Als Ilkay Gündogan zu Borussia Dortmund wechselte, lag eine Aufgabe von höchstem Schwierigkeitsgrad vor ihm. Und es war nicht sicher, ob er sie würde bewältigen können: Er sollte Nuri Sahin ersetzen, den zu jener Zeit besten defensiven Mittelfeldspieler der Fußball-Bundesliga. Jetzt, anderthalb Jahre später, wartet die nächste Herausforderung auf Gündogan: Er soll mit Sahin zusammenspielen, der nach kurzen Aufenthalten bei Real Madrid und beim FC Liverpool festgestellt hat, dass er sich nur in Borussias Schoß geborgen genug fühlt, um seine beste Leistung abrufen zu können. Die erste große Herausforderung seiner Profikarriere hat Gündogan jedenfalls gemeistert, mit Bravour sogar. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten füllt er jene Position mit Inhalt und Leben, die wie ein riesiges Vakuum gewirkt hatte, als er in Dortmund anfing.
Mit 22 Jahren gilt er nicht mehr bloß als Talent, sondern als Stratege, der beim deutschen Meister einen Lenkungsauftrag wahrnimmt. „Er ist ein schlauer Junge, der sehr gut bei uns reinpasst“, sagt BVB-Trainer Jürgen Klopp. Und dieser schlaue Junge hat sehr schnell sehr viel gelernt. Schon im ersten Dortmunder Lehrjahr trug er zum Gewinn des Doubles aus Meisterschaft und Pokal bei; jener Titelkombination, von der die meisten Profis eine ganze Karriere lang nur träumen. Gündogan habe auf dem Platz „zügig ein eigenes Profil entwickelt“, sagt Klopp. „Es gibt bereits mehr Spieler, die sich an ihm orientieren, als Spieler, an denen er sich orientieren müsste.“
Beim Heimsieg zuletzt gegen den 1. FC Nürnberg, den er im Sommer 2011 Richtung Dortmund verlassen hatte, fiel seine Funktion als Dreh- und Angelpunkt besonders ins Auge. Gündogan hatte 147 Ballkontakte - ein Wert, den an den ersten neunzehn Spieltagen dieser Saison kein anderer Bundesligaprofi erreicht hat. Bemerkenswert auch, was er mit dem Ball am Fuß anzufangen wusste. Seine Präzision verleiht den Empfängern, die näher am gegnerischen Tor zu tun haben, ein Gefühl der Sicherheit; sie dürfen meist damit rechnen, dass der Ball sie im richtigen Augenblick erreicht, auf dass sie ihn weiterverarbeiten. Jüngst landeten satte dreiundneunzig Prozent seiner Pässe dort, wo Gündogan sie hinhaben wollte.
Doch der Taktgeber bildet sich nicht zu viel ein auf seine Anziehungskraft, die im Spiel einem Magneten gleicht. „Ich spiele einfach den Pass, den ich als beste Alternative sehe. Es klappt nicht alles, aber das muss es auch nicht“, sagt er. „Der Mut, die Bälle überhaupt zu spielen, ist entscheidend. Diesen Mut hatte ich vor eineinhalb Jahren noch nicht.“ Wäre er auch noch torgefährlich, würde er in der öffentlichen Wahrnehmung vermutlich nahe an Mario Götze und Marco Reus heranrücken, die beiden Aktionskünstler aus der Abteilung Attacke. In dreiundvierzig Ligaspielen für Dortmund gelangen Gündogan aber nur vier Treffer. An dieser Schwäche wird er, auch auf Trainer Klopps Geheiß, noch viel arbeiten müssen.
Dringender erscheint indes die Frage, wie das Zusammenspiel mit Sahin funktionieren kann. Eine Weile mag der Heimkehrer sich noch als Teilzeitkraft hinten anstellen wie in den ersten beiden Partien nach seiner Rückkehr - und wahrscheinlich auch an diesem Sonntag beim Auswärtsspiel gegen Bayer Leverkusen (17.30 Uhr live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET), den aktuellen Bundesliga-Zweiten. Aber in nicht allzu ferner Zukunft wird sich weisen müssen, ob es zwischen den beiden auf ein Entweder-Oder hinausläuft oder ob sie gemeinsam wertvoller für die Mannschaft sind als jeder für sich. Taktische Varianten bieten sich genug. Die beiden Westfalen mit türkischen Wurzeln könnten nebeneinander vor der Abwehr und hinter der offensiven Mittelfeldreihe spielen, oder Gündogan rückt vor auf die „Zehn“, eine Position, die ihm schon als Nachwuchsspieler vertraut war. Sollten die beiden auf dem Platz ähnlich gut harmonieren wie Götze und Reus in der Offensive, muss vielleicht mancher um seinen Platz fürchten, der noch gar nicht damit rechnet.
„Defensive Qualität und offensive Ausrichtung“
Klopp erläutert den „wenig festgelegten“ Standort Gündogans im Dortmunder Koordinatensystem so: „Er ist ein Mittelfeldspieler mit defensiver Qualität und offensiver Ausrichtung.“ Seinem Naturell entsprechend, lässt Gündogan die Härte des Wettbewerbs an sich abprallen. Er begrüßt Sahin nicht als Mitbewerber, sondern als Kompagnon im Range eines „großen Bruders“. Gern erzählt er die Geschichte, wie die beiden sich kennengelernt haben - bei einem Bundesligaspiel. Gündogan kickte noch für Nürnberg, und Sahin, bei Dortmund schon etabliert, sprach ihn an, munterte ihn auf und gab ihm nach dem Schlusspfiff seine Telefonnummer für den Fall, dass der junge Kollege mal einen Tipp brauche.
Es entwickelte sich eine Fußballfreundschaft, die Gündogan nun am gemeinsamen Arbeitsplatz weiter pflegen will. „Auch wenn Nuri jetzt mein Konkurrent ist, bin ich doch sehr froh, dass er zu uns gestoßen ist.“ Sahin sei nicht nur „ein Supertyp“, er werde die Mannschaft auch sportlich weiterbringen. „Er macht uns variabler, flexibler.“ Wenn Vernunft und Vereinsräson so aus Gündogan raussprudeln, klingt es fast, als würde der Trainer sprechen und nicht ein junger Mann, der am Anfang seiner Karriere steht.
Spieler, die noch so jung sind und schon so erwachsen wirken, kommen auch bei Bundestrainer Joachim Löw gut an. Gündogan könnte in diesem Sommer für Deutschland bei der U-21-Europameisterschaft spielen, und Löw schließt einen solchen Einsatz nicht aus. Er hält ihn aber auch bei den „Erwachsenen“ schon für bestens aufgehoben: „Er ist vielleicht schon einen Schritt weiter als die U 21 und hat auch bei uns schon Akzente gesetzt. Ich sehe ihn als A-Nationalspieler.“ Löw lobte vor laufender Kamera nicht nur die „vielen Lösungen“, die Gündogan zu bieten habe, auch „auf engem Raum und unter dem Druck von Gegenspielern“. In der Nationalmannschaft hat Gündogan in der Mittelfeldhierarchie international anerkannte Größen wie Bastian Schweinsteiger von Bayern München und Sami Khedira von Real Madrid über sich. Dennoch gehört er für Löw längst zu den Auserwählten, die gerne wiederkommen dürfen.