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Hannover nach Enkes Tod „Wir müssen auch wieder funktionieren“

12.01.2010 ·  Wenn Appelle auf die Wirklichkeit treffen: Sollte in diesen Tagen die neue Menschlichkeit im Profifußball nicht besonders in Hannover fühlbar, sichtbar oder hörbar sein? Aber der Tod Robert Enkes hat nichts verändert.

Von Michael Horeni
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Die Kabinenwand im Stadion war ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Der Kunststoff des Containers war zu dünn, um die Worte des Sportdirektors nach der Niederlage im Testspiel bei Union Berlin zu schlucken. Vor der Kabine – jenem wie ein Heiligtum geschützten Ort im Fußball – standen die Journalisten und notierten, was eigentlich nur für die Ohren der Spieler bestimmt war. „Das hat kein Niveau. Das ist Betriebssport. Ich kann da bis auf zwei, drei Ausnahmen die ganze Reihe durchgehen.“

Wenn es ansonsten etwas zu verteilen gebe, hebe jeder den Arm in der Mannschaft fuhr Jörg Schmadtke fort. „Aber da draußen sehe ich nichts.“ An die Öffentlichkeit drang dann auch, wie der Sportdirektor die Chancen von Hannover 96 im Abstiegskampf in dieser Form vor dem Rückrundenauftakt am nächsten Samstag einschätzt. „Das wird nicht funktionieren. Das geht schief. Hundertprozentig.“

Willkommen in der Realität des Profifußballs. Vor nicht einmal zwei Monaten suchte Robert Enke auf den Gleisen den Tod, und der Selbstmord des unter Depressionen leidenden Nationaltorhüters ließ die Menschen und den Fußball in Deutschland innehalten. Mit der überwältigenden Trauer ging aber auch die Hoffnung auf ein Umdenken im Spitzensport einher, auf größere Sensibilität und Menschlichkeit im Profifußball.

Ein Punkt aus fünf Bundesligaspielen

Seit dem Selbstmord von Enke im November hat Hannover 96 jedoch kein Fußballspiel mehr gewonnen. In fünf Bundesligapartien reichte es nur zu einem einzigen Punkt. Aus dem Tabellenzehnten ist ein Abstiegskandidat geworden, den auf Rang vierzehn nur noch ein Zähler von einem Relegationsplatz trennt. Am kommenden Samstag geht es nach der 1:2-Niederlage bei Union gegen den Tabellenletzten Hertha BSC. Da muss ein Sieg her, egal wie. So redet man immer im Abstiegskampf. Auch wieder in Hannover.

Aber sollte in diesen Tagen, wenn Appelle auf die Wirklichkeit treffen, die neue Menschlichkeit im Profifußball nicht besonders in Hannover fühlbar, sichtbar oder hörbar sein, im Zentrum von Trauer und Betroffenheit? „Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Respekt und Menschlichkeit in der Bundesliga Einzug halten. Aber es hat sich überhaupt nichts verändert. Die Uhren haben nur kurz stillgestanden, in Hannover vielleicht etwas länger“, sagt Hanno Balitsch.

„Es ist ein Verdrängungsprozess“

Balitsch ist der einzige Spieler, den Enke neben zwei Physiotherapeuten bei seinem Klub über seine Krankheit ins Vertrauen gezogen hatte. „Die Zeit nach seinem Tod und die eine Woche Winterpause waren viel zu kurz. Das hat nicht gereicht, um sich tiefergehende Gedanken zu machen, das Thema setzen zu lassen. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich das verarbeitet habe. Es ist ein Verdrängungsprozess. Ich bin nach der Pause zum ersten Trainingstag gekommen und hatte das Gefühl, erst gestern da gewesen zu sein.“

Schon nach vier Wochen hatte Balitsch bemerkt, wie das Interesse am Thema erlahmte, wie wieder der sportliche Erfolg in den Fokus geriet, wie in den Medien der Wettskandal den Tod von Enke ablöste. In der Boulevardpresse wurde es wieder wichtig, wo die Mannschaft ihre Weihnachtsfeier abhielt und warum die Partnerinnen nicht dabei waren, welche Frauen oder Geliebten beim Training zuschauten. „Es war schnell klar, dass uns Profis nicht eingeräumt wird, Menschen mit Schwächen und Fehlern zu sein“, sagt Balitsch. „Menschlichkeit lässt sich nicht verkaufen. Es ist interessanter zu fragen: Geht ein Spieler fremd?“

Politische Diskussion: Welcher Ort wird Enke gewidmet?

