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Im Gespräch: Fußballfan Martin Dearlove „St. Pauli ist authentischer als englischer Fußball“

13.04.2009 ·  Melvin Dearlove wohnt bei London, Fußballspiele schaut er sich aber lieber in Deutschland an. So oft es geht, fliegt er zu Heimspielen des FC St. Pauli ein. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Urwüchsigkeit auf Pauli und seine Preisersparnis beim Ausflug nach Deutschland.

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Melvin Dearlove wohnt bei London, früher war er Scout und Jugendtrainer bei seinem einstigen Lieblingsverein FC Liverpool. Doch die fortschreitende Kommerzialisierung des englischen Premier-League-Fußballs hat ihn zur Abkehr vom englischen Kick bewegt. Seit vier Jahren schaut er sich Fußballspiele lieber in Deutschland an. So oft es geht, fliegt Dearlove zu Heimspielen des FC St. Pauli ein.

Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Urwüchsigkeit auf Pauli und seine Preisersparnis beim Ausflug nach Deutschland.

Herr Dearlove, Sie wohnen in Benfleet vor den Toren Londons - aber statt sich die Spiele eines der dortigen Premier-League-Klubs anzuschauen, trifft man Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn oft beim deutschen Zweitligaklub FC St. Pauli an. Warum?

Wir kommen nach Hamburg, sooft es geht. St. Pauli ist lebendiger, aufregender, authentischer als englischer Fußball. So eine phantastische Party wie am Millerntor kannst du in England nicht mehr feiern. In Deutschland kann ich sogar Bier auf der Stehtribüne trinken und rauchen - bei uns muss ich sitzen, und jegliches Vergnügen rund um das Spiel ist mir verboten. Die englischen Topklubs haben ihre Seele verkauft. Es geht nur noch ums Geld. Und übrigens: Das Erlebnis St. Pauli ist billiger als ein Heimspiel von Arsenal.

Das müssen Sie uns erklären.

Bei Arsenal zahle ich etwa 60 Euro für die Karte. Nach London reinzufahren kostet mich 15 Euro. Für ein St.-Pauli-Spiel muss ich zehn Euro Eintritt hinlegen, das Flugticket kriege ich manchmal für nur 20 Euro, die Übernachtung kostet 40 Euro. Da habe ich dann zwei Tage Spaß für das gleiche Geld. Das ist der Grund, warum ich oft nicht der einzige Fan mit braunem Shirt im Flieger bin.

In der Tat berichten englische Medien, dass immer mehr einheimische Fans sich von der Premier League abwenden - und der Bundesliga zuwenden.

Das hat nichts mit dem Geschehen auf dem Rasen zu tun. Man sieht ja in der Champions League, dass es sportlich die beste Liga der Welt ist. Aber die Klubs erreichen ihre Fans nicht mehr. Viele von uns haben hingegen bei den Vereinen in Deutschland noch das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Zwar macht die Kommerzialisierung auch vor der Bundesliga nicht halt, aber sie ist nicht so ausgeprägt wie in England. Seit eineinhalb Jahren habe ich kein Premier-League-Spiel mehr im Stadion gesehen - die Stimmung langweilt mich längst. Seit vier Jahren fahre ich zu St. Pauli - das ist wegen seiner Urwüchsigkeit einer der bekanntesten Klubs in England. Ich bin süchtig nach St. Pauli.

Was lieben Sie an dem Verein besonders?

Du kommst an und bist willkommen. Jedes Spiel fühlt sich nach Freiheit an. Die Fans sind anti-rassistisch, antisexistisch, sie denken links, so wie ich - es gibt nichts Vergleichbares in England. Am Millerntor singen sie sogar noch nach Niederlagen „You'll never walk alone“. So wie früher bei uns, als die Spieler noch nicht 70.000 Pfund in der Woche verdient haben.

Was tun Sie, wenn Sie nicht nach Hamburg reisen können?

Ich habe viele Freunde, die sich den Eintritt bei ihrem Lieblingsklub nicht mehr leisten können. Wir treffen uns im Pub und schauen uns Fußball an - übrigens auch jedes Spiel von St. Pauli.

Bei Ihrer persönlichen Geschichte verwundert die Abkehr von der Premier League noch mehr.

Ja, ich habe zwölf Jahre für den FC Liverpool gearbeitet. Zehn Jahre in der Jugendakademie, zwei Jahre war ich hauptamtlicher Scout für die erste Mannschaft. Das war mein Verein, seit meiner Kindheit. Aber als Amerikaner den Verein gekauft haben, da war klar, dass auch mein Klub seine Seele verloren hat. Ich habe meinen Dienst quittiert und arbeite heute als Trainer beim Drittligisten Southend United.

Die Fragen stellte Matthias Wolf.

Quelle: F.A.S.
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