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Hamburger SV HSV versagt im Charaktertest

02.11.2006 ·  Es sollte die Stunde der Bewährung sein, es wurde ein Offenbarungseid: Der Hamburger SV hat sich beim 1:3 gegen den FC Porto aus der Champions League und dem Uefa-Cup verabschiedet. Die Mannschaft hat ihren Trainer im Stich gelassen.

Von Frank Heike, Hamburg
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Auf der Anklagebank saß ein gebeugter Mann mit dunklem Anzug und schwarzem Hemd. Er sah müde aus, die Augen rot, und seine Worte hatten gar nichts Mitreißendes mehr. Es wirkte wie eine große Willensleistung, daß sich Thomas Doll die Fragen überhaupt noch anhörte, die ihm nach dieser schwarzen Champions League-Nacht gestellt wurden. Während die Spieler unten vor der Kabine den mutlosen Auftritt schönredeten, erlebte man nach dem 1:3 des Hamburger SV am Mittwoch abend gegen den FC Porto zum ersten Mal in seinen zwei Jahren einen Trainer Doll, der sich von der Mannschaft abwendete. (Siehe auch: Ergebnisse Champions League)

Im tiefen Frust verzichtete er auf Durchhalteparolen. „Wir haben den HSV und den deutschen Fußball in Europa ganz schlecht vertreten“, sagte er, „jeder hat gesehen, daß es fünf vor zwölf ist.“ Sein Vorwurf an die Mannschaft war noch gemäßigt formuliert, doch im Kern verurteilte er seine Profis: „Es können nicht alle von sich behaupten, das beste gegeben zu haben.“ Das schmerzt einen Kämpfer wie Doll, und er mußte sich einsam fühlen: diese Mannschaft hatte ihren Trainer im Stich gelassen.

Schlechteste deutsche Mannschaft

Dolls Ratlosigkeit angesichts dieser Ansammlung rundum alimentierter Einzelkönner ohne Gemeinschaftssinn war spürbar. Doch Fragen nach Rücktritt oder Konsequenzen wehrte er ab. Ob das Problem vielleicht nicht die Qualität der zahlreichen Nationalspieler sei, sondern deren Charakter? Doll atmete kurz durch, überlegte und sagte: „Es sind gute Jungs mit Charakter. Aber das müssen sie auch mal zeigen.“ Nach vier Niederlagen in vier Spielen ist der HSV die schlechteste deutsche Mannschaft, die je in der Champions League gespielt hat.

Champions League: HSV versagt im Charaktertest

Was eine Belohnung für die begeisternde Saison 2005/06 sein sollte, ergab eine Blamage für ein Team, das am Mittwoch wie ein hoffnungsloser Fall auftrat: Genau zehn Minuten lang verzehrte sich der HSV danach, das europäische Abenteuer versöhnlich zu gestalten - die ersten fünf Zeigerumdrehungen und die fünf Minuten nach Rafael van der Vaarts Anschlußtreffer zum 2:1 in der 62. Minute. Das reichte natürlich nicht, um die cleveren, ballsicheren und taktisch versierten, aber keineswegs übermächtigen Portugiesen zu verängstigen.

Nur noch als Statist dabei

So kamen sie durch den Sonntagsschuß von Lucho Gonzalez in der 44. Minute und die Treffer von Lisandro Lopez in der 61. Minute und Bruno Moraes in der 88. Minute zu einem unerwartet bequemen 3:1 in der eisigen Hamburger Nacht. Der HSV wird in den verbleibenden Partien beim FC Arsenal und gegen ZSKA Moskau nur noch als Statist benötigt. (Siehe auch: Kaka begeistert - Lyon und Real im Achtelfinale)

Wenn eine Mannschaft zaudert, wenn immer wieder persönliche Fehler den Erfolg der Gruppe gefährden, dann muß diese Gruppe wenigstens kämpfen; das ist eine schlichte Fußball-Weisheit. Aber sie stimmt. Von Kampf und Einsatz war wenig zu sehen. Doll sagte: „Wir müssen auch mal kernig hingehen in so einem Spiel und den Platz umpflügen. Das habe ich vermißt.“

„Nicht unsere Kragenweite“

Natürlich fehlt das Selbstvertrauen nach so vielen Niederlagen, jeder hat mit sich selbst zu tun. Eine bekannte Abwärtsspirale. Am Mittwoch bestand nur van der Vaart den Charaktertest. Er schmiß sich in jeden Zweikampf. Aber er bolzte auch einen Eckball hinter das Tor. Viele Fähigkeiten sind einfach verschüttet: Der vor einem Jahr gefeierte Thimothee Atouba leistete sich bei zwei Gegentoren so schlimme Fehler, daß er später ausgepfiffen wurde. Zu allem Unglück verletzte sich auch noch Vincent Kompany und wird zwei Spiele fehlen.

All das hatte auch der daueroptimistische Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann gesehen. Er sagte als Fazit von vier Niederlagen und 3:10 Toren: „Wir sind in Europa gewogen und für zu leicht befunden worden. Die Champions League ist nicht unsere Kragenweite.“

Legionärsmentalität

Nun weht ein anderer Wind beim HSV. Das machen Hoffmann und Sportchef Beiersdorfer in Gesprächen schon seit geraumer Zeit deutlich. Namen werden genannt, von denen man deutlich mehr erwartet hat, de Jong etwa, aber auch Mathijsen, Kompany, Ljuboja, Guerrero. Sorin im Grunde auch. Den Profis sind Rahmenbedingungen am Rande der Perfektion hingestellt worden. Das muß auch so sein, will man ein internationaler Großklub werden. Doch offensichtlich haben alle Verantwortlichen des HSV die Legionärsmentalität einiger Großverdiener aus aller Herren Länder unterschätzt (und Dolls integrative Fähigkeiten überschätzt).

Hoffmann wehrt sich noch dagegen, die „Performance“ des HSV schon nach dem „ersten Quartal“ zu beurteilen. Intern aber wird über Kaderbereinigung gesprochen und darüber, die Saison, die nun nur noch aus der Bundesliga besteht, anständig zu Ende zu bringen. Vielleicht gelingt es Doll ja auch noch, die Qualität der Spieler so zu bündeln, daß eine Gemeinschaft wächst - bei der Ausgeglichenheit der Bundesliga ist der Weg nach oben noch nicht verbaut. Doch Doll, Hoffmann und Co. wissen spätestens seit Mittwoch, daß diese Mannschaft ohne Herz und Bekenntnis zum Arbeitgeber den Verein nicht weiter bringt auf seinem ersehnten Weg unter die besten zwanzig europäischen Mannschaften.

Hamburger SV - FC Porto 1:3 (0:1)
Hamburg: Kirschstein - Mahdavikia, Kompany (70. Klingbeil), Mathijsen, Atouba (65. Berisha) - Feilhaber - Trochowski, Sorin - van der Vaart - Ljuboja (58. Guerrero), Sanogo
Porto: Helton - Bosingwa, Pepe, Bruno Alves, Fucile - Lucho Gonzalez, Paulo Assuncao, Raul Meireles (90.+2 Cech) - Quaresma, Helder Postiga (70. Bruno Moraes), Lisandro Lopez (82. Jorginho)
Schiedsrichter: Laurent Duhamel (Frankreich)
Tore: 0:1 Lucho Gonzalez (44.), 0:2 Lisandro Lopez (61.), 1:2 van der Vaart (62.), 1:3 Bruno Moraes (87.)
Zuschauer: 51.000
Gelbe Karten: van der Vaart - Raul Meireles, Bruno Moraes

Quelle: F.A.Z.
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