Auch der politische Alltag hat Hannover und den Klub nach dem Tod von Robert Enke schnell eingeholt. Die Parteien der rot-grün regierten Landeshauptstadt streiten mittlerweile darüber, welcher Ort am Stadion dem Torhüter gewidmet werden soll. Eigentlich sollte dies in pietätvoller Absprache mit dem Klub und der Familie Enke geschehen. Aber kurz vor Weihnachten forderte der CDU-Fraktionsvorsitzende öffentlich, den großen Platz um die Nordtribüne mitsamt der Geschäftsstelle nach Enke zu benennen. Das Areal sollte aber eigentlich den Namen des heute weitgehend vergessenen Walter Rodekamp erhalten, dessen Tore den Klub in den sechziger Jahren in die Bundesliga brachte. Das war vor dem Selbstmord Enkes.

Dem Stürmer soll nach dem Willen der Opposition nun an der weniger attraktiven Südtribüne gedacht werden. „Der Tod von Enke hat in Hannover und weltweit so viel Aufmerksamkeit erregt, dass die Stadt den größeren Platz nach ihm benennen sollte“, sagte der CDU-Politiker. Der Name Enke würde sich dann auch in Stadtplänen finden und einen früheren Oberbürgermeister ablösen. Der Klub hat nun appelliert, in der politischen Diskussion nicht zwei verdiente Spieler gegeneinander auszuspielen. Auch Rodekamp wurde nicht mit dem Leben fertig. Er verfiel dem Alkohol.

Trainer Bergmann: „Kein Schutzschild“

Trainer Andreas Bergmann hat aus den letzten Wochen und den verlorenen Spielen auch seine Konsequenzen für die Rückrunde gezogen. „Ich halte es für sinnvoll, die Ereignisse nicht mehr anzusprechen. Wir dürfen uns sich nicht mehr hinter der Tragödie verstecken, auch wenn das vielleicht ohnehin nur im Unterbewusstsein geschieht. Wir müssen jetzt wieder unsere Leistung abrufen. Wir dürfen das nicht mehr als Schutzschild benutzen. Es müssen wieder unseren normalen Maßstäbe zählen“, sagt er.

Bergmann ist ein besonnener Mann von fünfzig Jahren und in seiner Zurückhaltung ein bisschen untypisch für das Profigeschäft. Er ist ein Späteinsteiger. Erst in dieser Saison hat er, der langjährige Assistent und Amateurtrainer, den Job seines Vorgängers übernommen, zuvor war er bei St. Pauli. Aber was tun, wenn die Überzeugung wächst, dass die Erinnerung an den Tod den Erfordernissen im Abstiegskampf im Weg steht? Was kann man tun, wenn der Tod dennoch immer weiter mitspielt – und den Erfolg gefährdet? Das sind Fragen, die Bergmann vor dem Rückrundenstart umtreiben.

Immer wieder Enke - ob gewollt oder nicht

Trainer und Sportdirektor haben zuletzt gemeinsam die sportliche Lage analysiert. Die zornige Reaktion Schmadtkes auf das 1:2 gegen den Zweitligaklub am vergangenen Dienstag war eine Folge davon. „Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, ohne übertrieben Rücksicht zu nehmen. Das erfordert das Geschäft. Es ist ein Job. Da hängen Arbeitsplatz dran und es gibt eben diese Brutalität. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und müssen irgendwann auch wieder funktionieren. Auch die Mannschaft muss wieder funktionieren“, sagt der Trainer. „Auch wenn es hart klingt.“

Die Suche nach Erklärungen für die sportliche Krise hat längst begonnen. Und immer wieder landet man in Hannover bei Enke – ob man will oder nicht. Da ist zum einen natürlich der sportliche Verlust, „fünf, sechs Punkte hat er uns in jeder Saison sicher rausgegraben“, sagt Balitsch, „jetzt merken wir, dass wir in Hannover den Luxus hatten, als Mittelklasseverein ein Weltklassemann im Tor zu haben.“ Das sei nicht als Kritik an Nachfolger Florian Fromlowitz zu verstehen, der seine Sache sehr gut mache.

