Am Mittwochabend sitzen 75 der ganz treuen Fans im Stadionrestaurant „Raute“ und hängen Frank Heinemann an den Lippen. Der blasse Trainer-Assistent, Spitzname „Funny“, ist ein Überbleibsel der kurzen Oenning-Phase beim Hamburger SV. In der größten Not sucht der Verein den Kontakt zu den Fans. Da müssen alle ran. Sogar der Bochumer Heinemann.
Es überwiegen die leisen Töne, und einige sind zu Tränen gerührt (vor allem er selbst), als der sogenannte Kult-Masseur Hermann Rieger sagt: „Der Dino darf nicht sterben.“ Heinemann ist nicht so für Emotionen, er sagt: „Wir haben noch sieben heiße Partien. Wir packen es.“ Am Tag danach ist in Interviews mit Sportchef Frank Arnesen zu lesen, dass er auch im Falle des Abstiegs beim HSV bleiben will.
Nicht jeder findet das gut. Im Ladenlokal „Venezia“ im Stadtteil Eimsbüttel sind die veröffentlichten Fakten aus der Welt des HSV eine harte Währung. Wenn einer der Stammgäste (Selbständige mittleren Alters in Segelschuhen, Cord-Sakko und ausgebeulten Jeans) an den Bistrotischen seinen Espresso trinkt und beispielsweise erzählt, dass HSV-Stürmer Marcus Berg an den FC Groningen ausgeliehen war, korrigieren die anderen sofort (PSV Eindhoven).
Vor lauter Zukunft die Gegenwart aus den Augen verloren
Mit der Zeit ist ein beachtliches Schwarmwissen entstanden. Im „Venezia“ gibt es mit Blick auf den HSV einige unumstößliche Tatsachen: Trainer Thorsten Fink ist ein „Schnacker“. Frank Arnesen hat aus Chelsea nur die dritte Wahl mitgebracht. Und Bernd Hoffmann hat dem HSV so viel Schulden hinterlassen, dass der Abstieg quasi zwangsläufig käme.
Ach ja, die Mannschaft - ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: eine Ansammlung verzogener Legionäre. Und weil man hier im Hamburger Westen mit dem nahen Millerntorstadion in der St.-Pauli-Welt lebt, hätten die meisten Diskurs-Teilnehmer nichts gegen den ersten Abstieg des HSV aus der Bundesliga. Ende, aus, zweite Liga: Der gehobene Stammtisch hat gesprochen.
Der Großverein Hamburger SV mit seinen 70.000 Mitgliedern und einem Jahresumsatz der GmbH von knapp 150 Millionen Euro ist in dieser Zeit besonders angreifbar und insofern ein potentieller Absteiger, weil er mitten im Umbruch steckt: Vor lauter Zukunftsplänen haben Arnesen, Fink und Vorstand Carl-Edgar Jarchow die Gegenwart aus den Augen verloren.
Jetzt schlägt die Stunde der Ehemaligen
Mit voller Kraft wollte das neue Führungstrio das Konzept der Verschlankung und Verjüngung im Sommer in Angriff nehmen. Diese Saison: nichts mit dem Abstieg zu tun kriegen. Nächste Saison: die Europa-League-Plätze anpeilen. 2013/2014: unter die ersten sechs kommen. Das Vorbild hieß Gladbach. Allerdings ist die Mannschaft, die nun plötzlich den Absturz verhindern soll, ein Sammelsurium von Profis, die verschiedene Trainer und Sportchefs seit 2009 zusammengetragen haben.
Hier ein Stürmer, da ein Sechser und noch ein Innenverteidiger: Spieler gibt es zuhauf, aber auf zentralen Positionen ist der HSV besetzt wie ein Absteiger. Es fehlt ein Mittelfeldspieler, der das Spiel nach vorn organisiert. Ein Torwart, der Spiele gewinnt. Ein Stürmer, der nach hinten arbeitet.
Wenn es bei einem Verein dieser Bekanntheit und Größe so weit kommt, dass über die Relegationsspiele am 11. und 15. Mai gesprochen wird, schlägt die Stunde der Ehemaligen. Das sind Spieler, die für bessere, zumindest sorgenfreie Zeiten stehen. Alle durften etwas sagen in der vergangenen Woche: natürlich Uwe Seeler und Willi Schulz, der einst im Aufsichtsrat saß. Seeler und Schulz glauben an den Klassenverbleib; für Seeler ist das Glas eher halbvoll als halbleer, und Schulz ist befangen, er hat als Kontrolleur die Verpflichtung einiger aktueller Spieler abgenickt.
