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Hoffenheims Techniktrainer Lucassen „Was Trainer nicht können, trainieren sie nicht“

13.02.2009 ·  Spezialisierung ist eine große Säule im Hoffenheimer Erfolgsmodell. Auf Empfehlung von Marvin Compper kam in der Winterpause Marcel Lucassen zum Spitzenreiter. Der Niederländer glaubt, dass in Deutschland zu wenig positionsspezifisch trainiert wird.

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Spezialisierung ist eine wichtige Säule im Erfolgsmodell des Bundesliga-Tabellenführers 1899 Hoffenheim. Auf Empfehlung von Verteidiger Marvin Compper kam in der Winterpause Marcel Lucassen zur Mannschaft von Ralf Rangnick. Der Hoffenheimer Cheftrainer glaubt, dass das Potential der individuellen Arbeit mit den Spielern noch nicht ausgereizt ist. Mit Hilfe des Technik-Spezialisten Marcel Lucassen soll das Spiel des Aufsteigers noch schneller und zugleich stabiler werden. „Die Spieler“, sagt Rangnick, „nehmen das gerne an.“ Der 45 Jahre alte Niederländer Lucassen glaubt indes, dass in Deutschland zu wenig positionsspezifisch trainiert wird. Im FAZ.NET-Interview spricht er vor dem Hoffenheimer Heimspiel gegen Leverkusen an diesem Freitag (20.30 Uhr FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) über seine Arbeit auf dem Platz.

Techniktrainer sind selten im deutschen Fußball – wie sieht ein Arbeitstag auf dem Platz bei Ihnen in Hoffenheim aus?

Jeder Tag wird mit dem gesamten Trainerstab abgesprochen, wo die Akzente und Schwerpunkte liegen. Zunächst mannschaftsorientiertes Training, danach individuell. Ich habe heute zum Beispiel mit einem Außenverteidiger gearbeitet, der öfter zum Flanken kommt. Es ging darum, wie er den Ball besser treffen kann, wenn er mit hohem Tempo über außen kommt. Wir arbeiten im Training immer wieder mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die verschiedenen Positionen.

Bleiben wir bei der Flanke. Wie arbeiten Sie im Detail?

Man muss wissen: Vor einer Flanke spielt sich immer etwas ab. Variante A: Man muss den Ball annehmen. Variante B: ein Duell eins gegen eins. Variante C: Man bekommt einen Steilpass. Die Variante A kombiniert mit B ist etwas anderes als Variante C. Da muss man unterschiedlich vorgehen. Wo treffe ich den Ball? Wie kann ich der Flanke mehr Tempo geben, damit die Flanke gefährlicher kommt? Am Anfang kamen von zehn Flanken drei richtig, am Ende waren es sieben. Das bedeutet aber nicht, dass dies bei dem Spieler nun gefestigt ist. Das muss er jede Woche neu zeigen – und dazu in unterschiedlichen Situationen.

Wie sieht die Arbeit für Fortgeschrittene bei einer Flanke aus?

Wenn sich die Flanke an sich schon verbessert hat, dann kann man andere Komponenten hinzufügen. Man kann dann die Situationen vor der Flanke trainieren, die Ballannahme zum Beispiel. Oder: Welche Bewegung bei eins gegene eins kombiniert man am besten mit der Flanke? Das hängt immer mit den unterschiedlichen motorischen Fähigkeiten eines Spielers zusammen.

Erkennen Sie fehlerhafte Bewegungsabläufe mit dem bloßen Auge?

Ja, da ist viel Erfahrung im Spiel. Ich erkläre es den Spielern. Das heißt aber nicht, dass man die Erkenntnis gleich trainierbar machen muss. Man muss sich fragen, ob es sich nur um Details handelt und sich die Energie bei dem individuellen Spieler für diese Details überhaupt lohnt – oder ob man die Energie nicht in andere Sachen steckt, die der Spieler viel schneller beherrscht. Video nutzt man zusätzlich, um zu erkennen, wie sich ein Spieler unter Zeitdruck verhält.

Tennisspieler arbeiten stundenlang an ihrem Aufschlag oder der Rückhand oder Hockeyspieler an der Strafecke. Wann haben Sie gemerkt, dass im Fußball noch großes Potential bei der Automatisierung von Bewegungen vorhanden ist?

Vor ungefähr 15 Jahren. Ich habe damals bei einigen Spielen neben der Trainerbank gestanden und habe aufgeschrieben, was Trainer ihren Spielern gesagt haben. „Konzentriere dich auf deine Annahme.“ „Spiele einen sauberen Pass.“ „Laufe nicht wieder ins Abseits.“ Wie kann man so etwas immer wieder sagen? Spieler wollen den Ball korrekt annehmen. Sie wollen einen sauberen Pass spielen, und sie wollen ein Tor schießen. Die Frage ist: Warum schaffen sie es nicht? Bleiben wir bei der Ballannahme. Warum gibt es da Schwächen? Wegen mangelhafter technischer Fähigkeiten, die wiederum mit der Koordination des Körpers zusammenhängen. Was macht der Spieler mit seinen Händen? Nutzt er sie zur Balance? Kommt der Fuß bei der Ballannahme vor den Körper, oder bleibt er unter seinem Körper. All das kann man trainieren. Aber bei der Trainerausbildung kommt Körpercoaching nicht vor. Die meisten Trainer trainieren, was sie können. Was sie nicht können, lassen sie bleiben. Die Spieler verlieren dadurch. Und die Beispiele mit Tennis und Hockey sind vollkommen richtig – auch Flanken kann man automatisieren durch wiederholen, wiederholen, wiederholen.

Man sagt dem deutschen Fußball nicht zu Unrecht nach, dass die Spieler technisch nicht so gut ausgebildet sind. Wie müsste gearbeitet werden?

Im deutschen Fußball stimmen die Siegermentalität und die Physis. Es müsste aus meiner Sicht aber positionsspezifischer trainiert werden. Es geht darum, den Spieler auf den einzelnen Positionen zu verbessern. In der spanischen Nationalmannschaft ist jede Ballannahme offensiv, es geht in Richtung Tor. Wenn ich die deutsche Mannschaft sehe, stehen sie mit dem Rücken zum Tor des Gegners. Ich habe mit Rene Meulensteen, dem Assistenten von Alex Ferguson bei Manchester United, acht Jahre lang ein Modell entwickelt über Fußballtechnik und die unterschiedlichen Eins-gegen-eins-Situationen. Man muss erkennen: Mannschaftstraining hat seine Grenzen. Wenn es in der Schule in Englisch nicht läuft, dann bekommen Schüler Zusatzunterricht. Im Fußball gibt es das noch nicht umfassend. In Hoffenheim aber wird an der individuellen Entwicklung der Spieler in allen Bereichen gearbeitet. Vor 15 Jahren dachten die Leute, ich komme von einem anderen Planeten. In den letzten Jahren hat es aber Veränderungen gegeben. Im Vergleich mit anderen Sportarten ist da noch immer sehr viel zu holen.

Die Fragen stellte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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