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Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer Der FC Bayern als Kuschelklub

29.11.2009 ·  Graue Gegenwart, goldene Zukunft? Hoeneß, Beckenbauer und Rummenigge lullen das Vereinsvolk ein - und erfahren Huldigungen wie am Königshof. Zumindest so lange die Basis nach dem Bayern-Spiel in Hannover nicht schon wieder das falsche Ergebnis lesen muss.

Von Christian Eichler, München
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Um 22.06 Uhr am Freitagabend setzte sich der neue große Vorsitzende erstmals auf den Präsidentensessel. Er hatte ein Ergebnis im Rücken, wie es nur graue kommunistische Regime zustande bringen oder glänzende kapitalistische Erfolgsveranstaltungen: 99,3 Prozent. Gleich stand er wieder auf, trat ans Pult und beendete die Kuschelveranstaltung, zu der die Jahreshauptversammlung des FC Bayern geworden war – und eröffnete das Feuer.

„Wir dürfen uns nicht anpinkeln lassen! Wir müssen uns wehren!“ Fast klang es, als sei der Präsident Uli Hoeneß noch der Manager Uli Hoeneß; noch nicht der ausgleichende Funktionär, sondern immer noch der spaltende Provokateur. Man müsse wieder der Klub sein, rief er, „der seine Ziele gnadenlos durchsetzt“. Jubel beim Volk. Der Rest des Abends war dann wieder reine Harmonie.

Jahreshauptversammlungen des FC Bayern sind in jedem Jahr eine Bestandsaufnahme der Basis-Stimmung, eine, vor der diesmal selbst ein Hoeneß „Muffensausen“ hatte. Im Stadion waren die schwachen Darbietungen des Teams unter Trainer Louis van Gaal zuletzt mit Pfiffen oder, schlimmer, mit Schweigen quittiert worden. Am Anfang der Versammlung saß Hoeneß mit einem Gesicht da wie im Wartezimmer des Zahnarztes. Doch dann war es wie in der alten Zahnpasta-Werbung: Mami, sie haben gar nicht gebohrt.

Das murrende Vereinsvolk, dem erstmals seit sieben Jahren kein einziger Pokal präsentiert werden konnte, schien eingelullt, ja eingeschläfert von einem bewährten Mix aus heruntergeleierten Schatzmeisterzahlen (wie immer gute Zahlen, aber diesmal keine Umsatzrekorde), aus hölzernen Elogen des Vorstandsvorsitzenden Karl Heinz Rummenigge (der Franz Beckenbauer ein selbstgereimtes, zum Fremdschämen peinliches „Gedicht“ widmete) und vor allem aus den immer wieder herzerwärmenden Plaudereien des scheidenden Präsidenten. „An so einem Tag schaut man in die Vergangenheit zurück, wo soll man sonst auch hinschauen?“, sprach der Franz, oder: „Früher waren wir ein Giesinger Dorfverein, heute sind wir eine Weltmarke wie Coca-Cola.“ Zum Dank bekommt Beckenbauer im nächsten Sommer mit 33-jähriger Verspätung ein Abschiedsspiel gegen Real Madrid.

Hoeneß wird zum „Kini“

Der kühle Messe-Hangar auf dem alten Flughafengelände in Riem war eine Notlösung, jedoch günstig für die Vereinsführung. Hier gab es kaum eine Chance für die enge, hitzige Biersaal-Atmosphäre, die schon manche Bayern-Versammlung befeuert hatte. Die latente Bereitschaft zum Unmut der 4490 anwesenden Mitglieder verpuffte, erschöpfte sich in Pfiffen gegen ein paar Fehl-Transfers, vor allem aber gegen bekannte Feindbilder wie Klinsmann oder den TSV 1860 München.

