Home
http://www.faz.net/-gtn-ve2p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hertha BSC Die Boatengs – zwei Ghettokinder auf dem Weg zu Neureichen

17.07.2007 ·  Sie benehmen sich wie Rüpel, leiden an chronischer Selbstüberschätzung oder posieren halbnackt für die Boulevardpresse: an den Brüdern Kevin-Prince und Jerome Boateng hatte die Hertha wenig Freude. Nun sollen beide weg. Doch Probleme bleiben.

Von Matthias Wolf, Berlin
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (1)

„Es geht so.“ Drei eigentlich harmlose Worte, die doch eine große Wirkung haben. Denn gesagt hat sie Lucien Favre, der neue Trainer von Hertha BSC Berlin, als er auf das Leistungsvermögen seines Abwehrspielers Jerome Boateng angesprochen wurde. Keine Frage, der Schweizer Coach hat sich mit Kalkül so abfällig über den 18 Jahre alten Spieler geäußert. Will er seine personellen Vorstellungen umsetzen, benötigt die klamme Hertha Erlöse aus Transfers. Und Jerome Boateng ist sich längst einig mit dem Klassenkonkurrenten Hamburger SV, der bisher eine Million Euro Ablösesumme geboten haben soll.

Zu wenig, befand der Berliner Manager Dieter Hoeneß, der immer noch darauf hofft, dass Boateng seinen bis 2008 datierten Vertrag vorzeitig verlängert. Wenn nicht, so Hoeneß drohend, dürfe sich der Fußballjungprofi auf eine Saison in der Oberligamannschaft einstellen. Einen Trainer, der gerade eine neue Mannschaft aufbaut, macht so ein Gerangel gar nicht glücklich. Am liebsten wäre es Favre, das Doppelproblem Boateng löste sich ganz in Luft auf.

Alles war anders geplant

Immerhin, der ältere der beiden Brüder, Kevin-Prince, 20 Jahre alt, bringt den Berlinern eine stattliche Summe ein. Hertha hat das Angebot akzeptiert, nur noch Details werden verhandelt. Von 7,4 Millionen Euro Ablöse, die der englische Premiere-League-Verein Tottenham Hotspur überweisen wird, ist die Rede. Zahlt sich Herthas Jugendarbeit endlich aus? Nun ja, sagt Karsten Heine, eigentlich sei das ja ganz anders geplant gewesen.

In erster Linie, so der Trainer der „U-23“-Mannschaft des Bundesligaklubs, bilde er für die eigene Bundesligaelf aus. Angesichts von rund 45 Millionen Euro Verbindlichkeiten ist Hertha darauf angewiesen. „Aber wenn Kevin jetzt so ein erkleckliches Sümmchen bringt, dann werten wir das auch als Erfolg für unsere Arbeit“, sagt Heine, den die aktuelle Diskussion ziemlich stört.

Eigengewächse ziehen früh von dannen

Fünf Millionen Euro lässt sich der Klub die Nachwuchsarbeit pro Saison kosten. „Daran wird sich nichts ändern“, sagte Heine fast ein wenig trotzig: „Es gibt genügend Talente, die ihre Zukunft in Berlin sehen.“ Malik Fatih zum Beispiel, auch Patrick Ebert. So ist Kevin Boateng, auf den sich wegen seiner entfernten Verwandtschaft zu Helmut Rahn von Beginn an die Medien gestürzt haben, nur einer von 39 Junioren-Nationalspielern, die Hertha in den letzten sechs Jahren hervorgebracht hat. Allein, es bleibt der Eindruck: Die besten Eigengewächse ziehen früh von dannen. Wie Ashkan Dejagah zum VfL Wolfsburg. Oder Torwart Nico Pellatz zu Werder Bremen.

Da ist wohl einiges schiefgelaufen. Der Fall Kevin Boateng taugt als Beispiel. Die Betreuung durch den Verein war bei ihm offensichtlich nicht professionell genug. Halbnackt posierte er für die Boulevardpresse, alle Welt kennt seine dreizehn Tattoos. Er nannte sich stolz ein Ghettokind aus Berlin-Wedding und sprach ungehemmt von Traumvereinen aus Spanien und England. „Eine Katastrophe, dass da kein Bekenntnis zu Hertha kommt“, sagte dazu Hoeneß. Nominiere ihn Joachim Löw nicht bald für die Nationalelf, dann spiele er eben für Ghana, sagte Boateng auch, in einem seiner häufigen Anfälle von Selbstüberschätzung.

Tattoo- und Piercingverbot

Viel zu spät bemerkte Hoeneß, dass ihm da eine ganze Spielergeneration entglitten war, die sogar im Team ihre eigene Gossensprache pflegte und auch durch die Kleidung eher wie Rapper denn Profifußballer wirkte. In der Jugendakademie beginnt demnächst mit Thomas Krücken ein pädagogischer Leiter, der schon laut über ein Tattoo- und Piercingverbot nachgedacht hat.

Hoeneß hat sich zum radikalen Schnitt auch bei den Profis entschieden. Extrovertierte Egoisten wie die Boatengs sind unerwünscht. Ihr Verhalten steht in krassem Gegensatz zu den bisher gezeigten Leistungen: Kevin fiel in seinen 42 Bundesligaspielen kaum auf, und wenn, dann vor allem durch extravagantes und uneffektives Spiel. „Er ist hochbegabt“, sagt Heine, „aber ich glaube, er weiß selbst nicht mehr, wo sein Weg hingeht.“

Bei Tottenham soll sich sein Gehalt auf 1,5 Millionen Euro verdreifachen. Jerome, zehn Bundesligaspiele, lehnte die Hertha-Offerte (400.000 Euro Gehalt) ab, weil er beim HSV mehr als das Doppelte verdienen kann. „Unfassbar, dass Klubs bei ihm schon mit horrenden Summen kommen“, sagt Heine, „er hat noch nicht bewiesen, dass er im Männerbereich bestehen kann.“ Mit dem Verkauf der Sorgenkinder kehrt vielleicht jene Ruhe ein, die der in der letzten Saison auch von einem Generationenkonflikt zerrissene Verein benötigt. Anders lässt sich auch die Aussage von Kapitän Arne Friedrich nicht deuten: „Bei so viel Geld ist es richtig, dass Kevin Boateng verkauft wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Ergebnisse, Tabellen und Statistik