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Im Gespräch: Bruno Labbadia „Ich habe etwas gegen Roboter-Training“

28.10.2008 ·  Bayer Leverkusen ist die erste Station für Bruno Labbadia in der Bundesliga - vor dem zehnten Spieltag steht der Darmstädter mit seiner jungen Mannschaft auf Rang zwei. Gegenüber der F.A.Z. spricht Labbadia über Ordnung, Freiheit und Hunger auf Erfolg.

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Bayer Leverkusen ist die erste Station für Bruno Labbadia in der Bundesliga - vor dem zehnten Spieltag steht der 42 Jahre alte Darmstädter mit seiner jungen Mannschaft auf Rang zwei. Gegenüber der F.A.Z. spricht Labbadia über Ordnung, Freiheit und seinen Hunger auf Erfolg.

Sie sind die neueste Trainer-Entdeckung der Bundesliga und gleich mit Ihrer jungen Mannschaft voll durchgestartet. Was ist Ihr Antrieb?

Ich will Erfolg haben. Das ist mein Antrieb. Ich bin da sehr egoistisch. Um meine persönlichen Ziele zu erreichen, arbeite ich hart und intensiv mit meinen Spielern, damit sie sich verbessern. Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle, obgleich es eine angenehme Begleiterscheinung im Fußball ist.

Was erwarten Sie von Ihren Spielern?

Sie müssen begreifen, dass das eigene Ego der größte Antrieb ist. Wir im Trainerteam versuchen das jeden Tag vorzuleben. Wir fördern bei uns den Charakter jedes Spielers, wollen herausfinden, welche Ziele der Einzelne mit dem Fußball verbindet, und animieren ihn, diese konsequent zu verfolgen. Der eine spielt, weil er viel Geld verdienen und später wirtschaftlich unabhängig sein will. Das könnte ein Antrieb sein. Für den anderen zählen mehr die Begeisterung und der Stolz, sich sportlich einen hohen Status zu erarbeiten. Jeder von uns muss aber wissen, dass er seine Ziele nur erreichen kann, wenn er sein Ego voll in die Mannschaft einbringt. Leider gibt es viele Leute, die immer von Zielen reden, aber nicht bereit sind, dafür etwas zu tun.

Wie fördern Sie Ihre jungen Spieler?

Sie müssen stark gelenkt und gefördert werden. Wir vermitteln ihnen Werte, die für ein Team unerlässlich sind wie Ordnung, Disziplin und Respekt. Genauso auf dem Platz: Da fordere ich einerseits einen engen Rahmen in der Defensive mit taktischer Disziplin. Hier gibt es keinen Millimeter Spielraum. In der Offensive sind dagegen Kreativität und Eigenverantwortung gefragt. Dies zu erreichen ist zuweilen schwierig, weil die Spieler permanent beobachtet und angeleitet werden müssen. Ich darf meine jungen Spieler aber in ihrer Entwicklung nicht zu sehr einengen, sonst geht die Spielfreude verloren. Ein Spieler muss überzeugt sein von dem, was ich ihm auf den Weg gebe. Deshalb muss er wissen, warum er etwas macht. Um heute die letzten Reserven aus einer Mannschaft zu holen, müssen wir den Spielern sagen, dass sie sehr bewusst mit ihrem Job umzugehen haben. Es geht nicht nur ums gemeinsame tägliche Training, sondern auch darum, sich individuell mit Körper und Geist zu beschäftigen.

Fußball wird ja immer komplizierter.

Ich erwarte sehr viel von den Spielern - auch viel Zeitaufwand. Gleichzeitig möchte ich ihnen Freude vermitteln. Fußball ist ein tolles Spiel, das einem sehr viel gibt als Mensch. Ich habe deshalb etwas gegen Roboter-Training. Deshalb gilt bei uns: Jeder Tag ohne Fußballspielen ist ein verlorener Tag. Unser Training läuft zu 95 Prozent mit dem Ball ab, auch für die Ausdauer absolvieren wir keine ewigen Läufe. Und wenn wir zwischen zwei Spieltagen mal die Möglichkeit haben zu feiern, dann sollen es meine Spieler richtig krachen lassen. Genuss muss sein, nicht nur harte Arbeit. Ich habe eingeführt, dass wir beim Abendessen länger zusammensitzen als die üblichen 15 oder 20 Minuten. Da haben sich die Spieler erst gewundert, aber für mich ist das eine Art von Teambildung und gehört zur Persönlichkeitsentwicklung. Wir haben ja eine Verantwortung für diese jungen Menschen. Ich möchte ihnen beibringen, dass Essen ein Genuss und nicht nur schnelle Nahrungsaufnahme ist. Das sind wohl meine italienischen Wurzeln.

Was hat Sie noch geprägt - Sie stammen aus einer Einwandererfamilie mit acht Geschwistern?

Ich tue mich schwer, zu sagen, weil ich aus einfachen, vielleicht sogar ärmlichen Verhältnissen komme, habe ich mehr Hunger auf Erfolg. Ich weiß nur, dass ich in einer Zeit groß geworden bin, in der es nicht viel ausgemacht hat, weniger Geld zu haben. Das ist ein Vorteil. Heute ist das etwas anders. Die unterschiedlichen sozialen Gruppen grenzen sich sehr ab, die Kinder finden nicht mehr zusammen. Ich finde es bedenklich, dass man sich heute gute Bildung kaufen muss und Geld braucht, um Jugendliche zu fördern.

Sie stehen für jemanden, der von unten kommt. Warum tragen Sie auf der Trainerbank eigentlich feinen Zwirn und nicht den für Fußballarbeiter typischen Trainingsanzug?

Ich habe mich schon als Spieler nie wohl gefühlt, wenn ich im Hotel einen Trainingsanzug getragen habe. Für mich ist jeder Spieltag wie ein Sonntag, also ein Feiertag. Und da hat man doch früher immer seinen besten Anzug angezogen. Deshalb habe ich das als Trainer schon in der Oberliga bei Darmstadt 98 so gehalten. Es gibt jedoch auch Trainer, die im Trainingsanzug sehr authentisch wirken. Jeder hat eben seine Richtung.

Wie sehr gehören Sie schon zu Leverkusen?

Leverkusen ist so, wie den FC Barcelona zu trainieren. Einfach wunderbar. Das ist mein Zuhause. Ich merke das jede Minute, wenn ich auf dem Platz stehe und mich wohl fühle. Genauso war das aber auch vorher bei Greuther Fürth. Wenn ich eine Aufgabe habe, egal an welchem Ort, dann ist das für mich der Nabel der Welt. Ich gebe dafür meine ganze Kraft.

Das klingt sehr anstrengend.

Menschen, die viel geben, sind natürlich auch anfälliger, in ein Loch zu fallen. Meine Frau hat mal gesagt, am liebsten hätte sie es gehabt, wenn ich damals nicht Stürmer, sondern Abwehrspieler gewesen wäre. Da fällt man nicht in so ein Wechselbad der Gefühle - oben, unten, oben, unten. Ich allerdings will nicht dieses gleichförmige Leben, auch wenn ich weiß, dass ich immer mal wieder dafür bezahlen muss. Ich lechze nach den Höhen im Fußball. Im Fußball erlebt man Dinge, die kann niemand mit Geld bezahlen. Dieses Fußballerleben ist wie eine Droge.

Das Gespräch führte Michael Ashelm

Quelle: F.A.S.
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