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Im Gespräch: Bayer-Trainer Heynckes „Eine solche Hysterie habe ich noch nie erlebt“

06.09.2010 ·  Bayer Leverkusen gilt im Titelkampf als Außenseiter mit Potential - nicht zuletzt wegen Michael Ballack. Im FAZ.NET-Interview spricht Trainer Jupp Heynckes über den Wackelkandiaten, die Vorzüge der Bundesliga und die Rente mit 67.

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Leverkusens Trainer Jupp Heynckes ist ein erfahrener Mann. In Deutschland trainierte er schon Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt und Bayern München, auf internationaler Bühne stehen Mannschaften wie Real Madrid oder Benfica Lissabon in seiner Vita. Mit Real gewann er gar die Champions League. In der Bundesliga gilt Heynckes mit seiner Mannschaft nun als aussichtsreicher Meisterschaftskandidat - wenn denn die Mannschaft ihr derzeit großteils angeschlagenes Potential nutzt. In der Vorwoche gelang das bei der 3:6-Heimniederlage gegen Mönchengladbach nicht.

Sie sind 65 Jahre alt. Was treibt einen Mann wie Sie noch bei Wind und Wetter auf den Trainingsplatz?

Ich bin doch noch jung, das liegt wohl daran, dass wir hier keinen großen Arbeitsstress haben. Aber im Ernst: Fußball ist seit Jahrzehnten mein Lebensinhalt. Mein Beruf ermöglicht mir den Kontakt zu interessanten Menschen, das hält mich jung. Entscheidend ist die Balance zwischen Arbeit und Spaß. Diese Balance ist hier in Leverkusen gegeben.

Auch nach einem 3:6 gegen Ihren Heimatklub Borussia Mönchengladbach?

Wenn man so verliert wie wir gegen Gladbach, macht es natürlich weniger Spaß, aber die Arbeit bietet mir immer noch Erfüllung, darauf kommt es an.

Was tun Sie, um im Alter fit zu bleiben?

Ich hatte immer eine große Selbstdisziplin. Als Spieler braucht man die sowieso, als Trainer will ich sie den Spielern vorleben. Es ist mir nie schwergefallen, gesund zu leben und etwas für meinen Körper zu tun. Wenn man zudem viele Interessen hat, etwa Musik oder Theater, dann bleibt man im Alter vital. Die Knochen sind natürlich morscher geworden. Wegen meiner Knieprothese kann ich nicht mehr viel laufen, aber ich arbeite auf dem Fahrrad-Ergometer, gehe schwimmen und mache ein wenig Krafttraining. Deshalb hat es wohl den Anschein, dass ich fit bin.

Werden Sie zum Vorreiter der Rente mit 67, oder hören Sie nächstes Jahr auf zu arbeiten? Leisten könnten Sie es sich ja.

Ich weiß es noch nicht. Das Einkommen ist sicher nicht die Triebfeder. Unabhängig von der politischen Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter kann ich nur sagen: Wenn jemand wie ich in der Position ist, selbst zu entscheiden, wann er aufhört, wenn die Arbeit ihn erfüllt und er geistig wie körperlich in der Lage ist weiterzumachen, dann darf er sich privilegiert fühlen. Wie singt Udo Jürgens: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.

Wird es nicht schwieriger, mit jungen Spielern zu arbeiten, wenn der Altersunterschied immer größer wird?

Nein. Es kommt vor allem darauf an, Zugang zu den Spielern zu finden, mit ihnen zu reden, zu versuchen, sie zu verstehen, und auch für Kleinigkeiten einen Blick zu haben. Darauf lege ich größeren Wert als früher. Die Spieler erwarten ein Feedback. Ich stehe ihnen mit Rat und Tat zur Seite, vor allem sportlich, und wenn sie es wollen, auch privat, obwohl ich in diese Sphäre nicht so gern eintauche.

Wie beurteilen Sie die jungen Spieler unserer Zeit, die ja gerade in Leverkusen reich vertreten sind?

Der Mensch als solcher hat sich in vielen Punkten vielleicht gar nicht so sehr verändert. Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Alles ist rasanter, schnelllebiger geworden. Die Spieler wachsen anders auf, das fängt in der Schule schon an. Sie entwickeln heute früher ein Selbstbewusstsein, sie sind früher reif, weil sie es gewohnt sind, dass die Welt sich schneller dreht. Wir haben eine gute Jugend. Die meisten sind motiviert, fleißig, lernwillig, sie wollen etwas erreichen, das merke ich immer mehr. Aber es ist für die jungen Spieler schwieriger geworden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf ihren Job. Da müssen wir aufpassen.

Inwiefern?

Wir dürfen die junge Generation nicht überfordern. Die Anforderungen im Profifußball steigen und steigen. Es gibt immer mehr Termine außerhalb des Sports. Die Verantwortlichen in den Chefetagen sollten nicht vergessen, dass der Fußball selbst an erster Stelle stehen muss, damit die Zuschauer am Wochenende auf dem Platz Topleistungen sehen. Natürlich müssen die Vereine sich vermarkten, und sie brauchen dafür die Spieler, aber die Relation muss stimmen. Es kann nicht nur um Marketing und Berichterstattung gehen und darum, irgendwo noch fünf Euro mehr einzunehmen.

