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Im Gespräch: DFB-Präsident Zwanziger „Das Schweigekartell muss beseitigt werden“

27.02.2010 ·  Der Deutsche Fußball-Bund erlebt unruhige Wochen - dem Streit mit Bundestrainer Löw folgte die Schiedsrichteraffäre. Im Interview bezieht Präsident Zwanziger Position für Michael Kempter und erwägt eine Strafanzeige gegen Manfred Amerell.

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Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erlebt unruhige Wochen - dem Streit mit Joachim Löw folgt die Schiedsrichteraffäre. Im Interview bezieht DFB-Präsident Theo Zwanziger eindeutig Position für Michael Kempter, erwägt eine Strafanzeige gegen Manfred Amerell und verteidigt Schiedsrichterobmann Volker Roth.

Vor zwei Jahren haben Sie einen Rechtsstreit geführt, weil Sie als „unglaublicher Demagoge“ bezeichnet wurden. Sie würden, so sagten Sie damals, Ihre Ehre nicht auf dem Altar des Amtes opfern. In der Schiedsrichteraffäre werden nun beim Deutschen Fußball-Bund, um in Ihrer Diktion zu bleiben, Ehren geopfert. Warum haben Sie das nicht verhindert?

Im Gegenteil, wir beschützen diejenigen, deren Ehre wie im Fall unseres jungen Schiedsrichters Michael Kempter in Gefahr ist, verletzt zu werden. Der Schutz dieser jungen mutigen Leute ist mir sehr wichtig. Denn nur mit diesem Mut können Tabus gebrochen werden.

Und was ist mit Manfred Amerell, dessen Anwalt dem DFB vorwirft, die Intimsphäre seines Mandanten mit Füßen getreten zu haben?

Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Erst durch Amerells Aussage, er wäre völlig unschuldig, mussten wir reagieren und unsere Sichtweise darstellen. Wir wollten das weder so stehenlassen noch denjenigen zumuten, die sich bei uns mit soviel Mut offenbart hatten. Wir haben andere Erkenntnisse als der Anwalt von Manfred Amerell.

Warum hat der DFB zugelassen, dass Michael Kempter, der Amerell sexuelle Belästigung vorwirft, diese bislang von ihm bestrittenen Vorgänge in beschämender Weise bis ins kleinste Detail in die Öffentlichkeit getragen hat?

Er war seine freiwillige Entscheidung. Er, der auch schon den Mut hatte, den Fall bei uns anzuzeigen, wollte das sagen. Es ist doch der einzig richtige Weg, diese Schweigekartelle zu beseitigen und damit für mehr Transparenz zu sorgen. Einer muss doch damit anfangen. Deshalb kann ich solche Leute wie Michael Kempter nur unterstützen.

Hat sich Kempter durch seine Äußerungen nicht selbst geschadet?

Er hat nichts zu verlieren – wenn er die Wahrheit sagt.

Haben Sie Zweifel?

Sollte Herr Kempter seine Pflichten als Schiedsrichter verletzt haben, werden wir selbstverständlich ermitteln. Derzeit liegen uns dazu aber keine Hinweise vor – im Gegensatz zu Herrn Amerell. Er hat in seiner Funktion zu den ihm anvertrauten Schiedsrichtern nicht die nötige Distanz gewahrt. Dagegen ist es für uns überhaupt nicht relevant und nicht zu bewerten, wie und mit wem ein Schiedsrichter oder Mitarbeiter sein Privatleben verbringt.

Kempters öffentliche Aussagen in dieser Woche erhärten den Vorwurf sexueller Nötigung durch Herrn Amerell. Das wäre eine Straftat. Hätten Sie dann nicht die Staatsanwaltschaft informieren müssen?

Glauben Sie, wir hätten nicht daran gedacht? Es gibt in diesem Fall Ansätze, die auf strafbare Handlungen hindeuten. Wir haben deshalb bei einem renommierten Strafrechtler ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Anfang kommender Woche fertig sein soll.

