Home
http://www.faz.net/-gtn-169li
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: DFB-Präsident Zwanziger „Ich möchte auch ein wenig Gerechtigkeit für mich“

 ·  An diesem Freitag stellt sich DFB-Präsident Theo Zwanziger einem außerordentlichen DFB-Bundestag. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Lehren aus dem Fall Amerell sowie eigene Stärken und Schwächen.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

An diesem Freitag stellt sich Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einem außerordentlichen DFB-Bundestag. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Zwanziger, der im Herbst seine nächste Amtszeit anstrebt, über Lehren aus dem Fall Amerell sowie eigene Stärken und Schwächen.

Sie haben sich rar gemacht in den vergangenen drei Wochen vor dem Außerordentlichen DFB-Bundestag an diesem Freitag in Frankfurt. Kein Interview mit Ihnen, kein öffentliches Statement – war das der Beginn Ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht? Gibt es die oft behauptete One-man-Show des Theo Zwanziger nicht mehr?

Dass ich mich in der Öffentlichkeit rarer machen möchte, habe ich ja vor einigen Wochen angekündigt. Aber eine One-man-Show war nie meine Absicht, und die hat es auch nie gegeben. Ich habe während meiner bisherigen Amtszeit längst vieles delegiert, selbst meinen geliebten Frauenfußball. Und ich habe die Vizepräsidenten sowie die hauptamtlichen Mitarbeiter wie Generalsekretär Wolfgang Niersbach und seinen Stellvertreter Stefan Hans in die Verantwortung genommen. Andererseits gibt es für einen DFB-Präsidenten natürlich immer wieder Dinge, die nicht an ihm vorbeigehen können.

Haben Sie nach all den Turbulenzen rund um die Affäre Amerell/Kempter Ihre Auszeit genutzt, um zu regenerieren und über Reformen im DFB nachzudenken? Und wie haben Sie diese Wochen ausgehalten, in denen Ihnen unter anderem schwaches Krisenmanagement, Einmischung in ein schwebendes Verfahren, Parteinahme für den vom ehemaligen Schiedsrichterobmann Amerell angeblich sexuell bedrängten Schiedsrichter Kempter vorgeworfen wurde?

Ich habe mich ständig gefragt, ob diese Vorwürfe von der Sache her gerechtfertigt waren. Ob auf Grundlage der Wahrheit kommentiert wurde oder auf Grundlage von Vermutungen, Verdächtigungen, Halbwahrheiten. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass manches, was öffentlich kommentiert wurde, einfach nicht der Realität entsprach. Das ist gar nicht zuerst als Vorwurf zu verstehen. Vieles an dieser Geschichte war und ist eben vertraulich.

Deshalb musste ich eine gewisse Zeit damit leben, dass mir Dinge um die Ohren geschlagen wurden, gegen die ich mich nicht richtig zur Wehr setzen konnte. Es wird aber sichtbar werden, wie die Dinge liegen. Dann wird vielleicht auch eine etwas gerechtere Bewertung meines Handelns wahrscheinlich. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass man in einem Amt wie meinem auch immer mit Kritik leben muss. Was mich in dieser kritischen Zeit zusätzlich gestärkt hat, war das Vertrauen meiner Familie und wichtiger Menschen in unserem Verband.

Hätten Sie sonst über Rücktritt nachgedacht?

Wenn das, was man mir in großer medialer Breite vorwirft, berechtigt wäre, hätte ich sagen müssen, dem Amt bist du wirklich nicht mehr gewachsen und es wird Zeit, dass jemand anderes kommt. Dem war aber nicht so.

Warum haben Sie sich im Fall Amerell/Kempter so vehement eingemischt und dabei, wie es den Anschein hatte, auch Partei in einer schwierigen, komplexen Beziehungsgeschichte ergriffen, die womöglich erst ordentliche Gerichte wahrheitsgemäß aufklären können?

Wenn man sich den Ablauf des Geschehens genau betrachtet, sieht man, dass ich mich nicht so vehement eingemischt habe. Ob es in der Sache Amerell/Kempter die klassische Täter-Opfer-Rollenverteilung gibt, kann ich nur schwer einschätzen. Für die Entscheidung des Verbandes aber ist nur wichtig, ob sich Amerell in seinem Amt angreifbar gemacht hat. Und das hat er, daran zweifelt wohl kaum jemand. Gäbe es belastende Argumente gegen den Schiedsrichter Kempter, würden wir uns analog verhalten.

Wie kamen Sie zu dieser Einschätzung?

Ohne ins Detail zu gehen, will ich nur sagen: Wir haben Herrn Kempter und Herrn Amerell ausführlich angehört, um den Fall im Rahmen unserer Zuständigkeit so weit wie möglich aufzuklären. Deshalb hat es mich auch so getroffen, dass immer wieder zu lesen war, wir hätten Manfred Amerell nicht angehört. Dabei mussten wir der Frage nachgehen, ob in dieser Sache Amtsmissbrauch vorliege oder nicht. Kempter hat dezidierte Aussagen unter Benennung weiterer Schiedsrichter gemacht. Amerell hat uns darstellen wollen, dass Kempter schuld daran sei, dass diese Affäre in die Öffentlichkeit geriet. Für uns war entscheidend, dass Herr Amerell, der Herrn Kempter als Schiedsrichter beurteilen musste, seine Befangenheit in diesem Fall hätte anzeigen müssen.