Marketing und Medien spielen vor allem bei Leverkusens meistbeachtetem Zugang eine Rolle. War es Ihre Idee, den Routinier Michael Ballack zu verpflichten, oder haben andere Sie überzeugen müssen?

Bei uns ist es so üblich, Spieler immer gemeinsam zu verpflichten.

Bisher konnte Ballack, der drei Monate verletzt war, der Mannschaft noch nicht helfen oder sie gar stabilisieren. Wie lange wird es noch dauern, bis er eine Verstärkung ist?

Das ist seriös gar nicht einzuschätzen. Einen bestimmten Zeitpunkt zu nennen ist nicht möglich. Wir haben gesehen, dass Michael Ballack noch nicht die Fitness hat, die er braucht, um auf hohem Niveau, auf seinem Niveau spielen zu können.

Glauben Sie denn, dass er seine alte Form wieder erreicht und den vielfältigen Ansprüchen im Verein und in der Nationalelf gerecht wird?

Es ist nicht wichtig, was ich glaube. Wir müssen abwarten. Ich halte nichts von dieser ganzen Kaffeesatzleserei, das nützt mir nichts, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Beim Thema Ballack klingen Sie ein wenig gereizt. Woran liegt das?

Eine solche Medienhysterie habe ich noch nie erlebt, bei all den Vereinen, für die ich während der vergangenen Jahrzehnte im In- und Ausland gearbeitet habe. Was soll ich noch sagen? Es ist doch schon alles rauf und runter geschrieben worden. Ich will das nicht mehr kommentieren. Auch Spieler wie Patrick Helmes, Renato Augusto und vor allem Simon Rolfes haben uns lange gefehlt. Es geht nicht nur um Michael Ballack. Er muss erst einmal versuchen, seine Fitness zu finden, dann werden wir weitersehen. Wenn so ein erfahrener Spieler fit ist, kann er sich einbringen und zusammen mit unserem Kapitän Simon Rolfes sehr wichtig werden für die Mannschaft.

Ballack ist nicht der einzige Star, der in diesem Sommer von einem europäischen Spitzenklub in die Bundesliga gewechselt ist. Van Nistelrooy, Raúl, Metzelder, Huntelaar, Camoranesi sind große Namen, aber ihnen haftet der Makel an, vor allem deshalb gekommen zu sein, weil sie in Madrid, Mailand oder Turin nicht mehr gefragt waren. Sind diese Spieler wirklich als Zeichen für die wachsende Bedeutung der Bundesliga zu werten?

Für solche Spieler gibt es Gründe, in die Bundesliga zu wechseln: die großen Stadien, die häufig voll sind, die Begeisterung der Fans und das Gehalt. Sie können hier viel Geld verdienen. Und: Das Gehalt steht nicht nur im Vertrag, sondern ist pünktlich auf dem Bankkonto. Im Übrigen sollte man differenzieren. Wenn ein Spieler bei Real Madrid nicht mehr zurechtkommt, muss das nicht heißen, dass es ihm an Qualität fehlt.

An wen denken Sie da?

Ich will zwei Beispiele nennen: Arjen Robben war bei Real Madrid nicht mehr erwünscht, ebenso Wesley Sneijder. Aber beide haben nach ihrem Wechsel bei anderen Vereinen auf höchstem Niveau hervorragende Leistungen gezeigt. Robben hat wesentlich dazu beigetragen, dass Bayern München in der vergangenen Saison das Double gewonnen und das Finale der Champions League erreicht hat. Und er wurde „Deutschlands Fußballer des Jahres“. Sneijder gewann mit Inter Mailand die italienische Meisterschaft, den Pokal und die Champions League.

Während ältere Profis aus bedeutenden Fußball-Ländern in die Bundesliga wechseln, zieht es deutsche WM-Stars zu Real Madrid. Sind junge Spieler wie Sami Khedira oder Mesut Özil gefestigt genug, sich bei einem solchen Ausnahmeklub durchzusetzen, bei dem schon viele Stars und Sternchen gescheitert sind?

Die Spieler müssen selbst wissen, ob sie schon so weit sind, diesen Schritt zu wagen. Ich kann das nicht beurteilen und möchte mir deshalb kein Urteil anmaßen. Dafür kenne ich sie nicht gut genug.

Aber als früherer Real-Trainer kennen Sie den Klub recht gut.

Natürlich ist der Erfolgsdruck bei Real Madrid immens. Aber soweit ich weiß, wollte Trainer Mourinho die beiden Spieler haben, das könnte ihnen manches erleichtern. Wenn der Trainer sie unterstützt, ist es günstiger, als wenn sie in erster Linie auf Drängen des Präsidenten verpflichtet worden wären.

Zuletzt haben sich viele Talente in der Bundesliga zu Stammspielern und sogar zu Leistungsträgern entwickelt. Ist das Zufall, weil es vielleicht gerade ein paar gute Jahrgänge gibt, oder hat sich grundlegend etwas geändert?

Die Vereine sind von der DFL dazu angehalten worden, bessere Strukturen für die Talentförderung zu schaffen. Inzwischen greifen die Nachwuchskonzepte. Und die Trainer sind so mutig, die Jungs auch spielen zu lassen. Darin liegt eine große, eine erfreuliche Veränderung gegenüber früher.

Das Gespräch führte Richard Leipold.

Quelle: F.A.Z.
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