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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hamburger SV Am Über-Star scheiden sich die Geister

 ·  Ruud van Nistelrooy bewegt den HSV. Die Fans jubeln dem Niederländer zu, in der Mannschaft sorgt der Superstar auf Formsuche aber auch für Verstimmung. Tore im Europa-League-Viertelfinale in Lüttich (21.05 Uhr) könnten die Stimmung verbessern.

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Es kommt inzwischen darauf an, mit wem man sich über Ruud van Nistelrooy unterhält. Tunay Torun sollte man vielleicht nicht fragen, wenn man eine Lobeshymne hören will, Mladen Petric auch nicht. Im Team spricht man schon noch sehr respektvoll über den niederländischen Ausnahmestürmer, aber ein paar Zweifel haben sich dann doch eingenistet. Ob van Nistelrooy den Hamburger SV denn tatsächlich durch bloße Anwesenheit mitzieht und besser macht. Ob er denn den Trainingszustand hat, den man im Finale der Fußball-Bundesliga braucht. Und ob dieser 33 Jahre alte Stürmer denn wirklich der sympathische, pflegeleichte, hochprofessionelle Typ ist, für den man ihn hält.

An der einen oder anderen Stelle hat der extrem ehrgeizige Ruud van Nistelrooy schon durchblicken lassen, dass dieser HSV vielleicht doch etwas unter seinem Niveau ist. Wenn ein Anspiel nicht oder zu spät kommt, teilt er das dem Adressaten sehr laut und deutlich mit, wie etwa Trochowski beim 1:0 gegen die Hertha vor ein paar Wochen. Er zeigt auch, wo der Ball hin soll und signalisiert den Kollegen, wohin sie laufen sollen, obwohl er doch erst seit Januar beim HSV spielt – das ist alles in Ordnung für einen geborenen Führungsspieler. Es sorgt aber auch für Verstimmung. „Ich habe schon mit anderen großen Stürmern zusammengespielt, und ich weiß, wie ich mich bewegen muss“, sagte Sturmpartner Mladen Petric beleidigt.

Es nervt die eitlen Diven im HSV-Kader wie Guy Demel oder eben Petric, dass immer er den lautesten Applaus und die größten Schlagzeilen bekommt: ein Über-Star in einer Mannschaft mit lauter gefühlten Stars – das konnte nur gutgehen, wenn van Nistelrooy den HSV mit seinen Toren in die Champions League geschossen hätte oder ihn ins Finale der Europa League schießen würde und ihm deswegen alle Kollegen allein wegen der Erfolgsprämien zu Dank (und Loyalität) verpflichtet sind. Teil eins der Herkules-Aufgabe hat van Nistelrooy in einer immer schwächer werdenden Mannschaft verpasst, Teil zwei ist noch möglich: An diesem Donnerstag müssen van Nistelrooy und Kollegen das 2:1 aus dem Viertelfinalhinspiel der Europa League bei Standard Lüttich verteidigen.

Plötzlich doch ein paar Sonderrechte

Dass van Nistelrooy nicht buddhagleich durch Hamburg läuft, erfuhren die Kollegen nach der Zitterpartie in Anderlecht. Beim 3:4 Mitte März war der HSV eher glücklich weitergekommen, und in der Kabine gab es Redebedarf. Der 19 Jahre alte Angreifer Tunay Torun wollte van Nistelrooy etwas sagen, es wurde lauter, und van Nistelrooy schüttelte den jungen Kollegen kurz durch. Die Mannschaft nahm das als Signal auf, dass sich van Nistelrooy nur ungern etwas sagen lässt. Seine Zurechtweisung wurde aus Mannschaftskreisen gezielt in die Öffentlichkeit gebracht. Man sprach sich aus, alles wieder gut. Oder?

Die Gereiztheit des Weltstars beim formschwachen HSV nahm zu, als Trainer Bruno Labbadia ihn vor zehn Tagen beim 0:1 in Gladbach früh auswechselte. Genervt stapfte van Nistelrooy in die Kabine. Jedermann konnte sehen: Der scheinbar pflegeleichte Niederländer verlangt doch ein paar Sonderrechte. Labbadia rechtfertigte die Auswechslung ungeschickt, aber mit einem Kern an Wahrheit – es sei nun einmal so, dass sich van Nistelrooy nach seiner langen Verletzungszeit bei Real Madrid durch die Saison schleppen müsse. Am Ostersonntag gegen Hannover 96 wechselte sich van Nistelrooy dann sogar selbst aus, weil er mit einer Muskelverhärtung im Oberschenkel kein Risiko für das Lüttich-Spiel eingehen wollte. Das halbe Stadion pfiff, als er in der Kabine blieb: Hamburg verlangt den Star. Der Stadionsprecher erklärte den Tausch, beruhigte die Gemüter.

Neben dem Riesen schrumpft vor allem Petric

Es ist sicher nicht einfach, als unaustrainierter Spieler mit großem Namen in eine Mannschaft auf dem absteigenden Ast mit einem Trainer auf Bewährung zu kommen. Es ist ja auch nicht so, dass Ruud van Nistelrooy schlechte Spiele am laufenden Band zeigt – in Stuttgart verhalf er einem schwachen HSV zum Sieg, gegen Anderlecht und Lüttich traf er, seine Handlungsschnelligkeit im Strafraum ist einmalig. Doch neben dem holländischen Riesen schrumpfen Petric und Berg; vor allem Petric hat noch keine Form des Zusammenspiels mit van Nistelrooy gefunden. Guerrero dürfte kaum mehr die Gelegenheit bekommen.

Vielleicht wäre es fairer, Ruud van Nistelrooys Episode als Bundesligaspieler etwas später zu beurteilen, wenn es wieder besser läuft beim HSV, es womöglich einen neuen Trainer und neue Kollegen gibt. Er will ja zwei, drei Jahre bleiben. Vielleicht jubeln die Hamburger Fans dann auch nicht mehr, wenn er sich beim Warmmachen die Schuhe bindet.

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