Nachdem ich das DFB-Präsidium über diesen Fall informiert hatte, ließ Herr Amerell im Februar seine Ämter bis zur Aufklärung des Vorgangs ruhen. Während der weiteren Vernehmungen von unserem Justitiar, Herrn Dr. Englisch, kam die Mitteilung von Amerells Anwalt, dass dieser seinen Rücktritt von allen Fußballämtern erkläre. Damit waren wir der Meinung, dass der Vorgang für den DFB abgeschlossen sei, und das habe ich auch kommuniziert. Deshalb haben wir Amerells Anwalt anschließend auch keine Akteneinsicht gewährt.

Amerell ist danach medial in die Offensive gegangen und hat Sie mit einer Fülle von Vorwürfen konfrontiert, zum Beispiel, dass Sie „über Leichen“ gingen. Darauf haben Sie sich wieder zu Wort gemeldet. Warum?

Mit Rücksicht auch auf die noch anonym gebliebenen anderen Schiedsrichter, die Amerell teils schwere Vorwürfe gemacht haben, waren wir gezwungen, in einer Presseerklärung eine vorsichtige Bewertung der Äußerungen von Herrn Amerell vorzunehmen. Motto: Aus unserer Sicht war sein Rücktritt notwendig.

Sind Sie also der Meinung, bis zu diesem Zeitpunkt in Ihrer Aufarbeitung der Causa Amerell alles richtig gemacht zu haben?

Ich frage mich immer noch, was ich anders hätte machen können. Es kam trotz gegenteiliger Ankündigung auch keine neue Wahrheit auf den Tisch, als Amerell Anfang März vor dem Landgericht München seinen Unterlassungsantrag gegen den DFB zurückzog und deshalb weiter behauptet werden darf, dass mehrere Schiedsrichter in Anhörungen des DFB ausgesagt haben, von Herrn Amerell belästigt worden zu sein. Diese jungen Leute stehen übrigens bis heute in psychologischer Betreuung.

Dennoch waren Sie ab einem bestimmten Punkt ständig in der Defensive. Wie konnte es dazu kommen?

Vielleicht habe ich mich ein- oder zweimal zu oft geäußert. Aber ich muss doch reagieren, wenn falsche Behauptungen, die sich in der Öffentlichkeit verselbständigen, getätigt werden. Wir haben zum Beispiel nie anderen als den dazu von Amts wegen Berufenen Akteneinsicht gewährt, auch wenn das immer wieder lanciert wurde. Und dann gab es auch dieses falsch wiedergegebene Zitat von mir, nach dem ich den Missbrauch von Kindern in konfessionellen Schulen und anderen Einrichtungen mit dem Fall Amerell verglichen hätte. Ich habe diesen Zusammenhang nie hergestellt. So etwas würde ich nie tun, und es verletzt mich, wenn man auf der anderen Seite genau weiß, wie ich zu Gruppen stehe, die sich in einer Minderheitenrolle befinden, benachteiligt werden oder in anderer Weise der Hilfe und Fürsorge bedürfen.

Welche Lehre soll der DFB nun aus den Verfehlungen im Schiedsrichterwesen ziehen, und was ist darum beim Außerordentlichen DFB-Bundestag an diesem Freitag in Frankfurt zu erwarten?

Die Machtfülle des regionalen Obmanns, der seine jungen Leute bis zur DFB-Ebene führt, sie dort ansetzt, bewertet und coacht, ist zu groß gewesen und barg latent Manipulationsgefahren. Um solche Abhängigkeitsverhältnisse in Zukunft zu vermeiden, muss im Schiedsrichterbereich zukünftig mehr Transparenz herrschen und Ämtertrennung die Regel sein. Das muss in der Satzung verankert werden, und dafür brauchen wir den Außerordentlichen Bundestag. Wenn der Bundestag das beschließt, wird als eine Folge der alte Schiedsrichterausschuss am 21. Mai komplett aufgelöst. Dann wird eine neue Kommission besetzt, der dann der jetzige Ausschussvorsitzende Volker Roth nicht mehr angehört.

Sie haben den DFB mit Ihren vielen sozial- und gesellschaftspolitischen Initiativen in die Mitte der Gesellschaft geführt und sind dabei zu einer Stimme der Moral geworden. Warum, glauben Sie, ist das Pendel inzwischen so umgeschlagen, dass ihre eigene Glaubwürdigkeit darunter leidet?

Es fällt mir schwer, darauf eine Antwort zu geben, denn ich weiß es nicht so richtig. Wir haben falsche Behauptungen vielleicht zu lange kursieren lassen, ehe wir uns dagegen gewehrt haben. Ich beabsichtige, im Herbst wieder für die DFB-Präsidentschaft kandidieren. Voraussetzung ist, dass die Inhalte meines Amtsverständnisses auch in Zukunft gewollt sind. Ich bleibe der, der ich bin. Ein Mensch mit Stärken, Fehlern und Schwächen. Ich möchte aber auch ein wenig Gerechtigkeit für mich einfordern dürfen und nicht anhand von Darstellungen beurteilt werden, die keine Fakten sind und auf Unwahrheiten beruhen.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wie halten Sie es mit dem Confed-Cup?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Wer war der beste Torwart der Rückrunde?

2338 Stimmen wurden abgegeben.

26%
Manuel Neuer (München)
12%
René Adler (Hamburg)
49%
Roman Weidenfeller (Dortmund)
10%
Kevin Trapp (Frankfurt)
3%
Marc-André ter Stegen (M’gladbach)
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Umfrage

Wer war Ihr Spieler der Rückrunde?

3171 Stimmen wurden abgegeben.

45%
Franck Ribéry
25%
Robert Lewandowski
25%
Bastian Schweinsteiger
5%
Mario Götze
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen