Home
http://www.faz.net/-gtn-71t9b
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hertha BSC Berlin Bloß kein Blick zurück

 ·  Erfolge in der zweiten Liga sollen die Horrorsaison der Hertha vergessen machen: Der neue Trainer Jos Luhukay verspricht Leidenschaft und Gemeinschaft. Den Aufstieg soll es obendrauf geben.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)
© dpa Angriff auf die Altlasten: Der neue Trainer Jos Luhukay erwartet Leidenschaft und Powerfußball

Zwei Tage vor dem Saisonstart gegen Paderborn in der zweiten Liga, Pressekonferenz bei Hertha BSC. Der neue Trainer Jos Luhukay und Manager Michael Preetz sitzen auf dem Podium. Es ist eine gute Gelegenheit für einen neuen Anfang. Der Hauptstadtklub hat eine Saison mit Kabale, Hieben und Lügen hinter sich, an deren Ende zwei Trainerentlassungen standen, ein dramatischer sportlicher Niedergang, ein skandalöses Relegationsspiel in Düsseldorf mit wochen- und monatelangen Sperren für vier Berliner Profis - und nach zwei vergeblichen Protesten vor Gericht schließlich der Abstieg aus der Bundesliga.

Die Nachwirkungen dieser Spielzeit werden noch lange spürbar bleiben; zum Auftakt gegen Paderborn dürfen nur 27.500 Zuschauer an diesem Freitag (20.30 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) ins Olympiastadion, die letzte Sperre für den vormaligen Kapitän Kobiaschwili nach Schlägen gegen Schiedsrichter Stark endet am 31. Dezember. Und wie lange der Ruf der Hertha beschädigt sein wird, ist ungewiss.

Es wäre also eine gute Gelegenheit für Manager Preetz gewesen, das annus horribilis der Hertha aufzuarbeiten und den neuen Weg der Berliner zu markieren. Aber Preetz erklärte nichts. Der Pressesprecher sagte, es werde sicher viele Fragen geben, und gab die Fragerunde frei, und damit war klar, dass es bei der Hertha weitergeht, einfach so.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“

Die erste Frage ging an Luhukay, den Unbelasteten, der nach seiner herausragenden Arbeit mit Augsburg die Hoffnung auf den Wiederaufstieg trägt. Wen hat er zum Kapitän gemacht? Niemeyer wird die Aufgabe übernehmen, sagt der holländische Trainer, und Kluge werde sein Stellvertreter sein.

So war man in der Hauptstadt ganz schnell wieder mittendrin im Fußball-Alltag - und ganz weit weg von der Frage, wie es so weit kommen konnte, dass in Europas Topligen nur die deutsche Hauptstadt Berlin zum zweiten Mal nach 2010 keinen Topfußball bietet: London hat Chelsea, Arsenal und Tottenham, Madrid jubelt Real und Atlético zu, in Rom duellieren sich Lazio und AS Rom, und in Frankreich rüstet Paris St-Germain mit arabischen Millionen ganz groß auf.

Auf die Analyse wartet man vergebens

Nach einer Viertelstunde wird Preetz gefragt, was der Klub gegen sein ramponiertes Image machen will und was man sich so leisten könne. Mit dem verspielten Ruf ist es für Preetz ganz einfach. „Idealerweise hilft der sportliche Erfolg.“ Mit Siegen auf dem Platz soll alles wieder gut werden. Was ansonsten alles falsch lief und welche Schlüsse der Klub daraus gezogen hat - auf diese Analyse wartet man in Berlin allerdings vergebens.

„Die Schwierigkeiten sind bekannt“, sagt der offiziell als Geschäftsführer Sport titulierte Preetz. Er meint damit die finanziellen Nöte des Klubs, 35 Millionen Euro Schulden. Mit dem Verkauf von Raffael nach Kiew soll die Saison allerdings finanziert sein. Die Ablöse für den Brasilianer liegt angeblich bei rund zehn Millionen Euro, aber genaue Angaben hat die Hertha verweigert. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Preetz über die Finanz- und Personalplanung.

