18.04.2010 · Trainer Funkel hält die Hoffnung bei Hertha BSC am Leben – aber trotz der Wende zum Positiven wird er verhöhnt. Dabei ist aus der schlechtesten Abwehr der Hinrunde die beste der Rückrunde geworden.
Von Michael Horeni, BerlinWenn es eine Umfrage über die beliebtesten Berliner gäbe, dann könnte man sagen, dass sich Friedhelm Funkel in akuter Abstiegsgefahr befindet. Zumindest wenn man die veröffentlichte Meinung der vergangenen Wochen und Monate verfolgt. Ein paar Leseproben gefällig? Der Fehler- und Fasel-Funkel. Der Fantast des Tages: Friedhelm Funkel. Oder: Der Fürst der Finsternis. Irgendwann hat Friedhelm Funkel dann beschlossen, vor Häme und Herabsetzung in der Hauptstadt die Augen zu verschließen. Er las drei Wochen lang keine Zeitungen mehr, und auch mit Journalisten sprach er nicht mehr oder nur noch das Nötigste.
„So etwas habe ich in 36 Jahren Profifußball noch nicht erlebt“, sagt der Hertha-Trainer in diesen Tagen über die persönlichen Attacken. Wenn der Trainer des Tabellenletzten in Berlin dagegen auf reale Menschen trifft, dann, so berichtet er, spüre er überall „Zuspruch und Freundlichkeit“. Die Diskrepanz der veröffentlichten und öffentlichen Wahrnehmung des Trainers von Hertha entspricht ungefähr der Diskrepanz, mit der die Hertha in dieser Saison sportlich ihre Fans leiden lässt: im Olympiastadion oder auswärts, in der Hin- oder in der Rückrunde.
Hinter den Extremen in der Presse und auf dem Platz verschwindet, mindestens aber verschwimmt die Leistung von Funkel in Berlin. Aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt, wo Funkel an diesem Sonntag mit der Hertha mal wieder um die letzte Anschlusschance kämpft, hatte er die Hoffnung in die Hauptstadt gebracht, ein Retter zu sein, und die Hypothek, eine Mannschaft nicht entwickeln zu können. Das Ergebnis kam bei Funkel immer vor dem Erlebnis. In Berlin dagegen hat der Trainer seit der Winterpause erstklassige Entwicklungsarbeit geleistet – aber diese Leistung wird, Ironie der Funkel-Geschichte, angesichts der Ergebniskrise im Olympiastadion nicht gewürdigt.
Handwerklich erstklassige Leistung
Dabei müssten eigentlich schon die Fakten genügen, um die sportliche Wende anzuerkennen, die Funkel mit einer in der Hinrunde konkurrenzlos schlechten Mannschaft gelungen ist. In der Rückrundentabelle steht die Hertha auf Platz zwölf, sechs Punkte von Relegationsplatz 16 entfernt. Aus der schlechtesten Abwehr der Hinrunde (39 Gegentore) ist die beste Abwehr geworden (10 Gegentore, Bayern als Zweiter hat schon 13 Gegentore). Dies mit nur drei, vier personellen Veränderungen in der Winterpause geschafft zu haben ist eine handwerklich erstklassige Leistung. Der Ergebnis-Trainer hat dazu unerwartete Fußball-Erlebnisse geschaffen: 3:0-Siege in Hannover, Freiburg und Köln sowie ein 5:1 in Wolfsburg. Das hat keine andere Mannschaft in der Rückrunde hinbekommen – weder Bayern, Schalke noch Leverkusen.
Wenn Manager Michael Preetz sagt, man müsse bei der Beurteilung von Funkel zwischen einer reinen Bewertung nach Punkten und der Arbeit mit der Mannschaft („hervorragend“) unterscheiden, findet das angesichts von 30 Wochen als Tabellenletzter und 36 Wochen ohne Heimsieg (erster Spieltag gegen Hannover) kaum Resonanz. Auch Lob aus der Mannschaft verpufft angesichts des drohenden Abstiegs innerhalb von Wochenfrist. „Funkels Art hat dem Team sehr geholfen“, sagt Kapitän Arne Friedrich.
Ständige „Endspiele“
Auch die positive Erkenntnis, dass die Mannschaft in der Rückrunde meist auch bei Spielen ohne Sieg überzeugte, geht bei der schier endlosen Aufholjagd ohne Tabellenfortschritt ebenfalls verloren. Bei den Heimspielen gegen Mönchengladbach (0:0), Bochum (0:0), Mainz (1:1), Hoffenheim (0:2), Nürnberg (1:2), Dortmund (0:0), Stuttgart (0:1) besaß die Hertha nahezu durchgängig die besseren Chancen und meist auch Spielüberlegenheit, auch beim 1:2 in Bremen und dem 0:1 in Hamburg wären Punkte möglich gewesen. Und all das unter dem Druck des ständigen Gewinnenmüssens, den ständigen „Endspielen“. Es ist keine Floskel, sondern sportliche Realität, wenn Funkel sagt, dass seine Mannschaft gegen jedes Team aus der Bundesliga mithalten kann – wann hat das je ein Absteiger von sich behaupten können?
Und dann plagen die Hertha neben den üblichen Verletzungen (zuletzt ist Kringes Mittelfuß abermals gebrochen) vor allem eine Häufung von falschen Schiedsrichterentscheidungen, für die der Klub schon eine eigene Rechnung aufgestellt hat. Der Kummer darüber hat sich in der vergangenen Woche in einem Schreiben an den Deutschen Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga ausgedrückt, das kein förmlicher Protest gegen die Wertung des Spiels gegen Stuttgart war, sondern eher ein Hilferuf.
Steigt die Mannschaft ab, wird sie auseinanderfallen
Allein in den vergangenen drei Heimspielen gegen Nürnberg, Dortmund und Stuttgart, so das Lamento, seien der Mannschaft acht Punkte genommen worden. Zur Beweisführung legte die Hertha eine DVD mit den fragwürdigen Szenen bei. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Funkel auch über die Einseitigkeit der Fehlentscheidungen.
Aber sollte die Mannschaft absteigen, wird sie auseinanderfallen – Stützen wie Friedrich, Kacar, Raffael, Cicero, Ramos oder Gekas werden kaum zu halten sein. Den Nachwuchs hat Funkel verbannt. Das sind die bisher versteckten Kosten von Funkels Arbeit. Was hilft da noch, um den Abstieg und den Ausverkauf zu verhindern? „Es sieht so aus, als müssten wir drei der letzten vier Spiele gewinnen“, sagt Funkel. Seine Perspektive passt dazu. „In der ersten Liga bleibe ich in Berlin, in der zweiten eher nicht.“