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Veröffentlicht: 17.03.2013, 14:52 Uhr

Gladbachs Juan Arango Der Traumtorschütze

Juan Arangos linker Fuß ist wie eine „Waffe“. Die Gladbacher profitieren von seiner Kunst und reformieren um den Venezolaner herum ihr Offensivspiel. Es soll noch schneller und unberechenbarer werden.

von Richard Leipold, Mönchengladbach
© dapd Kurzer Gefühlsausbruch: Arango freut sich über einen seiner Treffer

Für Juan Arango sind Tore nicht einfach Tore. Er versteht die Art, einen Treffer zu erzielen, auch als Mittel, sich auf dem Fußballplatz auszudrücken, zu verwirklichen. „Entscheidend ist der Stil“, sagt der Flügelspieler von Borussia Mönchengladbach. Um das Attribut „schön“ zu verdienen, müsse ein Tor „technisch anspruchsvoll“ sein. Arango weiß, wovon er spricht. Er hat den Torschuss zur Kunstform erhoben. Auch deshalb gilt der 32 Jahre alte Venezolaner seit dem Weggang von Marco Reus als größte Attraktion im Spiel seiner Mannschaft; so etwa wenn er, wie gegen Mainz 05, aus vierundvierzig (!) Metern Entfernung das „Tor des Monats“ schießt.

Der rechte Fuß ist nur zum Autofahren da

Der Ästhet übt seine Kunst, die schon bei der Ballannahme beginnt, ausschließlich mit dem linken Fuß aus. „Den rechten nutze ich nur zum Autofahren“, sagt er. Ob Wucht gefordert ist oder Feingefühl, mit links stellt Arango manches an, was Mitstreiter und Gegner gleichermaßen in Erstaunen versetzt. „Sein linker Fuß ist eine Waffe, besonders bei Freistößen“, sagt der Gladbacher Trainer Lucien Favre, ein Mann, der nicht zu Übertreibungen neigt. Und Rainer Bonhof, früher selbst Freistoßspezialist, inzwischen Präsidiumsmitglied, vergleicht Arango wegen dessen Ballgefühl sogar mit dem berühmtesten aller Borussenspieler. „Ich habe hier keinen erlebt, der ein besseres Füßchen hatte als Juan“, sagt er. „Dieses Gefühl, dieser Touch, diese Genialität, das ist sogar besser als bei Günter Netzer.“

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Nicht zuletzt deshalb gehört Gladbach noch immer - oder inzwischen wieder - zu den Kandidaten für einen Platz im Europapokal. Auch ohne Leitungsträger wie Reus und Dante, die den Klub vor dieser Saison verlassen haben, bewegt sich die Mannschaft neun Runden vor Ultimo in Schlagdistanz zu den Plätzen vier bis sechs. An diesem Sonntag im Heimspiel gegen Hannover 96 (17.30 Uhr im Bundesliga-Liveticker bei FAZ.NET) und eine Woche später auswärts gegen den SC Freiburg bietet sich den Rheinländern die Chance, gegen zwei etwa gleich starke Mannschaften einem Ziel näher zu kommen, das die Verantwortlichen aus lauter Vorsicht nicht definiert, insgeheim aber wohl ins Auge gefasst haben.

In dieser Saison hat Gladbach zum ersten Mal nach sechzehn Jahren wieder an einem Europacup-Wettbewerb teilgenommen. Arango würde diese für ihn neue Erfahrung in der nächsten Saison gerne vertiefen. Im Gegensatz zu anderen im Klub spricht er solche Ambitionen offen aus - wenn er mal etwas sagt. „Unser Ziel sollte es sein, wieder die Europa League zu erreichen.“ Ein Verein wie Gladbach müsse „dauerhaft oben stehen in der Tabelle“, so wie einst, als Netzer und Bonhof noch gespielt haben.

Hamburger SV - Borussia Mönchengladbach © dpa Vergrößern „Sein linker Fuß ist eine Waffe“, sagt Trainer Lucien Favre - der nicht zu Übertreibungen neigt

Sonst redet Arango nicht besonders viel. Sein Beitrag zum Unterhaltungsgeschäft Fußball beschränkt sich darauf, dem Publikum mit ballistischen Meisterleistungen magische Momente zu bereiten oder seine Mitspieler in Szene zu setzen. Seine Torkunst steht für sich und bedarf in Arangos Augen keiner weiteren Erklärung durch den Künstler selbst. Das liegt nicht nur an der deutschen Sprache, die er für kompliziert hält, sondern auch an seinem Naturell. Angeblich hat Arangos Vater einmal gesagt, dem schweigsamen Juan müsse man die Wörter mit der Zange aus dem Mund ziehen. Aber auch ohne viele Worte zu machen, genießt Arango in der Mannschaft dank seines Könnens einen hohen Stellenwert. Wenn er sich auf nonverbale Art an seine Arbeitskollegen wendet, verstehen sie meist sofort, was sie zu tun oder zu lassen haben. „Er arbeitet viel mit Gestik und Mimik“, sagt der Gladbacher Sportdirektor Max Eberl.

Arango blieb, als andere gingen

Wenn es etwa darum geht, einen Freistoß auszuführen, schleichen zuweilen auch andere Interessenten um den Ball herum, aber niemand würde es wagen, Arango zuvorzukommen. Dessen Körpersprache genügt, um sein Vorrecht geltend zu machen. „Wenn er schießen will, dann merkt man das schon“, sagt Eberl. Aber auch wenn Arango ein Lob äußern will, braucht er dafür nicht groß den Mund aufzumachen. Stattdessen hebt er den Daumen und lässt kurz den Mundwinkel nach oben zucken. Das heißt dann ungefähr so viel wie: Gut gemacht. Weiter so!

Eine Weile will der Traumtorschütze sich noch in den Dienst der Borussen stellen. Eberl wertete es als „schönes Zeichen“, dass Arango seinen Vertrag im vergangenen Jahr bis Juni 2014 verlängert hat, als andere Leistungsträger dem Verein den Rücken kehrten und lieber nach München, Dortmund oder Schalke gingen.

„Hurrikan der Karibik“

Für die nächste Saison plant Favre eine Reform des Gladbacher Offensivspiels. Es soll schneller, anspruchsvoller, unberechenbarer werden. Stürmern wie Igor de Camargo (derzeit ausgeliehen) oder Mike Hanke, die jünger sind als Arango, traut der Trainer nicht zu, den neuen Weg mitzugehen; sie werden ausgetauscht. Arangos Kunst dagegen gilt im Gladbacher Fußballbetrieb weiterhin als unverzichtbar. „Er ist schwer zu ersetzen“, sagt Favre.

Also wird der Nationalspieler erst einmal weitermachen wie bisher, ehe er seine Karriere (voraussichtlich) in seiner Heimat beschließt, wo ihn die Fans als Volkshelden, als „Hurrikan der Karibik“ verehren und zum besten Spieler in der Fußballgeschichte des Landes gewählt haben. Die Gladbacher können also weiter staunen über Tore, die der Schweiger nach den Regeln der Kunst schießt - und manchmal auch über solche, die er nicht schießt. „Die einfachen Tore sind für mich schwierig, die schwierigen einfach“, sagt Arango.

Quelle: F.A.S.

 

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