Warum ist Schiedsrichterobmann Volker Roth nach seinem gravierenden Versäumnis, die schwerwiegenden Vorwürfe gegen den langjährigen Kollegen Amerell verspätet weitergegeben zu haben, noch im Amt?

Er hat über viele Jahre sehr viel Positives für das Schiedsrichterwesen geleistet – national und international. Diese Affäre kann ich auf den ersten Blick nicht Volker Roth zuschreiben.

Sein Fehler ist doch offenkundig.

Das stimmt, aber die Abwägung zwischen diesen Vorwürfen und seinen großen Verdiensten fällt für ihn positiv aus. Deshalb gibt es keinen Anlass, ihn vor seinem seit langem angekündigtem Ausscheiden im Oktober abzusetzen.

Wäre der 68 Jahre alte Volker Roth also zehn Jahre jünger, würde er für die Fehlleistung verantwortlich gemacht werden?

Wenn er zehn Jahre jünger wäre und auch in einem halben Jahr aufhören würde, dann wäre die Entscheidung dieselbe.

Ist es nicht unglücklich, dass Roth jetzt darüber bestimmt, wann Kempter wieder ein Spiel pfeift?

Die Besetzung wird nicht alleine vom Schiedsrichterausschuss ausgehen. Neben den rein sportlichen Dingen gibt es nun auch eine gesellschaftliche Ebene zu berücksichtigen – also die Reaktionen in den Stadien. Wir müssen das gemeinsam besprechen. Mein Wunsch ist es, dass Kempter so schnell wie möglich wieder pfeift. Er muss aber auch physisch und psychisch in der Lage sein, seine Aufgabe zu erledigen.

Der DFB ist ja nicht nur wegen der Schiedsrichteraffäre in die Kritik geraten, sondern auch wegen der gescheiterten Vertragsverhandlungen mit Bundestrainer Löw und seinem Team. Können Sie verstehen, dass der Bundestrainer nun auf die Frage, ob es möglich sei, dass er bei der EM-Qualifikation im Sommer kein Bundestrainer mehr ist, antwortet: „Ja, das könnte sein“?

Ich würde genauso antworten, weil wir keinen Vertrag über die WM hinaus haben. Es wird vom Verlauf der WM abhängen und den Eindrücken, die man voneinander hat. Ich wünsche mir diesen Bundestrainer weiterhin. Aber auch Jogi Löw muss das Recht haben, sich nach sechs Jahren beim DFB zu entscheiden.

Löw klingt nicht, als ob er unbedingt bleiben wollte. Das hören doch auch Sie aus diesen Äußerungen heraus.

Ja, aber ich kann nur sagen: Unser Vertrauensverhältnis ist intakt.

Was würden Sie denn auf die Frage antworten: Ist es möglich, dass Sie nach dem DFB-Bundestag im Oktober nicht mehr DFB-Präsident sind?

Das weiß ich nicht. Ich mache die Kandidatur von zwei Fragen abhängig. Reizt es mich noch? Kann ich noch helfen? 2011 haben wir die Frauen-WM, und ich würde mich riesig freuen, unseren Mädchen und Frauen auch weiterhin im DFB großen Respekt und Anerkennung zollen zu können. Ich weiß, dass ich dafür von einigen kritisiert werde. Es gibt für mich also den Wunsch, zu kandidieren. Das ist aber von drei Dingen abhängig. Erstens: Dass ich mich gesund fühle. Denn ich habe eine Begabung, die auch eine Last ist. Ich kann gut frei reden. Aber ich weiß, dass das zu Ende gehen kann, morgen, übermorgen – aber vielleicht dauert es auch noch drei Jahre. Dann würde ich eine meiner Stärken verlieren: Auf Menschen einwirken zu können, zum Beispiel auch beim DFB-Bundestag. Meine Frau wird mir sagen, wenn es nicht mehr klappt. Zweitens: Die Inhalte. Da habe ich keine Sorgen, dass neben den sportlichen Fragen auch unser gesellschaftliches Engagement erhalten bleibt. Und auch die Unterstützung des Verbandes, Tabuthemen zu brechen. Es ist mir wichtig, dass der Verband nicht zurückfällt in eine Zeit, in der er sich nur als Sportverband gesehen hat. Und Drittens: Dass die Leute mich noch wollen. Meine Leute sind die Landesverbände – und da habe ich eigentlich keine großen Sorgen, weil sie erkennen, dass ich sehr viel im gesellschaftlich-sozialen Bereich bewege.

Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihnen ein Ultimatum von 48 Stunden stellte?

Sie vergleichen Dinge miteinander, die man nicht vergleichen kann. Wir haben ein klares Verfahren: Drei Monate vor dem DFB-Bundestag muss ein Vorschlag kommen – dann schaue ich mir es an. Und wenn vier andere vorgeschlagen werden, und da ist einer dabei, der es besser kann als ich, dann würde ich dem Verband eine Zerreißprobe ersparen wollen. Zum anderen: Ich muss entschieden widersprechen: Es hat nie ein Ultimatum gegeben. Das ist medial überhöht worden. Ich habe dem Bundestrainer einen sehr guten Vorschlag gemacht. Das war kein Ultimatum, sondern der letzte Versuch, die Vertragsverlängerung noch vor der WM zu erledigen. Ich wusste ja schon, dass in den nächsten Wochen andere wichtige Dinge anstehen. Ich habe den Bundestrainer nicht in eine Zwangslage gebracht. Ich muss mir auch nicht sagen lassen, dass ich Respekt vor dem Bundestrainer haben muss – den Respekt habe ich.

In den Auseinandersetzungen um die Vertragsverlängerung haben Sie den Eindruck vermittelt, dass es Ihnen wichtiger ist, den Vertrag mit dem Bundestrainer zu verlängern als mit dem Manager. Was muss Bierhoff tun, um vom DFB im Sommer ein neues Vertragsangebot zu erhalten?

Er soll so weiterarbeiten, wie er vorher auch gearbeitet hat. Er ist der Mann meines Vertrauens gewesen, wir hatten eine perfekte Arbeitsteilung. Und das kann auch wieder werden.

Löw wollen Sie ein Angebot nach der WM machen, selbst wenn es eine Enttäuschung gibt. Bekommt Bierhoff auch ein Angebot?

Ob er ein Angebot bekommt, kann ich heute nicht sagen. Vertrauen ist kaputt gegangen. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die öffentliche Meinung für Oliver Bierhoff und gegen den DFB gerichtet ist. Es ist umgekehrt. Von seiner Kompetenz bin ich überzeugt, aber auch das Menschliche gehört dazu. Die Gespräche, die wir zwischenzeitlich hatten, gehen wieder in die richtige Richtung. Ich schließe Vertragsgespräche mit Bierhoff nach der WM nicht aus, aber das ist offen.

Für einen Präsidenten, der für sich reklamiert, vertrauensvoll mit seinen Mitarbeitern umzugehen, ist es doch ein schwerer Schlag, wenn wie im Fall von Löw und Bierhoff Interna aus den Vertragsverhandlungen an die Öffentlichkeit gelangen.

So etwas sollte nicht, aber kann passieren, wenn versucht wird, die Stimmungslage in einem Gremium zu verändern. Ich habe das schon erlebt. Natürlich haben wir sehr viele Präsidiumsmitglieder . . .

Weshalb gehen Sie diesem Fall von Vertrauensbruch nicht weiter nach? Es besteht doch die Gefahr, dass Sie damit in Zusammenhang gebracht werden.

Ich habe nichts weitergegeben – und auch unser Generalsekretär Wolfgang Niersbach nicht. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Aber wer kann schon ausschließen, dass es zu Indiskretionen kommt? Wenn ich aber ernsthaft prüfen will, wer das gewesen ist, implementiere ich Misstrauen im Präsidium. Das hat dieses Führungsgremium nicht verdient. Deshalb nehme ich das hin. Es darf aber nicht so oft passieren.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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