Schon von weitem kann man ihn hören. Der Auspuff seines Sportwagens röhrt, als Gerald Asamoah auf den Parkplatz vor dem Stadion fährt. Eine schwarze Lederjacke, eine löchrige Jeans - so steigt er aus und gibt Autogramme. In der fränkischen Provinz ist dieser Mann ein kleiner Star, und trotzdem konnten im Winter viele nicht verstehen, dass einer wie er in die Zweite Fußball-Bundesliga zur Spielvereinigung Greuther Fürth wechselt. „Dieser Verein hat mich unglaublich gereizt. Seit Jahren kämpfen die Leute hier um den Aufstieg, aber sie schaffen es einfach nicht“, sagt der Dreiunddreißigjährige. „Was gibt es Schöneres, als wenn Asamoah plötzlich da ist - und auf einmal steigt Fürth in die Bundesliga auf. Das wäre eine tolle Geschichte, daran würde man sich erinnern.“ Asamoah denkt gern in fußballhistorischen Kategorien.
In Fürth hoffen die Verantwortlichen darauf, dass er recht behält. Sechs Mal hatte der Verein am letzten Spieltag einer Saison schon die theoretische Möglichkeit auf den Aufstieg - er nutzte keine davon. Inzwischen spielen sie hier mit dem Image des ständigen Scheiterns: „Die Unaufsteigbar-Tour“ steht in großen Lettern auf dem Mannschaftsbus der Fürther, genannt die „Kleeblätter“, damit reisen sie quer durch die Republik und beeindrucken reihenweise ihre Gegner. Die Chance, schon in wenigen Monaten zur Elite des deutschen Fußballs zu gehören, war nie größer als im Moment.
Tabellenführer nach 26 Spielen
Am Samstag gewann die Mannschaft bei 1860 München souverän 4:1, und so wird die Spielvereinigung Greuther Fürth auch nach dem 26. Spieltag Tabellenführer sein. „Wir müssen alle verstehen, dass wir eine Riesenchance haben“, sagt Asamoah. „Man darf die negativen Sachen nicht an sich ranlassen, wir müssen mit den Gefühl auf den Platz gehen, jedes Spiel gewinnen zu können.“ Asamoah, der ehemalige Nationalspieler, soll dabei eine Schlüsselrolle einnehmen und der jungen Mannschaft voller Talente mit seiner Erfahrung und seinen Qualitäten im Strafraum helfen. Vier Tore in vier Spielen hat er bisher für die Fürther erzielt.
Dabei war Asamoah zuletzt nicht mehr vermittelbar auf dem deutschen Markt. Nachdem er im vergangenen Jahr mit dem FC St. Pauli aus der Bundesliga abgestiegen war und sein Vertrag nicht verlängert wurde, wartete er vergeblich auf attraktive Angebote. Klubs aus der Türkei, aus China und den Vereinigten Staaten sollen angefragt haben, aber nichts davon entsprach seinen Vorstellungen. „Ich wollte nur zu einem Verein wechseln, bei dem ich hundertprozentig dahinterstehe“, sagt Asamoah. „Ich wollte nicht mehr jeden Mist mitmachen, das brauchte ich mir nicht mehr antun.“ Sieben Monate war er arbeitslos, er hat sich mit einem persönlichen Fitnesstrainer in Form gehalten, so gut es eben geht, und er hat ab und an am Niederrhein beim VfB Hüls in der fünften Liga mittrainiert. Seine Karriere aber wollte er noch nicht beenden: „Auch als ich zu Hause saß, keinen Verein hatte, da wusste ich immer: Du gehörst auf den Platz. Es ist sehr, sehr schwer für mich zu sagen, dass es vorbei ist.“
Mehr als 200 Euro für ein Ticket
Seit einigen Wochen herrscht Ausnahmezustand in Fürth. Der deutsche Meister Borussia Dortmund kommt an diesem Dienstag (20.30 Uhr/FAZ-Liveticker) zum Halbfinale im DFB-Pokal, so ein Spektakel hat die Stadt schon lange nicht mehr erlebt. Der Klub lässt Zusatztribünen aufstellen, trotzdem waren die 15.500 Tickets schnell vergriffen. Inzwischen werden im Internet mehr als 200 Euro geboten, um doch noch einen Platz im Stadion am Ronhof zu bekommen. „Als ich vor ein paar Monaten noch auf dem Sofa lag, hätte ich nie daran gedacht, dass ich noch einmal gegen Lüdenscheid spielen werde“, sagt Asamoah. Lüdenscheid - so nennt er Borussia Dortmund. Als ehemaliger Schalker kommt ihm der Name des Revierrivalen nicht über die Lippen.
In Gelsenkirchen hat Asamoah die schönsten Jahre seiner Karriere erlebt. Von 1999 bis 2010 lief er für die Königsblauen auf, dort wurde er zweimal Pokalsieger sogar dreimal Zweiter in der Bundesliga. „Schalke war der Verein, von dem ich nie wieder weg wollte. Schalke war alles für mich“, sagt er. „Aber dann hat es nicht mehr gereicht, um mitzuhalten - und dann musste ich einfach gehen.“ Geblieben ist das Gelsenkirchener Kennzeichen an seinem Auto, und auch seine Frau und die drei Kinder leben noch immer in Marl, fünfzehn Kilometer von der Schalker Arena entfernt. Asamoah pendelt zwischen diesen Welten. In Fürth ist er erst einmal in eine möblierte Wohnung gezogen, einmal in der Woche fährt er zu seiner Familie.
