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Hertha BSC Fußball auf dem Grabbeltisch

09.11.2008 ·  Die Bundesliga ist ein Verkaufsschlager - nur nicht in Berlin. Da werden Karten sogar verschenkt. Der Hertha fehlen Glanz und Gesichter. Heute spielt der aufregende Dorfklub Hoffenheim in der Hauptstadt. Und das wollen die Leute sehen.

Von Matthias Wolf, Berlin
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Der Kunde in der Filiale von „Kaiser's“ war erstaunt. Gerade hatte er Lebensmittel eingekauft, da legte ihm die Verkäuferin noch zwei Eintrittskarten für das Bundesliga-Heimspiel von Hertha BSC Berlin gegen Energie Cottbus auf die Wursttüte. Der vermeintliche Irrtum stellte sich als Werbeaktion heraus: Ab fünfundsiebzig Euro Umsatz gab es die Tickets gratis dazu. Insgesamt tausend Karten wurden so unter das Volk gebracht. Der ältere Herr ließ in diesem Fall die Karten liegen: Er könne nichts damit anfangen.

So etwas findet Ingo Schiller betrüblich. Schließlich versuche man „auf diesem Wege Leute zum ersten Besuch bei uns zu ermuntern“, sagt der für Finanzen und Marketing zuständige Geschäftsführer des Bundesligavereins. Die Supermarkt-Szene hat Symbolcharakter. Während bundesweit die Stadien ausverkauft sind, oft sogar der Schwarzmarkt blüht, werden die Karten von Hertha verschenkt.

Kein Mitgefühl, überall Häme

Das Olympiastadion mit seinen 74.200 Sitzplätzen ist oft nicht einmal zur Hälfte besetzt. Immer wieder werden für die Bundesligaspiele auch die Schulen in der Stadt mit Tausenden Tickets für fünf Euro bedacht. Eine Dauerkarte gibt es schon für 109 Euro. Neulich hat Hertha BSC sogar zwei Logen an Fans verlost - für die ganze Saison. Die Bundesliga ist ein Verkaufsschlager, doch der Berliner Fußball liegt quasi auf dem Grabbeltisch. Auch die Kulisse der Partie gegen Cottbus, immerhin das einzige Derby der Saison, war mit 42.000 Fans bescheiden. Doch bisher bedeutete sie Saisonrekord.

Schiller macht keinen Hehl daraus, dass ihn diese Entwicklung schmerzt: „Wir versuchen das durch hundert Einzelmaßnahmen zu ändern.“ Vor kurzem kamen nur 26.144 Zuschauer zum Uefa-Pokalspiel gegen Benfica Lissabon. Am gleichen Abend spielten die Basketballspieler von Alba Berlin gegen Lottomatica Rom vor 12.491 Fans. Hallensprecher Tom Böttcher spottete: „Hertha holen wir diese Saison auch noch ein.“ Kein Mitgefühl, überall Häme. Die dürfte auch ein Resultat dessen sein, dass Hertha jahrelang das selbsternannte Premiumprodukt war.

Eine Affäre mit Hertha bietet wenig Reize

1999, als der Verein sich für die Champions League qualifiziert hatte, gab es noch eine gewisse Begeisterung um Hertha. Sie ist verpufft. Es fehlte trotz hoher Investitionen an Glanz und Gesichtern bei der Mannschaft, sieht man mal von Marcelinho ab. Was sieht der geneigte Fußballfan heute, wenn er die Augen schließt und an die Hertha denkt? Schiller gibt die Frage zurück: „Sagen Sie es mir.“ Die Antwort lautet wohl: Hertha sucht sich selbst noch als klar definierte Marke, inmitten all der grauen, leeren Sitzschalen.

Frühere, sterile Kampagnen („Play Berlin“) kamen nicht gut an, mittlerweile gibt sich die Hertha volkstümlicher. Nicht nur auf Plakaten: „Aus Berlin. Für Berlin.“ Die Profis sollen künftig häufiger zu Terminen in jeden Kiez entsandt werden, der Verein will dort Anlaufstellen schaffen. „Wir haben zu sehr das Image, dass wir unnahbar sind“, sagt Schiller, „in Wahrheit sind wir wie die Stadt: Wir lassen uns nicht unterkriegen, sind weltoffen.“ 1,3 Millionen Menschen sind in den letzten zehn Jahren in die Region gezogen, führt Schiller an, „leider bringen sie ihren Lieblingsklub mit“. An den, vermutet Herthas Finanzchef, binde mancher sich wie an die eigene Frau. Aber, um im Bild zu bleiben: auch, weil eine Affäre mit Hertha wenig Reize birgt.