Sportliche Gründe oder psychische Blockade?

Aber die Torwartfrage ist es nicht, zumindest nicht allein. Und auch nicht die Verletztenliste. „Wir haben derzeit nicht die Kompaktheit und Geschlossenheit, um eine schwierige Situation zu bestehen“, sagt Balitsch über die letzten Auftritte. Da war das 3:5 in Mönchengladbach, „das vogelwilde Spiel mit den drei Eigentoren, was man als grotesk beschreiben muss – und der Einbruch in der zweiten Halbzeit zu Hause beim 2:3 nach einem 2:0 gegen Bochum. Das hängt uns nach. Das lässt die ganze Sache sehr negativ aussehen – und auch gegen Union Berlin haben wir den sportlichen Neubeginn nicht geschafft.“

Woran liegt das? Alltägliche sportliche Gründe oder vielleicht doch eine unbewusste psychische Blockade? Trainer Bergmann hat da keine eindeutige Antwort. Er hat zwar Informationen und kompetenten Rat eingeholt, „aber es gibt dazu verschiedene Meinungen“.

Balitsch: „Vielleicht ein Auge zu viel zugedrückt“

Die gibt es in Hannover auch über den Umgang mit einer Situation, die weder Spieler noch Trainer bisher erlebt haben. „Ich teile nicht die Meinung von Trainer und Manager, die deutlich gemacht haben, dass wir das Thema hinter uns lassen sollen, um sportlich wieder in die Spur zu kommen. Ich weiß, dass es natürlich nicht bedeutet, Robert zu vergessen, sondern mit der Situation so umzugehen, dass man sie nicht mehr als Belastung empfindet – oder sich dahinter vielleicht versteckt“, sagt Balitsch. „Aber für mich kann ich sagen: Ich muss seinen Tod nicht abhaken, weil ich es sportlich geregelt bekomme.“

Balitsch will beides integrieren: die Trauer um einen Freund und Erfolg im Beruf. Es sei schwierig, über das Unterbewusstsein zu sprechen, sagt er. Da habe man keinen Zugriff, auch kein Gefühl dafür. „Aber in den Spielen hatte ich den Tod von Robert nicht als Rucksack auf dem Rücken. Ich konnte mich in den 90 Minuten auf das konzentrieren, was nötig ist für meinen Job. Robert Enke hat mich nicht gefangen genommen.“ Aber womöglich andere. „Vielleicht wurde wegen der Tragödie zu viel Rücksicht genommen, was disziplinarische Dinge betrifft. Da hat man vielleicht ein Auge zu viel zugedrückt“, sagt Balitsch.

Zwei Fähnchen mit Erinnerungszeilen

Ein paar Wochen hatten Zeitungen in Hannover auf die Noten für Spieler verzichtet. Das fand er gut. „Aber an sportlichen Kriterien müssen wir uns messen lassen.“ Wer aus physischen oder psychischen Gründen nicht in der Lage sei, auf dem Platz zu stehen, müsse das sagen. Aber alle hätten sich das zugetraut. Balitsch bemängelt vielmehr die fehlende taktische Geschlossenheit im Team. „Das ist uns in den letzten Spielen wieder abhandengekommen. Wir hatten schon in der letzten Saison Probleme, als der Mannschaft individuelle Stärke hinzugefügt werden sollte. Aber das ist in Individualismus ausgeartet, der die taktische Disziplin zerstört hat.“ Zu dem taktischen Zusammenhalt müssten sie nun ganz schnell wieder zurückkehren, sagt er. „Das wird der Knackpunkt sein, ob wir die Kurve kriegen.“

Was in den letzten Monaten an Robert Enke erinnerte, verschwindet in Hannover allmählich. Das riesige Trikot wird in der Rückrunde nicht mehr im Stadion zu sehen sein, und auch in den Auslagen des Fanshops taucht der Torwart nicht mehr auf. Alles was „erinnerungsrelevant“ eingestuft wird, wie es im Verein heißt, und vom Abstiegskampf ablenken könnte, soll aus dem Blickfeld. Am Haupteingang des Stadions hängen nur noch zwei kleine Fahnen mit ein paar Erinnerungszeilen. An jenem Platz, der einmal den Namen Robert Enkes tragen soll.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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