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Hertha-Trainer Friedhelm Funkel „Die Situation geht mir sehr nahe“

06.12.2009 ·  Hertha BSC steckt tief in der Krise. Und das Restprogramm vor der Winterpause ist hart. Am Sonntag geht die Reise zu Spitzenklub Schalke 04 (17.30 Uhr). Zuvor spricht der Berliner Trainer Friedhelm Funkel über zu viel Druck, eigene Fehler und seinen Realismus.

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Sieben Punkte auf den rettenden Relegationsplatz – und nun vor der Winterpause das harte Restprogramm mit dem Spiel gegen Schalke an diesem Sonntag (17.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker), danach Tabellenführer Leverkusen und zum Schluss der Hinrunde beim FC Bayern. Tabellenschlusslicht Hertha BSC steckt in der Fußball-Bundesliga tief in der Krise.

In der Europa League haben die Berliner nach dem 1:0-Sieg bei FK Ventspils hingegen beste Aussichten auf den Einzug in die nächste Runde; ein Punkt beim abschließenden Spiel gegen Sporting Lissabon reicht. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Trainer Friedhelm Funkel über zu viel Druck, eigene Fehler und seinen Realismus.

Was gibt es bei der Hertha noch zu retten?

Wir dürfen uns jetzt nicht hängenlassen. Wir müssen uns stellen – und wir müssen auf den Dingen, die bis zum Spiel gegen Frankfurt funktioniert haben, wieder aufbauen. Im Moment sind wir weit hintendran. Über den Abstieg wird aber erst im April oder Mai entschieden. Bis dahin müssen wir uns rankämpfen. Was die Mannschaft, mit Ausnahme gegen Frankfurt abgeliefert hat, in den zurückliegenden Spielen gegen Wolfsburg, Dortmund, Köln oder Stuttgart, ist besser gewesen als in den Wochen zuvor, auch wenn Siege gefehlt haben. Diese sportliche Entwicklung stimmt mich zuversichtlich, dass wir in der Liga bleiben – trotz der sehr schwierigen Situation und des großen Abstandes.

Warum soll man Ihren Optimismus nicht für eine Durchhalteparole halten – der Abstand kann bis zur Winterpause riesig sein?

Das ist es, was wir unter allen Umständen vermeiden müssen. Auswärts haben wir uns in den vergangenen Wochen besser dargestellt. Das gibt mir die Hoffnung, dass wir die Auswärtsspiele gegen Schalke und Bayern noch längst nicht verloren haben. Aber es stimmt: Erfolgserlebnisse müssen kommen – und uns läuft die Zeit davon.

Das 1:3 gegen Frankfurt hat Ihnen bei der Rettungsmission viele Argumente genommen. Können Sie solche Rückschläge so einfach wegstecken?

Nicht immer. Nach dem Spiel gegen Frankfurt musste ich erst mal in mich gehen. Die Situation geht mir schon sehr nahe. Man fragt sich dann auch selbst, was man falsch gemacht hat. Im Nachhinein muss man sagen, dass es vielleicht ein Fehler war, am 14. Spieltag schon so einen Druck aufzubauen.

Sie sind Experte für den Abstiegskampf. Wie unterscheidet sich der Abstiegskampf in der Hauptstadt vom Abstiegskampf in der Bankenstadt Frankfurt?

Neben den Spielern haben auch die Zuschauer und die Stadt eine gewisse Zeit gebraucht, der Realität ins Auge zu schauen. Es ist natürlich schwierig, wenn man im Frühjahr fast deutscher Meister geworden wäre, dann sofort umzuschalten auf den sportlichen Existenzkampf. In Frankfurt war die Erwartungshaltung des Publikums dagegen immer sehr hoch, dabei ist die Eintracht über all die Jahre in der Bundesliga im Schnitt auf Platz zehn oder elf gelandet. Aber das hat man nicht sehen wollen.

Und in der Hauptstadt?

In Berlin haben die Zuschauer die Spieler nach den ersten Enttäuschungen zum Teil grenzwertig attackiert. Aber mittlerweile haben alle gemerkt, dass es nur gemeinschaftlich geht, und zur Solidarität mit der Hertha aufgerufen. Das spürt man. Alle wollen hier in der Hauptstadt nur eins: Dass die Hertha in der Bundesliga bleibt. Wir müssen mit Leidenschaft die Solidarität in der Stadt bis zum letzten Spieltag aufrechterhalten – sonst geht es nicht.

Jetzt müssen Sie der Mannschaft nach 11 Niederlagen in 14 Spielen nur noch erklären, dass sie nun jedes zweites Spiel gewinnt, um auf 35 Punkte zu kommen.

Ich muss der Mannschaft rüberbringen, dass wir es schaffen können. Ich brauche dafür auch Spieler, die auf dem Platz vorneweg gehen: Drobny, Friedrich, van Bergen, Lustenberger, Cicero. Ich muss im Training immer wieder auf unsere Stärken verweisen. Die haben wir, aber man kann sie nur zur Geltung bringen, wenn wir kämpfen, kämpfen, kämpfen. Wir müssen uns zudem die positiven Beispiele von Mönchengladbach im letzten Jahr und davor von Mainz vor Augen halten, die scheinbar abgeschlagen in die Rückrunde gestartet sind, aber sich auch mit neuen Spielern noch gerettet haben. An diesen Beispielen müssen wir uns orientieren. Mit der Eintracht sind wir mit zehn Punkten Rückstand zur Winterpause auch noch aufgestiegen.

Wir dachten immer, Sie wären Realist – aus der Lage der Hertha hat sich noch kein Verein gerettet.

Ich bin Realist. Ich verlange von den Spielern nichts Unmögliches. Wir werden gegen Schalke oder Leverkusen auch mal gewinnen. Aber wir sind als Letzter mit großem Rückstand auch darauf angewiesen, wie die anderen spielen. Die anderen Mannschaften dürfen nicht wegziehen. Drei, vier oder fünf Punkte zu holen – das wäre sehr wichtig bis zur Winterpause. Im Januar fangen wir in Hannover an und haben dann Gladbach und Bochum zu Hause. Bis Februar sind die Monate der Wahrheit. Da müssen wir an die Mannschaft vor uns herankommen. Wenn wir gut aus den Startlöchern kommen, können wir aus dem Negativlauf der Hinrunde einen positiven Lauf machen. Mit dem Rückenwind können wir dann auch Spiele wie gegen Hoffenheim oder den HSV gewinnen – das ist es, was ich der Mannschaft sage.

In Berlin reden sie vom schier Unmöglichen. In Frankfurt hat man Ihren Realismus am Ende als hinderlich für die Entwicklung des Vereins angesehen – hat Ihr bisheriger Realismus auch Ihre Entwicklung gebremst?

Ich habe in Frankfurt dazugelernt. Ich hätte bei der Eintracht im Nachhinein ein bisschen offensiver sein müssen. Ich hätte den Fans höhere Ziele in Aussicht stellen sollen. Dann hätte ich es leichter gehabt. Aber ich hätte an den Europapokal nicht geglaubt, weil wir die Vorrausetzungen dafür nicht hatten. Beim nächsten Mal würde ich wohl über meinen Schatten springen – trotz meines Wissens, dass wir es nicht schaffen können. Anscheinend muss man im Leben manchmal über seinen Schatten springen.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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