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Veröffentlicht: 13.05.2017, 08:22 Uhr

Bundesliga-Abstiegskampf Alle Jahre wieder ist Hamburg in Not

Häme, Spott und dumme Sprüche muss der Hamburger SV seit Jahren einstecken. Im Kern sind es zwei Dinge, die den Klub nun im vierten Jahr in Serie zu einem Abstiegskandidaten machen.

von Frank Heike, Hamburg
© Picture-Alliance Wieder steht der HSV in der Bundesliga am Abgrund. Geht es wieder gut?

Die Europa League war zum Greifen nah, als der Hamburger SV am 18. Mai 2013 ins Spiel gegen Bayer Leverkusen ging. Ein 4:1-Sieg am vorletzten Spieltag in Hoffenheim hatte der Mannschaft von Trainer Thorsten Fink alle Möglichkeiten eröffnet. Sportchef Frank Arnesen haderte später mit dem Siegtreffer der Leverkusener in der 90. Minute. Die Tür nach Europa fiel zu. Der Venezolaner Tomas Rincon hat die Saison 2012/13 als letzte „normale“ des HSV bezeichnet. Er trug damals das Trikot mit der Raute, spielte neben Rafael van der Vaart im Mittelfeld.

Noch ein weiteres Jahr, das er als „chaotisch“ bezeichnet, spielte Rincon in Hamburg, dann verkaufte ihn der HSV nach Genua. Inzwischen verdient Rincon sein Geld beim Champions-League-Aspiranten Juventus Turin. Zum HSV sagt Rincon: „Der Verein hat von oben bis unten keine Stabilität. Er bräuchte zwei Jahre ohne Umbruch, mit einem Trainer und einem Sportchef.“ Seit Rincon weg ist, hat der HSV sechs Trainer und vier Sportchefs verbraucht. Rincon gehört zur langen Liste von Spielern, die beim HSV unterschätzt, verkannt oder unfähig waren, ihren besten Fußball zu spielen. Kerem Demirbay, Per Skjelbred, Tolgay Arslan, Levin Öztunali, Milan Badelj, Eric-Maxim Choupo-Moting, Jonathan Tah oder Marcus Berg zählen dazu.

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Im Kern sind es zwei Dinge, die den Bundesliga-Dino nun im vierten Jahr in Serie zum Abstiegskandidaten machen: viele neue Spieler haben den Durchbruch zum „Star“ in der Eigenwahrnehmung schon mit der Unterschrift unter ihren Vertrag beim HSV geschafft – verständlich bei Gehältern in Champions-League-Größenordnung. Über die üppig alimentierten Rundum-sorglos-Pakete der Profis war der neue Vorstandschef Heribert Bruchhagen bei der ersten Durchsicht der Akten entsetzt. Der zweite Teil der Misere hängt mit der Einkaufspolitik zusammen: Es werden regelmäßig Spieler mit vermeintlich großen Namen teuer verpflichtet, statt Perlen aus der zweiten Reihe zu veredeln.

Finanzchef Frank Wettstein, ein grundsätzlich zuversichtlicher Rheinländer, bringt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen dritten Punkt ein, der sowohl den sportlichen Niedergang als auch die finanzielle Belastung des HSV charakterisiert: Die ständigen Abfindungen der entlassenen Trainer und Sportchefs drücken auf die Bilanz – und die Plazierung. Sechs Trainer in drei Jahren, immer wieder neue Spieler und Taktiken – da kann nichts entstehen außer täglichem Gewurschtel. Die Agenda der letzten Jahre war, sich irgendwie über Wasser zu halten. Vor dem Spiel bei Schalke 04 an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET), bei dem neben dem gesperrten Abwehrspieler Mergim Mavraj auch der verletzte Mittelfeldmann Aaron Hunt fehlt, steht der Klub wieder am Abgrund, zum dritten Mal in vier Jahren droht die Relegation.

46355865 © dpa Vergrößern Diesmal soll Markus Gisdol als Trainer die Hamburger vor dem Abstieg bewahren.

Im Mai 2016 versprach Investor Klaus-Michael Kühne seinem HSV in einem Zeitraum von drei Jahren rund 100 Millionen Euro für neue Stars. Zurückzahlen müsse der Klub das Geld nur im Erfolgsfall – wenn er die Europa League erreicht. Oder mehr. Ein traumhafter Deal. Allerdings verdarb er dem HSV vollends die Verhandlungsposition mit Klubs und Beratern – jeder wusste, dass Geld genug da war. Bobby Wood kam, Filip Kostic, Douglas Santos, Alen Halilovic, dann Walace im Winter. An ihm lässt sich ein weiteres Problem des HSV festmachen. Trainer Gisdol wollte einen deutschsprachigen „Sechser“, der sich in der Bundesliga bewiesen hat.

Doch Walace war an der Angel, die noch Dietmar Beiersdorfer ausgeworfen hatte. Mit Kühnes Millionen zogen ihn Bruchhagen und Sportchef Jens Todt an Land. Walace steht nach seinem irrlichternden Auftritt beim 0:4 in Augsburg für die ganze Anfälligkeit dieser Mannschaft – und für Todts und Bruchhagens ersten Fehlgriff. Es ist mehr als ein Nachtreten, wenn der frühere Trainer Bruno Labbadia sagt, er habe im Sommer 2016 die Spieler Aogo und Neustädter gewollt, Beiersdorfer aber habe Halilovic und Santos geholt. Wenn der Sportchef den Trainer übergeht – wie soll dann ein funktionierendes Team entstehen?

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