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Veröffentlicht: 05.03.2013, 15:41 Uhr

Hannover 96 Ein Fall für die Partnerberatung

Wenn Trainer und Sportchef nicht miteinander können: Bei Hannover 96 gefährdet der Dauerzwist zwischen Mirko Slomka und Jörg Schmadtke nicht nur den Betriebsfrieden, sondern auch die Planung für die nächste Saison.

von Christian Otto, Hannover
© dpa Reden ist Silber, mailen ist Gold - oder doch eher Blech? Bei Mirko Slomka (rechts) und Jörg Schmadtke bringt die technische Hilfe keinen Fortschritt

Hannover. Seine Versuche, die Wogen zu glätten, bleiben ein unangenehmes Dauerprojekt. „Wir wollen Hannover 96 als Marke weiterentwickeln. Irritationen sind dabei nicht hilfreich“, sagt Vereinspräsident Martin Kind. Eigentlich führt der 68 Jahre alte Unternehmer eine erfolgreiche Fußballfirma an. In der bundesweiten Wahrnehmung verhärtet sich aber der Eindruck, dass er einen Sack Flöhe hüten muss. Der nicht enden wollende Streit zwischen Trainer Mirko Slomka und Jörg Schmadtke, dessen öffentliche Austragung einen Imageschaden für den Verein mit sich bringt, wird zunehmend zur Belastung. Auf die Frage, ob einer seiner beiden leitenden Angestellten sogar entnervt aufgeben könnte, antwortet Kind: „Im Moment nicht. Aber drei Jahre sind im Profifußball bekanntlich sehr lang.“

Kurioses Kompetenzgerangel

Bis 2016, so sehen es die jüngsten Vertragsverlängerungen und das Organigramm der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA vor, ist der ehrgeizige Slomka als Cheftrainer unter Vertrag, aber auch an die Weisungen von Schmadtke gebunden. Was sich der Übungsleiter und der Geschäftsführer seit geraumer Zeit liefern, ist ein kurioses Kompetenzgerangel. Der wortkarge Schmadtke, mit einem unbefristeten Arbeitsverhältnis sowie mit viel Macht ausgestattet, arbeitet gerne still im Hintergrund und taucht nur noch selten am Trainingsplatz auf - was ihm als Desinteresse an der grundlegenden Arbeit auf dem Rasen ausgelegt wird. Der eloquente Slomka dagegen nutzt so manche Gelegenheit, um seinen Unmut über die Transferpolitik zu formulieren - zu Lasten von Schmadtke. Streit unter Männern, Kommunikationsstörung, zwischenmenschliche Eiszeit: In Hannover kursieren erstaunliche viele Begriffe, um zu beschreiben, was zwei Hauptdarsteller ständig auseinandertreibt, die eigentlich eng zusammenarbeiten müssten.

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Für Außenstehende muss Hannover 96 wie ein Tollhaus wirken. Rund um wirklich vorzeigbare Erfolge, die es in den vergangenen beiden Jahren in der Bundesliga und der Europa League zu bejubeln gab, existiert dieser unerschöpfliche Fundus an Reizthemen. Der resolute Präsident streitet mit jenem Teil der 96-Fans, die sich den Einsatz von Pyrotechnik partout nicht verbieten lassen wollen. Slomka und Schmadtke schaffen es nicht, ihre Disharmonien abzustellen oder wenigstens zu verbergen. „Das Verhältnis ist wie immer“, beteuert Slomka, der zuletzt aber zugegeben hat, Schmadtke per E-Mail und nicht mehr direkt kontaktiert zu haben. Der Empfänger dieser digitalen Post wiederum verspürt keinerlei Lust auf eine solche Form der Kommunikation und will nicht antworten. Es klingt nicht ganz abwegig, wenn die lokalen Medien in Hannover die Behauptung aufstellen, dass Slomka und Schmadtke mittlerweile ein Fall für eine Partnerberatung geworden seien.

Bild Jörg Schmadtke © dpa Vergrößern Erfolgreicher Manager im Zwist mit dem Trainer: Hannovers Jörg Schmadtke

Die angekündigten Einzelgespräche mit den beiden Streithähnen sind bereits geführt worden. Präsident Kind, der in diesen Tagen wieder einmal als eine Art Mediator agieren muss, konnte den einen oder anderen Problemfall bereits einkreisen. Im Winter hatte sich Hannover 96 den Brasilianer Franca geleistet, einen defensiven Mittelfeldspieler, der 1,3 Millionen Euro Ablöse gekostet hat und 1,81 Meter misst. Slomka wollte eine im Wortsinn größere Verstärkung mit der Chance auf Kopfballhoheit. Die Posse, dass Schmadtke im Glauben war, einen 1,90 Meter großen Profi verpflichtet zu haben, sorgte für viel Gespött an die Adresse des Geschäftsführers. Neun Zentimeter Differenz mögen ärgerlich sein. Aber in einem millionenschweren Unternehmen sollten Probleme wie diese ohne hausinterne Verwerfungen zu lösen sein.

“Durch Banalitäten belastet“

Unabhängig davon, wie es zwischen Slomka und Schmadtke steht: Es besteht dringender Handlungsbedarf in der Frage, wie man aktuelle Spieler weiter an Hannover 96 binden kann. Torjäger Mame Diouf etwa, an dem Meister Borussia Dortmund Interesse anmeldet, soll dringend zu einer vorzeitigen Vertragsverlängerung bewegt werden. Der Portugiese Sergio da Silva Pinto, ein wichtiger Haudegen für die Arbeit vor der Abwehr, will wissen, ob und wie er nach dem Saisonende im Mai weiterbeschäftigt wird. Wenn solch gefragten Spielern nicht bald der Eindruck genommen wird, dass das Tauziehen zwischen Slomka und Schmadtke ihre Vertragsverhandlungen überlagert, gesellen sich zu der zwischenmenschlichen Posse weitere Probleme.

„Hilfreich ist das Ganze nicht. Wir können ein solches Bild von Hannover 96 in der Öffentlichkeit nicht gebrauchen“, gesteht Klubchef Kind, der in Kürze Slomka und Schmadtke zum Dreiergespräch bitten wird. Das medial beäugte Treffen dürfte ihm wahlweise als Elefantenrunde, Krisengipfel oder sogar als Bestellung zum Rapport ausgelegt werden. Dem Präsidenten ist das egal, er hat höhere Ziele. „Es wäre doch verrückt“, findet der kämpferische Kind, „wenn die Arbeit eines solchen Erfolgsduos durch Banalitäten belastet wird.“

Quelle: F.A.Z.

 

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