Der Metzger Hollerbach als Sehnsuchtsfigur
Hart urteilen Günter Netzer, der mal Manager war, das Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch und Sergej Barbarez, der einzige Star der letzten Dekade. Netzer wundert sich über Arnesens und Finks Zuversicht: „Ich finde Optimismus gut, aber beim HSV haben sie etwas zu viel davon.“ Hrubesch sieht bei Arnesen und Fink keine Idee von Fußball, keinen eigenen Stil. Barbarez kritisiert vor allem Arnesen, dessen Job er gern hätte: „Er sagt immer, sie hatten im Sommer kein Geld für neue Spieler. Aber sie haben doch zehn Millionen ausgegeben!“
Und dann darf der ehemalige Trainer Kurt Jara auch noch etwas sagen. Ohne Spuren zu hinterlassen, coachte er den HSV von 2001 bis 2003. Jara also erinnert sich: „Wir hatten damals einen Hollerbach. Der war für den Abstiegskampf wie gemacht.“ Dass der gelernte Metzger Hollerbach einmal zur Hamburger Sehnsuchtsfigur taugen würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Sein Fußball war roh und hässlich, seine Waffe die Einschüchterung. Der höfliche Nachfolger Dennis Aogo hingegen hat sich mit feinem Passspiel bis in die Nationalmannschaft befördert. Nur bringt das nichts, wenn er haarsträubende Ballverluste zulässt wie zuletzt in Wolfsburg.
Wer die drei Verantwortlichen in diesen Tagen trifft, stößt auf Ratlosigkeit. Keiner von ihnen hat geglaubt, dass der HSV nach dem 1:1 in Gladbach vor fünf Wochen noch so tief fallen würde, von Rang acht auf 16. Frank Arnesen, wie immer in hellblauem Hemd und dunkelblauem Sakko, sagt: „Wir haben alle zusammen den Fuß zu früh vom Gaspedal genommen.“
Der Weg zum Geschirrspüler soll zu weit gewesen sein
Der im Oktober vor Selbstvertrauen strotzende Fink tritt inzwischen mit schwarzumrandeten Augen und hängenden Schultern vor die Presse. Mehr als Durchhalteparolen fallen ihm nicht ein. Immerhin zieht er andere Saiten auf: Er lässt öfter trainieren. Er versetzt zwei Spieler in die zweite Mannschaft. Einer von ihnen ist der 19 Jahre alte Muhamed Besic - ein Talent, das in der bosnischen Nationalmannschaft spielt, im HSV-Internat in Ochsenzoll jedoch auch auffiel, weil er das benutzte Geschirr in den Mülleimer warf.
Ihm soll der Weg zum Geschirrspüler zu weit gewesen sein. Zuletzt schluderte Besic bei einer Laufeinheit, Fink wurde laut, beförderte ihn aus der Kabine. Besic hat keine Macht im Team. Der Fall zeigt, dass die Nerven blank liegen.
Der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow ist ein blasser Typ, kein Verkäufer wie Hoffmann. Aber er hat den Verein befriedet. Es gibt keine Fehden mehr zwischen Aufsichtsrat und Sportlicher Führung. Jarchow strich vor einem Jahr als Erstes den Etat zusammen: von 49 auf 39 Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr. Er musste das tun, denn der HSV hatte im Geschäftsjahr 2010/2011 ein Minus von fünf Millionen Euro erwirtschaftet. Der Klub muss sparen.
Stolz auf Hamburg? Das geht auch ohne HSV
„Wir wollen keine öffentliche Diskussion über veränderte Rahmenbedingungen in der zweiten Liga“, sagt Jarchow, „aber es ist völlig klar, dass wir dort reduzieren müssten.“ Auf etwa 29 Millionen Euro würde der Etat nach einem Abstieg sinken. Vor allem die geringeren Einnahmen aus dem Fernsehvertrag schmerzten.