Die Berliner kommen wegen des stürmischen Aufsteigers

Doch eines muss man den Verantwortlichen lassen: Sie lassen nicht locker. Es gibt die Partnerschaften mit 22 Städten in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wo für Hertha BSC geworben wird. Der Klub bietet ein Internetangebot für Frauen, einen Kinderklub, es gibt Nichtraucherblöcke und einen famosen Stadion-Service: Von freundlichen Hostessen wird man quasi an die Hand genommen und zu seinem Sitz geleitet.

Auf dem Platz spielte sich die Elf von Trainer Lucien Favre sogar in die Spitzengruppe der Bundesliga - doch nur 31.000 Fans wollten das letzte Heimspiel (3:0) gegen Hannover 96 sehen. „Die Leute machen ihren Besuch auch vom Gegner abhängig“, weiß Schiller. Wie zum Beweis vermeldet er, dass die Partie gegen 1899 Hoffenheim an diesem Sonntag auf Rekordkurs liege, vielleicht knacke man die Marke von 50.000 Fans. Die Berliner kommen also wegen des stürmischen Aufsteigers; nicht in erster Linie, weil sie ihr Ensemble sehen wollen. Zeitgleich findet in Hoffenheim ein Run auf die letzten Karten für die Duelle gegen Bielefeld und Wolfsburg statt.

Beim Pokalfinale kommt Stimmung auf - ohne Hertha

Jan Schindelmeiser, der Hoffenheimer Manager, arbeitete selbst mal in Berlin: bei Tennis Borussia. Er hat noch eine Wohnung in der Stadt und sagt: „Um einen Verein zu entwickeln, auch ein Profil, braucht man Geduld - aber die ist beim Berliner Publikum nicht ausgeprägt. Ungeduld wiederum zerstört alle Ansätze.“ Die Arena, „ein Monument, das tief beeindruckt, aber in dem selten Stimmung aufkommt“, nennt er zudem als Problem. Schiller sieht das ähnlich. Er lässt die Alternative eines Neubaus prüfen.

Andererseits: Beim Pokalfinale, also ohne Hertha, kommt Stimmung auf. Bisweilen machen die Anhänger der Gegner mehr Stimmung als alle Berliner Fans zusammen. „Es gibt nicht nur einen Grund für die Zurückhaltung der Fans, es ist eine Kombination aus vielen Faktoren“, hat Schiller erkannt: das reichhaltige Freizeitangebot der Stadt, das im Vergleich zu anderen Regionen finanzschwache Umfeld. Dass die Menschen auf Schalke auch kein Geld haben - kein Argument für Schiller, selbst gebürtig aus dem Ruhrgebiet. „Nichts gegen Gelsenkirchen, aber da gibt es kaum Alternativen zum Fußball.“

In Berlin gibt es prickelndere Typen und Termin

Doch der Vergleich mit Hoffenheim bringt auch noch andere Erkenntnisse. „Der übliche Weg hätte uns nicht weitergebracht“, sagt Schindelmeiser, man wollte kein normaler Aufsteiger sein, der sich Punkt für Punkt erkämpft. „Uns war klar: Elektrisieren können wir die Leute nur mit Fußball, der Spaß macht.“ Deshalb wollen in der Hauptstadt so viele den Dorfklub sehen. Hertha-Trainer Favre setzt wie Hoffenheim zwar auch auf Talente. Aber es sind keine spektakulären Fußballer, sondern brave Jungs.

Schiller nennt sie „junge, gestandene Spieler“, ein hübscher Begriff. Hertha spielt selten schön, Hertha spielt zweckmäßig. Das Personal ist nicht schlecht, aber es agiert vor allem ergebnisorientiert. In einer Stadt wie Berlin gibt es prickelndere Typen und Termine. Der Regierende Partylöwe Klaus Wowereit hat jüngst gesagt: Er erwarte nach dem Umbruch auch einen Aufbruch bei Hertha. Der bleibt noch aus. Doch Schiller gibt die Hoffnung nicht auf. „Achtunddreißig Prozent unserer Mitglieder sind Kinder und Jugendliche“, sagt er, „das ist der höchste Anteil in der Bundesliga und eine sehr gute Basis für die Zukunft.“

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