22.03.2010 · Fahnenstangen als Schlagstöcke für Vermummte, Sturm auf den Stadion-Innenraum: Darauf sind die „Kuttenfans“ nicht gekommen. Während ihre Welt verschwindet, tritt eine unübersichtliche und unberechenbare Szene auf den Plan.
Von Michael Horeni, BerlinUwe Zühlsdorf sitzt beim Berliner Fußballfilmfestival „11mm“ auf dem Podium, es geht um Homosexualität im Fußball. Zühlsdorf trägt ein hellblaues Poloshirt, vorn steht Uwe drauf und hinten www.Hertha-Junxx.de. Es ist die Internetadresse des ersten schwul-lesbischen Fanklubs der Bundesliga, Zühlsdorf ist der Schatzmeister. Vor der Diskussion ist im Kinosaal die Reportage „Tabubruch – der neue Weg von Homosexualität im Fußball“ gelaufen. Autor Aljoscha Pause hat dafür den Grimme-Preis erhalten.
Bevor die Runde zum eigentlichen Thema kommt und damit auch zum Schiedsrichterskandal und dem im Bundesliga-Praxistest noch immer unaussprechlichen Wort Homosexualität, versichert die Runde dem Hertha-Fan nach dem Absturz seines Klubs und den Ausschreitungen vom vorvergangenen Samstag ihr sportliches Beileid. Man kann sagen, dass die großen Diskussionen, die den deutschen Fußball derzeit begleiten und bedrücken, bei Zühlsdorf und seinen Hertha-Junxx in diesen Tagen auf eigentümliche Art und Weise zusammenfallen: die selten gelebte Homosexualität im Fußball und die ausgelebte Gewalt im Stadion.
Zühlsdorf hat sich auch erst im letzten Jahr in seinem Klub geoutet. Ein paar Freunde in seinem Verein wussten es zwar schon vorher, aber bei einer Feier wollte er sich dann vor niemandem mehr verstecken. Zühlsdorf ist Spielertrainer und sein Klub spielt weit unten im deutschen Fußball. Die Reaktionen aber waren durchweg positiv, sagt er. Es hat ihn selbst überrascht.
Organisiertes Gewalt-Event und Fußball-Spontaneität
Auch wegen dieser Erfahrung glaubt Zühlsdorf, dass die Schiedsrichterdiskussion um Amerell und Kempter den Trend zur Offenheit beim Thema Homosexualität „bremsen, aber nicht stoppen wird“. Den Fall Amerell sieht er ohne große Leidenschaft, kein Vergleich jedenfalls zu den Krawallen bei der Hertha. „Das gehört nicht zum Fußball, das darf nicht sein. Das waren Chaoten“, sagt Zühlsdorf empört, „das darf nicht passieren, egal wie es um den Verein steht.“ Er klingt ein wenig ratlos, wie so viele.
Professor Gunter Pilz ist der wohl renommierteste Fanforscher des Landes, aber auch er findet für die Fans, die das Herz des Olympiastadions in Besitz nahmen, keinen Namen. Er sieht darin nicht weniger als eine „neue Dimension“, auch wenn die Bilder bedrohlicher wirkten als der Schaden, der tatsächlich angerichtet wurde: Die Ersatzbank ging zu Bruch, Verletzte gab es keine. Einen Teil der Anhänger vergleicht Pilz mit dem „schwarzen Block“, wie man ihn ansonsten von Castor-Transporten, Gipfelkonferenz-Ausschreitungen oder anderen politischen Demonstrationen kennt. Es geht dabei um jene Fans, die sich vor dem Sturm ganz abgebrüht vermummten und sofort Stangen und Latten zur Hand hatten. Gleichzeitig sieht Pilz auch eine spontane Reaktion aus dem Spielverlauf mit dem Treffer in der Nachspielzeit, der den Fans den Boden unter den Füßen entzog. „Platzstürme hat es immer gegeben“, sagt Pilz. Er kann die „neue Dimension“ noch nicht exakt fassen und auf den Begriff bringen, jene Mischung aus organisiertem Gewalt-Event und Fußball-Spontaneität, die Verbindung von „Emotionalität und eigenen Gewaltbedürfnissen“.