Man spricht ja immer so gern von der Bedeutung eines Klubs „für die Region“. Es mag für einige Standorte gelten, dass das Selbstbewusstsein der Bewohner (auch) an die Spielklasse des örtlichen Klubs gebunden ist - in Bielefeld vielleicht, in Darmstadt oder Kaiserslautern. Das ist ein sogenannter weicher Faktor. Die Wirtschaftskraft eines Bundesligaklubs aber gilt als erheblicher harter Standortfaktor: Die Deutsche Fußball Liga stellte 2008 in einer Auftragsstudie fest, dass die 36 deutschen Profiklubs eine Wertschöpfung von fünf Milliarden Euro im Jahr erzeugen, so viel wie eine mittlere deutsche Großstadt.
Im reichen Hamburg aber fällt es kaum ins Gewicht, sollten mal ein Jahr lang nur 30.000 statt 50.000 Zuschauer ins Stadion gehen. Um auf die „schönste Stadt der Welt“ stolz zu sein, braucht hier kaum jemand einen erstklassigen HSV. Es ist eher Gleichmut, mit dem Hamburger dem drohenden Abstieg begegnen - es werden keine T-Shirts mit ermutigenden Aufschriften getragen, keine kämpferischen Fahnen aus den Fenstern gehängt. Eher herrscht eine protestantische Gelassenheit vor: „Wat mutt, dat mutt.“
Ein Tor tragen? Mancienne ist Chelsea-Spieler
Das Mitleid im Falle des Abstiegs hielte sich an anderen Standorten in Grenzen. Nicht nur in Bremen. Schadenfreude mag ein niederer Instinkt sein, für viele Fußballfreunde aber wäre der Niedergang des einzig verbliebenen Gründungsmitglieds der Bundesliga die Quittung für Jahre der Hochnäsigkeit, in denen der HSV sich besser machte, als er war.
Die ewige Referenzgröße ist der Europapokalsieg von 1983. Das ist zu lange her. Als etwas, worauf sie noch stolz sein können, bleibt den Anhängern heute nur die 49 Jahre andauernde Ligenzugehörigkeit. Eine beispiellose Rekordmarke im Profifußball. Ein Alleinstellungsmerkmal. Ob der englische Leihspieler Michael Mancienne das versteht?
Am Samstag in Kaiserslautern soll der Innenverteidiger die Kohlen aus dem Feuer holen. Vor ein paar Wochen weigerte er sich, im Training ein Tor zu tragen: „Ich bin ein Chelsea-Spieler, ich muss das nicht.“ Sein Kollege Jeffrey Bruma ist ebenfalls vom FC Chelsea ausgeliehen; der niederländische Nationalspieler sitzt hier nur auf der Bank. Vor einigen Tagen sagte er nach dem Training: „Wenn ich hier nicht spiele, kann ich mich auch weiterverleihen lassen.“
Eine Woche Nordsee - oder Relegation gegen Pauli?
Wegen solcher Einstellungen identifizieren sich die meisten Fans nur noch mit dem Verein, aber nicht mit dieser Mannschaft. Im Stadion singen sie: „Und wir sind das Urgestein.“ Sie pfeifen die Mannschaft nach 20 Minuten aus, wenn die Pässe im Nirwana landen.
In Hamburg weiß man nicht so genau, ob man sich die Relegation HSV gegen St.Pauli wünschen oder lieber eine Woche an die Nordsee fahren soll. Es würde ein sechstägiger Ausnahmezustand sein, denn die Rivalität der Fans geht über Frotzeleien am Arbeitsplatz hinaus. Bei beiden Derbys in der gemeinsamen Erstliga-Spielzeit 2010/2011 gab es erhebliche Randale. Für die ganz großen Pessimisten unter den HSV-Fans wäre die Millerntor-Elf allerdings eher ein Wunschgegner.
Denn ihr Schreckensszenario sieht so aus: Der HSV trifft in der Relegation auf Fortuna Düsseldorf. Maximilian Beister (bisher elf Zweitligatore für die Fortuna) schießt den HSV ins Unterhaus. Beister gehört dem HSV, er ist nur verliehen. Sein gerade bis 2016 verlängerter Vertrag gilt aber auch für die zweite Liga.
Der HSV ist wie Aston Villa : Es gibt keine Argumente fur Fussball der
gehobenen Klasse !
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 31.03.2012, 16:04 Uhr
Der HSV, wird im Falle eines Abstieges, es schwer haben.
Jörg Tiffert (Tiffy)
- 31.03.2012, 13:02 Uhr
Eigentlich war für diese Spielzeit...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 31.03.2012, 12:23 Uhr
"Letztes verbliebenes Gründungsmitglied" ?
Ben Schmeissing (bas0884)
- 31.03.2012, 11:45 Uhr