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Hamburg Eine Menge Redebedarf beim HSV

20.08.2006 ·  Ausverkauf der Abwehr-Asse und Fehlstart in der Bundesliga: Nach dem dürftigen 2:2 bei Aufsteiger Energie Cottbus brodelt es beim mit Titelambitionen in die Saison gestarteten Hamburger SV bereits mächtig.

Von Frank Heike, Hamburg
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Es ist seit längerem die durchaus begründbare Management-Strategie des Hamburger SV, der Öffentlichkeit nicht mehr jeden Transfer für sich genommen zu erläutern, sondern sie eingebettet in das Große, Ganze zu betrachten, sprich: in den Plan des Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann, den HSV bis 2010 unter die besten 20 europäischen Fußballklubs zu führen.

Dieser Plan sieht vor, junge Profis günstig zu kaufen, sie weiterzuentwickeln und irgendwann mit Gewinn abzugeben. Das klingt gut und plausibel für einen Klub wie den Hamburger SV, dem auf dem Weg zurück zu alter Größe ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag in Höhe von 20 Millionen Euro behindert. Die Millionen-Verkäufe von Tomas Ujfalusi vor zwei Jahren und von Daniel van Buyten im Sommer paßten in diese Strategie, denn das glänzende Scouting von Sportchef Dietmar Beiersdorfer und seiner Abteilung sorgte stets für besten Ersatz und erwarb sich so einen Vertrauensvorschuß.

Ein Schritt zu viel?

Doch für manchen ist der jüngste Verkauf einer Stütze ein Schritt zu viel. Zudem gibt es jede Menge Redebedarf über den zum FC Chelsea veräußerten Khalid Boulahrouz. Am Freitag war bekanntgeworden, daß der HSV seinen holländischen Innenverteidiger und somit den zweiten Hauptdarsteller der besten Abwehr der vergangenen Serie verlieren würde. Boulahrouz soll dem HSV 13 Millionen Euro einbringen. Schon am Samstag flog er nach London zu abschließenden Untersuchungen. Während es in der Mannschaft vor und nach dem Spiel in Cottbus trotz der Abwehrsorgen erstaunlich zurückhaltende Reaktionen auf Boulahrouz' Weggang gab, mußten Hoffmann, Sportchef Beiersdorfer und Trainer Doll viele Worte bemühen, um den vierten Transfer einer Stammkraft des Vorjahres nach van Buyten, Barbarez und Beinlich zu erklären.

"Es gibt Gründe für den Verkauf, die nicht nur wirtschaftlicher Natur sind", sagte Beiersdorfer am Sonntag, "die erkennt man nur, wenn man näher dran ist. Wir haben es uns genau überlegt. Wir wissen, daß Boulahrouz bei aller Klasse kein einfacher Spieler und Charakter ist." Damit öffnete der Sportchef einem Verdacht Tür und Tor, der im Grunde ungeheuerlich ist: Boulahrouz könnte eine Verletzung vor dem Spiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Osasuna vorgetäuscht haben, um für einen möglichen Einsatz im Trikot des FC Chelsea nicht gesperrt zu sein. An diesem 9. August war Boulahrouz unmittelbar vor dem Spiel mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz getragen worden. Beiersdorfer sagte: "Das möchte ich ihm nie unterstellen. Ich weise diese Unterstellung auch zurück." Auf weitere Nachfragen zum damaligen Zustand des Knöchels des Spielers ging er nicht ein. Doch den Verdacht konnte Beiersdorfer nicht entkräften.

„Ein solches Angebot kriegt man nicht alle Tage“

Wie auch immer. Der HSV hat zwei Tage vor dem Rückspiel in Osasuna einen weiteren Führungsspieler verloren. So hatte Trainer Doll nicht nur mit dem mageren 2:2 in Cottbus zu kämpfen. Er sagte tapfer: "Ich war informiert, was die Gespräche mit Chelsea anbelangt. Ein solches Angebot kriegt man nicht alle Tage. Wir haben Daniel van Buytens Verlust durch Vincent Kompany aufgefangen, das wird uns auch bei Khalid Boulahrouz gelingen. Unsere Fans werden Verständnis dafür haben."

Wer der neue Mann für die Innenverteidigung sein wird, ist unklar, doch will der HSV schon in dieser Woche Ersatz präsentieren. Die Namen zweier möglicher Kandidaten dementierte Beiersdorfer am Sonntag: Es habe keine Gespräche mit Robert Huth gegeben, und auch der französische Nationalverteidiger Jean-Alain Boumsong werde nicht nach Hamburg kommen. Es bleibt also spannend, wen der Sportchef dieses Mal in der Kürze der Zeit aus dem Hut zaubert: sowohl van Buyten als auch Boulahrouz wechselten als weitgehend unbekannte Profis zum HSV. Nun hat er sie für zusammen 23 Millionen Euro verkauft. Der pekuniäre Teil der Strategie ist also aufgegangen. Wie der sportliche Part zu beurteilen ist, weiß man schon am Dienstag, um kurz vor Mitternacht etwas genauer.

Quelle: F.A.Z. vom 21. August 2006
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