In der Hauptstadt herrscht kein Mangel an Symbolen. Aber das mit der Symbolik klappt natürlich nicht immer. Hertha BSC hat damit so seine Erfahrungen gemacht. Zwölf Jahre lang träumte Dieter Hoeneß davon, einmal mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu gehen, um Berlin als deutsche Fußball-Hauptstadt feiern zu können. Dazu haben im Frühjahr bekanntlich nur ein paar Schritte gefehlt. In der Woche vor dem Jubiläum zum Mauerfall hat sich die Hertha gleich neben dem Brandenburger Tor nun wieder etwas Symbolisches einfallen lassen – und war damit doch meilenweit von den vergangenen Hochgefühlen entfernt. Auf der Wiese vor dem Reichstag stand Trainer Friedhelm Funkel neben seinem Assistenten und einigen verdienten ehemaligen Herthanern, mit einem blauen Pappschild: „Vereint gegen Köln!“ stand darauf – und im Hintergrund wehten die Deutschland-Fahnen des Reichstags.
Aber mehr als mit der etwas verrutschten Symbolik haben die Berliner Verlierer vom Dienst selbst am Donnerstag in der Europa League die Bundesligapartie gegen den 1. FC Köln am Vorabend der Zeitenwende vor zwanzig Jahren aufgepeppt. Nach zwölf Pflichtspielen ohne einen Sieg erfuhr die Hertha beim 3:2 in Heerenveen erstmals wieder, wie sich ein Erfolgserlebnis anfühlt. „Es hat Spaß gemacht, in die Kabine zu kommen“, sagte Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger nach dem ungewöhnlichen Erlebnis in den Niederlanden. „Es war alles viel gelöster“, berichtete Trainer Friedhelm Funkel am nächsten Morgen.
Aber dem Superrealo unter den deutschen Fußballtrainern brauchte man mit der Hoffnung, dass die neue Begeisterung sich nun auch direkt in den zweiten Bundesligasieg gegen Köln übersetzen ließe, gar nicht erst kommen. „Die Stimmung war nie so schlecht wie der Tabellenstand“, sagte Funkel auf der Pressekonferenz, ohne ein einziges Mal zu lächeln. „Noch in der Kabine habe ich gehört, dass die Spieler den Erfolg nicht überbewerten.“ Das hat ihm sehr gefallen. „Es war wichtig, hier zu gewinnen. Aber noch wichtiger ist das Spiel am Sonntag gegen Köln.“
Sieg gegen Köln ist Pflicht
Tatsächlich ist der Sieg in Heerenveen in den Blättern der Hauptstadt, die zuletzt nur noch Tasmania Berlin (die schlechteste aller Bundesligamannschaften) zum Referenzpunkt der Hertha machten, schon wie eine Befreiung gefeiert worden. Doch das verdiente 3:2 nach starker Leistung in der zweiten Halbzeit ist in Wahrheit nur eine Befreiung im Konjunktiv. Erst ein weiterer Erfolg am Sonntag gegen den 1. FC Köln (17.30 Uhr/ FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) würde aus der Hertha wieder ein konkurrenzfähiges Bundesligateam machen. „Mit einem Sieg sind wir wieder an zwei, drei Mannschaften dran, auch an Köln“, sagte Funkel.
Das Duell am 13. Bundesliga-Spieltag hat in Berlin schon ein wenig Endspiel-Charakter angenommen. Kapitän Arne Friedrich bezeichnet das Abstiegsduell ebenfalls schon als Endspiel – und in der Hauptstadt werden Karten für die Partie schon mit der Begründung verlost, nun müssten alle Berliner zusammenstehen. „Es geht nur gemeinsam“, sagte auch Funkel am Freitag über ein innerbetrieblich reibungsloses Zusammenspiel zwischen Fans, Profis und Vereinsführung gegen den Abstieg. Er hat dabei auch die Verpflichtung von neuen Spielern in der Winterpause im Blick.
Wichniarek in der Nachspielzeit
Der erste Schritt, um in der Bundesliga wieder Fuß zu fassen, könnte aber schon in der Europa League gelungen sein. „Die wichtigste Erkenntnis war, dass die Mannschaft noch Spiele gewinnen kann“, sagte der Hertha-Trainer scheinbar lapidar. Er war hochzufrieden, dass sein Team, das sich ansonsten oftmals in dieser Saison schon nach dem ersten Gegentreffer geschlagen gab, in Heerenveen „die Rückschläge verarbeitet hat und ruhig geblieben ist“.
Zweimal geriet die Hertha in Rückstand, zweimal glich sie durch den Bulgaren Waleri Domowtschijski aus – und kam in der Nachspielzeit durch den Treffer von Artur Wichniarek zu einem Sieg, der den Berlinern als Gruppenzweiten ganz nebenbei auch die Chance eröffnet, die europäische K.o.-Runde wie aus dem Nichts zu erreichen.
Erstes Tor nach 461 Minuten
Neben der nach dem ersten Bundesligaspiel vollständig verschwunden Erfahrung, wie sich ein Sieg anfühlt, erlebten auch die beiden Berliner Stürmer endlich mal wieder, wofür sie eigentlich auf der Gehaltsliste der klammen Hertha stehen. Ein einziges Tor hatte der Berliner Angriff bisher in dieser Saison erzielt – in Heerenveen waren es nun gleich drei, wobei Rückkehrer Wichniarek, in Berlin schon als Fehleinkauf der zweifachen Sorte betrachtet, die Vorarbeit zu beiden Treffern von Domowtschijski leistete. Das Hertha-Dilemma vor dem Tor ließ sich in Zahlen zuletzt recht eindrucksvoll fassen.
Nach schier endlosen 461 Minuten in den letzten Pflichtspielen trafen sie wieder das Tor. „Das tut den Jungs gut“, sagte Manager Michael Preetz, der einst als Torjäger in Berlin großen Eindruck hinterließ. Aber nicht nur den Jungs. Denn als sportlicher Manager wartet Preetz, der mit seinen Einkäufen kein glückliches Händchen bewies, selbst noch auf sein erstes Erfolgserlebnis. Seine nächste Chance erhält er in der Winterpause.