Der erste Schwarzafrikaner für Deutschland
So biegt Asamoah ein auf die Zielgerade seiner Karriere: „Ich war nie der große Techniker, ich habe nie zehn Übersteiger gemacht“, sagt er. „Aber jeder wusste: Asamoah kämpft. Diese Tugend habe ich von den Deutschen gelernt.“ Er war zwölf Jahre alt, als die Familie Ghana verließ und nach Hannover zog. Dort begann sein sportlicher Aufstieg, der zu einer großen Geschichte werden sollte. Im März 2001 lief Asamoah in der A-2-Nationalmannschaft erstmals für Deutschland auf, er war damit der erste Schwarzafrikaner, dem dies gelang.
Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea war er dabei und wurde Teil des Sommermärchens 2006, bei dem er als Diskjockey vor allem für die gute Laune in der Kabine zuständig war. Trotzdem wurde Asamoah immer wieder mit Rassismus konfrontiert. In Jena oder in Magdeburg wurde er beschimpft, in Cottbus schmissen die Zuschauer Bananen nach ihm, manche Gegenspieler beleidigten ihn auf dem Platz, eine Neonazi-Organisation verbreitete Poster und Hemden mit seinem Foto und der Parole: „Nein, Gerald, du bist nicht Deutschland.“ Asamoah sagt: „Es wird immer gewisse Idioten geben, die nie akzeptieren werden, dass ich einen deutschen Pass habe und ein Teil dieser Gesellschaft bin. Aber diesen Leuten darf man keine Achtung schenken.“ Seit Jahren engagiert er sich gegen Fremdenfeindlichkeit.
In Fürth schätzen sie ihn, Trainer Mike Büskens stand mit Asamoah bei Schalke 04 noch zusammen auf dem Platz. Asamoah nennt ihn liebevoll „Buyo“. „Wenn man sieht, wie er am Spielfeldrand abgeht, das ist unglaublich. Buyo kann es nicht ertragen, wenn die Spieler nicht alles für ihren Beruf und ihren Erfolg geben. So war er schon immer. Buyo lebt den Fußball“, sagt Asamoah. Und so etwas in der Art erzählen sie in Fürth auch über ihn: „Er will uns helfen, unseren großen Traum zu verwirklichen“, sagt Büskens. „Gerald brennt.“ Auch Manager Rachid Azzouzi ist voll des Lobes: „Er weiß, wie man mit Druck umgeht. Und am Saisonende wird es auf Kleinigkeiten ankommen.“ Eintracht Frankfurt, Fortuna Düsseldorf und der FC St. Pauli selten war der Aufstiegskampf in der zweiten Liga so hart. In so einer Situation zählen mitunter die einfachsten Primärtugenden: „Ich bin eine Sau auf dem Platz, ich versuche mit aller Macht, das Spiel zu gewinnen“, sagt Asamoah.
Defibrillator am Spielfeldrand
Doch er merkt inzwischen den Verschleiß an seinem Körper, zuletzt fehlte er zwei Wochen wegen eines Muskelfaserrisses. „Ich bin sehr muskulös, mein Spiel lebt von der Kraft. Da bleibt es nicht aus, dass ab und an Verletzungen auftreten“, sagt Asamoah. „Ich habe vieles verbraucht von meinem Körper in den ganzen Jahren. Man merkt, dass man älter ist.“ Dass er überhaupt so lange Fußball spielen würde, hatten im Sommer 1998 noch viele bezweifelt. Bei einem Training mit Hannover 96 erlitt Asamoah damals einen Schwindelanfall, wenig später brach er nach dem Spiel gegen St. Pauli zusammen. Die Ärzte stellten eine erblich bedingte Herzerkrankung fest und verordneten ein sofortiges Spielverbot. Doch nach drei Monaten stand er schon wieder auf dem Platz. Immer in der Nähe ist seitdem ein Defibrillator, zudem schluckt Asamoah ein Mal am Tag eine Tablette, um den Blutdruck zu senken. „Ich danke Gott, dass bisher alles gutgegangen ist“, sagt er.
Für die Zeit nach der Karriere hat Asamoah vorgesorgt. In Hamburg gehört ihm ein Café, in der ghanaischen Hauptstadt Accra ein Hotel: 26 Zimmer in bester Strandlage, die Einrichtung in Königsblau. Für Ablenkung abseits des Rasens ist also gesorgt. „Vielleicht kann ich schon nach dieser Saison nicht mehr weitermachen, wenn der Körper nicht mehr mitmacht“, sagt Asamoah. „Aber ich hoffe darauf, dass es weitergeht. Ich will immer kicken.“
Ich drücke ihm die Daumen gegen Dortmund
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 20.03.2012, 10:07 Uhr