Eine Gewalt, die keine Schlagzeilen macht
Zühlsdorf hat die Ausschreitungen von über hundert Berliner Anhängern nach dem 1:2 gegen Nürnberg aus der Nähe beobachtet, vom Oberring 21.1. Dort bringt der Fanklub auch sein Banner an („Fußball ist alles – auch schwul“). Außer wenn es türkische Fans wie von Galatasaray abhängen, weil ihnen die ganze Schwulengeschichte nicht passt. Von den Hertha-Fans im Block werden die Hertha-Junxx seit Jahren mit Handschlag begrüßt, die Akzeptanz sei ständig gewachsen, auch bei anderen Bundesligaklubs.
In der kommenden Saison jedoch, wenn Hertha in der zweiten Liga wieder bei Energie Cottbus spielen sollte, da will Zühlsdorf das Bekenntnis seines Fanklubs lieber zu Hause lassen. In Cottbus bekomme man doch schon allein mit dem Hertha-Schal was aufs Maul, sagt er. Als schwuler Hertha-Fan muss man sich da nicht auch noch zu erkennen geben. Eine Gewalt, die keine Schlagzeilen macht, damit bekommt es Zühlsdorf im deutschen Fußball selbst noch zu tun.
Die Kuttenwelt verschwindet
Zühlsdorf ist in seiner Kurve das, was man einen klassischen Fußballfan nennt. Er liebt seinen Klub und leidet, wenn es ihm schlechtgeht. Früher hat man Fans wie Zühlsdorf nach dem Abstieg oder einer verpassten Meisterschaft im Fernsehen gesehen, ob nun in Nürnberg oder Schalke, Kaiserslautern oder Köln. Sie standen da mit verweinten Augen, suchten Halt bei ihrem Nachbarn, aber meistens klappte das nicht und dann weinten sie zusammen. Auf die Idee, die Fahnen von den Stangen zu reißen, die Stangen als Schlagstöcke zu benutzen und den Innenraum des Stadions zu stürmen, darauf kamen diese Anhänger nicht.
Solche Fans nennt Pilz „Kuttenfans“, und wenn er nicht Professor am Institut für Sportwissenschaft in Hannover wäre, könnte man ihm eine gewisse Wehmut beim Blick auf die alte Kuttenwelt unterstellen. „Der Verein ist ihre Identität. Eine Niederlage des Vereins ist ihre Niederlage. Bei einem Abstieg bricht auch ihre Welt zusammen.“ Diese Welt verschwindet.
Pilz hat im Jahr 2008 auch dem Sportausschuss des Bundestags tiefere Einblicke ins Fußballleben verschafft, in die Welt der Ultras, Hooltras und Hooligans. Um zu verstehen, was das Unberechenbare der neuen Entwicklung ausmacht, muss man die bisherige Einteilung der Fanszene kennen.
Fließende Übergänge
Hooligans sind die gewaltbereiten Anhänger, mit Verbindung zum Fußball – sozusagen die Väter der Gewalt in und um die Stadien. Die Ultras sind jene jüngere Gruppe, die mit ihren Choreographien in den neuen Arenen für einen stimmungsvollen Rahmen sorgt, sich als eigenständige Kraft im kommerziellen Fußballbetrieb sieht und Gewalt ablehnt. Die Hooltras, den Begriff hat Pilz im Jahr 2006 geprägt, sind eine Mischung sowohl aus choreographieorientierten als auch gewaltbereiten Fans mit Fußball-Hintergrund. Die Übergänge sind fließend. Pilz glaubt nun, dass die Unterscheidung zwischen Ultras und Hooltras vielleicht nicht mehr haltbar ist. Denn ein Teil der Berliner Anhänger habe sich im Olympiastadion wie Gewalttouristen verhalten, ohne jeden Anknüpfungspunkt zur Ultrabewegung. Mit anderen Worten: Eine neue Bewegung entsteht.
