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HSV-Fanleidenschaft : Warum tut man sich das an?

Abstieg? Axel Formeseyn (Mitte) im Stadion des HSV. Heimspiel gegen den SC Freiburg. Wieder mal ein „Endspiel“ um den Klassenerhalt. Bild: Daniel Pilar

Er hat Vereinsmeierei, Machtkämpfe und Mitgliederversammlungen ertragen, saß im Aufsichtsrat und geht seit Menschengedenken mit Onni ins Stadion. Liebe, Pathos, Leidensfähigkeit – ein Versuch, einen Spinner zu erklären: den Fan.

          Es gibt da dieses Zimmer in seinem Haus, ein Zimmer, das es eigentlich in vielen Einfamilienhäusern gibt: Räume, bei denen nicht so recht klar ist, welchen Zweck sie eigentlich erfüllen, in denen Sessel abgestellt werden, an denen man hängt, für die aber sonst nirgendwo ein Platz ist, in denen niemand abends ein Buch liest. Und Schreibtische, an denen niemand arbeitet, auf denen nur die ungelesene Post abgelegt wird. Aber im Haus von Axel Formeseyn steht in diesem Zimmer eine Art HSV-Schrein, errichtet aus Bierdosen und einer Sektflasche mit der Raute, dem Vereinswappen. Mit Fotos aus der Kurve, von Spielerikonen, von Auswärtsfahrten, mit alten Eintrittskarten und Autogrammkarten. Formeseyn nennt es „HSV-Zimmer“.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Axel Formeseyn ist kein Spinner, der in HSV-Bettwäsche schläft. Ein Spinner ist er allerdings schon, was seine überbordende Zuneigung zum Hamburger Sport-Verein betrifft. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt der Lehrer in einem idyllischen Flecken im norddeutschen Flachland nahe Itzehoe. Zwei unterhaltsame Bücher über den HSV hat er geschrieben, viele Jahre als Mitglied im „Supporters Club“ Vereinsmeierei, Machtkämpfe und Mitgliederversammlungen ertragen, gegen Rechtsradikale im Block und die Kommerzialisierung des Fußballs gekämpft. Er saß sogar für etwa vier Jahre im Aufsichtsrat – als Außenseiter zum Anwalt der Fans gewählt. Und er würde sich natürlich sehr wundern, sollte sein Sohn, er ist im F-Jugend-Alter, in etwas anderem als in HSV-Bettwäsche schlafen wollen.

          Ein besonders hartes Jahr für den HSV

          Axel Formeseyn ist einer, wie ihn Nick Hornby, Brite, Fußballfan und Autor des wohl besten Fußballbuches aller Zeiten, „Fever Pitch“, beschreibt: „Ein Kerl, der einen enormen Teil seiner Freizeit damit verbringt, in der Kälte zu stehen und sich elendig zu ärgern.“ Einer, der sich, wie Hornby schreibt, unvermittelt, unbegreiflich, unkritisch, ohne einen Gedanken an den Schmerz oder den Schaden, den ihm diese Liebe zufügen würde, in den Fußball verliebt hat. Und Fußball lieben, das kann schwer sein, zumindest dann, wenn man (wie auch der Autor dieses Textes, selbst Vereinsmitglied) diese Liebe mit dem Hamburger Sport-Verein verbindet.



          Kampf um den Klassenverbleib



          Geben Sie bitte Tore ein, deren Auswirkung im Abstiegskampf Sie testen möchten.

          Hannover 96 vs SC Freiburg


          Hamburger SV vs Schalke 04


          TSG Hoffenheim vs Hertha BSC


          SC Paderborn vs VfB Stuttgart




          Verein Pkt. Tordiff. Tore
          Hertha BSC 35 -15 35
          SC Freiburg 34 -10 35
          Hannover 96 34 -17 38
          VfB Stuttgart 33 -19 40
          Hamburger SV 32 -27 23
          SC Paderborn 31 -33 30

          Abstieg
          Relegationsspiel



          In dieser Saison haben die Spieler den Fans so zugesetzt wie noch nie. Sie spielen mäßig, verlieren ständig. Das haben sie in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren öfter getan. Doch dieses Jahr ist es besonders hart. Der Verein steht am Abgrund. Es wäre schon ein Wunder, sollte der HSV an diesem Samstag den ersten Abstieg seiner stolzen Geschichte doch noch abwenden können. Abstieg, ein Horrorszenario. Nie mehr „immer erste Liga“?

          Axel Formeseyn geht trotz allem immer wieder hin, er ist all die Jahre immer wieder hingegangen. Er verbringt seine Nachmittage mit Tausenden von Leuten, mit denen er eigentlich gar nichts zu tun haben will, auch wenn sie beim Torjubel zu seinen besten Freunden werden. Dieses Jahr aber stellt sich eine Frage dringender denn je: Warum tu ich mir das an?

          In die DNA eingepflanzt

          Es gibt ein Lied mit dem Titel „Trotzdem HSV“, da wird über eine dreibeinige Katze gesungen, die ständig aufs Gesicht fällt, deren Besitzer es aber nicht übers Herz bringt, sie von ihrer Qual zu erlösen. Axel Formeseyn hat keine Wahl, zumindest fühlt es sich für ihn so an. „Ich bin dem völlig ausgeliefert“, sagt er. Sein Freund und Stadionnachbar Onni sagt, irgendwann werde einem irgendetwas in die DNA eingepflanzt, und dann gebe es kein Entkommen mehr. Is’ halt so.

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