Am Ende schrumpfte die Zahl der angekündigten Wortmeldungen von mehr als fünfzig, einer Zahl, die Böses ahnen ließ, auf unter zwanzig. Und statt quälender Fragen und ätzender Anklagen gab es vorwiegend Huldigungen wie am bayerischen Königshof. Ein Mann mit Gamsbart erklärte Hoeneß zum „Kini von Bayern“. Ein Mann in Lederhosen beantragte, Beckenbauer auf Lebenszeit als Redner der Veranstaltung zu verpflichten. Hoeneß sagte: „Da stimme ich sofort zu.“

Als Präsident reicht Hoeneß selbst der „Schickeria“ die Hand

Der FC Bayern als Kuschelklub? Gewöhnungsbedürftig. Die jährliche Volksversammlung ist stets ein Spiegel dessen, welches Bild der deutsche Vorzeigeklub der Welt von sich bieten will. In den 80er Jahren war es das Bild eines herkömmlichen, nur besonders selbstbewussten Fußballvereins; in den 90er Jahren das des „FC Hollywood“; in diesem Jahrzehnt das Bild eines Klubs, der wie ein großes Dax-Unternehmen seine Bilanz den Analysten in der Südkurve präsentiert.

Im Zuge dieser Geschäftsmäßigkeit hatten sich bei der Versammlung vor zwei Jahren Risse zwischen Manager und Fußvolk offenbart. Hoeneß ließ sich da zu einer Wutrede gegen die Fans hinreißen, offenbarte eine Vorstellungswelt, in der die Fans eine durch sein Vermarktungsgeschick subventionierte und für die Stimmung im Stadion zuständige Masse sind. Nun, als Präsident, umarmt Hoeneß die Fans wieder. Selbst der „Schickeria“, einer für Gewaltbereitschaft bekannten Gruppe, reichte er die Hand – sofern sie bereit sei, „die Gesetze dieses Landes einzuhalten“.

An den Grenzen des Wachstums

Für das neue Jahrzehnt, für die neue Ära nach dem Präsidenten Beckenbauer und dem Manager Hoeneß, präsentiert sich der FC Bayern als eine Unternehmung, die an die Grenzen des bisherigen wirtschaftlichen (und vielleicht auch des sportlichen) Wachstums stößt – und gerade deshalb auch als eine emotionale Marke, die sich und ihre Anhänger auf das besinnt, was man aneinander hat. Der Präsident Hoeneß forderte „Gemeinsamkeit“, „Geduld“, „Gelassenheit“ und bot als Gegenleistung Selbstkritik an: „Es gab Fehler in der Transferpolitik. Wir werden darauf achten, die Transfers besser zu machen.“

Es ist die Bitte um eine Genügsamkeit, die man beim erfolgreichsten deutschen Klub bisher nicht brauchte. Aber weder neue Meistertitel noch neue Umsatzrekorde sind in den kommenden Jahren der Automatismus, an den man sich in dreißig Jahren unter Hoeneß gewöhnt hatte. Der betonte in seiner Antrittsrede als Präsident zu Recht die enorme Leistung, nur viereinhalb Jahre nach Eröffnung der Allianz Arena bereits 163 Millionen Euro, rund die Hälfte der Schulden für den Bau, getilgt zu haben – und das trotz des Absprungs des Partners 1860 und trotz einer Wirtschaftskrise, in der es in anderen Branchen „drunter und drüber gegangen“ sei.

Durch die 90 Millionen Euro, die der neue Anteilseigner Audi für 9,09 Prozent an der Fußball-AG des FC Bayern bezahlt, soll die Tilgung noch beschleunigt werden – und damit die goldene Zukunft der finanziellen Ausnahmestellung in Europas Fußball, auf die Hoeneß hinarbeitet, noch schneller näher rücken. „Der Abend hat gezeigt“, so der neue große Vorsitzende, „dass die breite Basis dieses Klubs viel weniger aufgeregt ist als das, was man in der Zeitung liest.“ Zumindest so lange, bis die Basis nach dem nächsten Bayern-Spiel schon wieder das falsche Ergebnis in der Zeitung liest.

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