Luhukay hat den Kader reduziert

Zumindest auf dem Platz soll eine neue Hertha entstehen. Lell und Mijatovic, die nach ihren Attacken in Düsseldorf ebenfalls gesperrt wurden, mochte der neue Trainer nicht mehr haben, Ottl auch nicht. Auch Ebert, das letzte Eigengewächs aus den großen Talentzeiten mit Kevin-Prince und Jerome Boateng oder Dejagah ist nun in Richtung Valladolid verschwunden. „Es ist Wahnsinn, was mit Hertha BSC in den vergangenen Jahren passiert ist. Es gab so viele Toptalente und gute Mannschaften. Unglaublich, dass man nun wieder in der zweiten Liga spielen muss“, hat nun Kevin-Prince Boateng vom AC Mailand vor dem Zweitligaauftakt in der „Sport-Bild“ ausrichten lassen.

  1/2  
Ramponiertes Image: Manager Preetz hofft, dass durch sportlichen Erfolg Ruhe einkehrt © dpa Ramponiertes Image: Manager Preetz hofft, dass durch sportlichen Erfolg Ruhe einkehrt

Den auf 33 Spieler aufgeblähten Kader hat Luhukay in dieser Woche reduziert. Es trifft nicht zuletzt die eigenen Talente. Neumann (21 Jahre), Perdedaj (21) und Djuricin (19) müssen nun zurück in die U 23, ebenso Diering (20) und Mukhtar (17), die aber regelmäßig bei den Profis mittrainieren dürfen. In der Anfangsformation gegen Paderborn sollen gleichwohl vier Talente aus dem eigenen Nachwuchs stehen: Torwart Burchert (22) oder Sprint (19), Innenverteidiger Brooks (19), Linksverteidiger Schulz (19) und Mittelfeldspieler Knoll (21).

Erwartungen sind weiterhin erstklassig

Siebzehn von achtzehn Trainern sehen in der Hertha den großen Aufstiegsfavoriten in der zweiten Liga, trotz der beiden anderen traditionsreichen Absteiger, Köln und Kaiserslautern. Mit Allagui (Mainz), Kachunga (Mönchengladbach), Wagner (Bremen) und Sahar (Espanyol Barcelona) hat die Hertha gleich vier Offensivspieler verpflichtet. Sie sollen im Angriff umsetzen, was Luhukay sich zur Berliner Erneuerung wünscht. „Ich will die Zuschauer begeistern. Wir wollen immer dominant auftreten und viele Tore erzielen. Gegen Paderborn will ich Tore sehen - aber nicht aus Zufall, sondern wegen unserer Qualität.“

Luhukay verspricht Leidenschaft und Gemeinschaft, Pressing und Powerfußball - also all das, wovon die Zuschauer im Olympiastadion seit Jahren zu wenig bekommen haben. Fünf Spieler sollen bei Ballverlust schon in der gegnerischen Hälfte Druck machen, die fünf Defensiven sollen folgen. Den Aufstieg soll es obendrauf geben. Das neue System hat eine Berliner Zeitung schon zu der Schlagzeile verführt, dass Luhukay aus der Hertha den FC Barcelona der zweite Liga machen will. Die Erwartungen in Berlin, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, sind jedenfalls weiter erstklassig.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wie halten Sie es mit dem Confed-Cup?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Wer war der beste Torwart der Rückrunde?

2338 Stimmen wurden abgegeben.

26%
Manuel Neuer (München)
12%
René Adler (Hamburg)
49%
Roman Weidenfeller (Dortmund)
10%
Kevin Trapp (Frankfurt)
3%
Marc-André ter Stegen (M’gladbach)
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Umfrage

Wer war Ihr Spieler der Rückrunde?

3171 Stimmen wurden abgegeben.

45%
Franck Ribéry
25%
Robert Lewandowski
25%
Bastian Schweinsteiger
5%
Mario Götze
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen