er anfangs nicht glücklich. Trainer Mirko Slomka sortierte ihn zwischenzeitlich aus. Dabei galt Jan Schlaudraff stets als großes Talent und Versprechen auf eine erfolgreiche Zukunft. Sein Porträt ist sogar auf dem Cover der deutschen Version des Videospiels Pro Evolution Soccer 2008 abgebildet - neben dem von Cristiano Ronaldo.

Das Gespräch führte Michael Wittershagen.

Quelle: F.A.S.
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