Michael Gabriel ist der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, und was in Berlin passierte, das hat ihn in seiner Einschätzung über die Entwicklung der Fanszene nur bestätigt. Allerdings auf verstörende Weise. „Die Ultras sind die Antwort auf die Modernisierung und Kommerzialisierung des Fußballs“, sagt Gabriel. „Sie kennzeichnet ein zunehmend instrumentelles Verhältnis zum Fußball, mit Distanz und immer weniger Respekt gegenüber dem Spiel und damit auch gegenüber den Spielern.“
Das Verhalten der Anhänger aus der Berliner Kurve passt für ihn genau zu dieser Entwicklung, ein neuer Höhepunkt und ein weiteres Zeichen für die eigene Überhöhung. Wenn bei den Anhängern ein echtes Interesse am Spiel vorhanden gewesen wäre, dann hätte es zu den Ausschreitungen nicht kommen dürfen, so Gabriel. „Denn die Hertha hat lange ein gutes Spiel gemacht.“
In Berlin sind sie einen Schritt weitergegangen
Am Ende jedoch hätten sich die Platzstürmer allein am fehlenden Erfolg ausgerichtet – und das Ergebnis in ihrem Sinne „instrumentalisiert“, sagt Gabriel. „Dass Spieler angegriffen werden, ist im Handlungsrepertoire mittlerweile vorhanden. Das gilt zwar nur für einen kleinen Teil, aber die Gruppen werden stärker.“ Und die traditionellen Ultras leisteten „bisher keinen nennenswerten Widerstand“. Darauf komme es jedoch entscheidend an.
Aber wo soll der Widerstand aus der Kurve herkommen? In dieser Saison haben Frankfurter Ultras das Fanprojekt des Karlsruher SC überfallen. Die Aufarbeitung des Falls empfindet Gabriel als symptomatisch. Halbherziges Bedauern – verbunden mit der inneren Überzeugung, dass es schon in Ordnung sei, wenn Ultras andere Ultras überfielen. Das sei die problematische Haltung. Es geht bei alledem um Macht, sagt Pilz, und die Machtverschiebung im Fußball in Richtung Kurve hält er für unübersehbar. „Wer sich wie die Ultras als Hauptakteur begreift, der reagiert nicht weinerlich, sondern fühlt sich berufen, der Mannschaft zu zeigen, dass es so nicht geht. Der Hauptakteur übernimmt bis zum Schluss die Entscheidung.“ In Bochum haben die Ultras noch gebrüllt: „Zerreißt euch – bevor wir es tun.“ In Stuttgart drohten sie den Spielern mit der Geste des Halsabschneidens. In Berlin sind sie einen Schritt weitergegangen.
Die Vereine suchen zu wenig direkte Kommunikation
Was tun? In Hannover hat es zuletzt ein Beispiel gegeben, das die Fanexperten als einen Anfang sehen. Nach einer der vielen Niederlagen pfiffen die Fans die Mannschaft von Mirko Slomka aus. Die Fans und der Trainer setzten sich danach zusammen. Slomka sagte, dass er von Fans eigentlich erwarte, dass sie die Mannschaft in schwieriger Lage unterstützten – und versprach auf der anderen Seite, dass er alles dafür tue, dass die Spieler alles geben. Und er natürlich auch.
Das nächste Spiel in Wolfsburg ging wieder daneben, aber die Fans feierten ihre Spieler trotzdem. So könnte es gehen, sagen die Fanexperten. Ideal wäre es, wenn die Initiative vom Verein ausginge und man kontinuierlich im Gespräch sei. Bisher jedoch suchten die meisten Vereine noch immer zu wenig direkte Kommunikation – weil der Leidensdruck fehle und die Ultras ebenso instrumental als reiner Stimmungsfaktor im Stadion betrachtet würden.
Mehr Warnung als Trost
Die ersten Reaktionen aber dürften andere sein, eher Repression als Kommunikation. „Der Ordnungsdienst war wohl etwas eingelullt“, sagt Pilz auch angesichts der jahrelangen und nun empfindlich gestörten Ruhe in deutschen Bundesligastadien. „Das wird sich schnell ändern.“ Auch die bisherigen Privilegien für Ultras, die von diesen aber nicht als solche empfunden würden – etwa früher Zugang ins Stadion, Erlaubnis für lange Fahnenstangen entgegen der Stadionordnung, Lagerräume –, könnten nun eingeschränkt werden.
Die Polizeigewerkschaft hat sich auch schon zu Wort gemeldet: Ihr Vorsitzender Rainer Wendt fordert Geisterspiele, grundsätzlich auch das Verbot von Stehplätzen. Wendt stößt damit beim DFB und den Fanexperten einhellig auf Ablehnung. „Das ist kein Problem, das die Polizei lösen kann. Wohin es führt, wenn man den Wendts dieser Welt folgt, zeigt der Blick nach Italien“, sagt Gabriel. Dort haben die Ultras längst eine unvergleichlich größere und für den Fußball zerstörerische Kraft als in Deutschland. Ein Trost ist das nicht. Es ist eine Warnung.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |