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Gewalt auf dem Spielfeld „Wir haben eine Wahnsinnswelle losgetreten“

03.11.2006 ·  Im Fußballkreis Siegen ist es nicht leicht, Schiedsrichter zu sein. Regelmäßig werden die Referees beleidigt und körperlich attackiert. Spielleiter Böcking erklärt in der F.A.Z., warum er aus Protest einen kompletten Spieltag absagte.

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Jürgen Böcking ist seit über 20 Jahren Spielleiter des Fußball-Kreises Siegen-Wittgenstein. Seit seiner Absage des kompletten Spieltages am vergangenen Wochenende ist der Verwaltungsangestellte aus dem Städtchen Kreuztal ein gefragter Mann.

Vor einer Woche gingen Sie mit der Entscheidung an die Öffentlichkeit, den kompletten Fußball-Spieltag im Siegener Land abzusetzen, um auf das Gewaltproblem aufmerksam zu machen. Waren Sie von der Medienresonanz überrascht?

Absolut. Wir haben eine Wahnsinnswelle losgetreten. Selbst Innenminister Schäuble hat sich geäußert, vorgestern hat DFB-Präsident Zwanziger bei mir angerufen. Ich habe viele Interviews geführt, Hunderte von Anrufen und E-Mails bekommen. Das Echo war gewaltig.

Video: DFB gegen Kampf gegen Rassismus und Gewalt

Wollten Sie das?

Eigentlich nicht. Ich bin ein bißchen erschrocken. Es ist merkwürdig, wenn plötzlich Kamerateams im eigenen Garten stehen.

Was wollten Sie dann?

Wir, also der Kreisvorstand des Fußball-Kreises Siegen-Wittgenstein, wollten ein Zeichen setzen, daß es so nicht mehr bei uns weitergeht. Wir wollten den Leuten sagen: Schaut her, wir haben Sonntag, schönes Wetter und die schönsten Fußballplätze - aber wir können nicht spielen, weil wir keine Schiedsrichter mehr haben. Die haben keine Lust mehr zu pfeifen, die haben Angst. Zufällig fiel unsere Entscheidung mit anderen, schlimmeren Vorkommnissen in ganz Deutschland zusammen, wie der Spielabbruch bei den Stuttgarter Kickers oder Zuschauerausschreitungen in Berlin. Deshalb hat das in den Medien so eine Eigendynamik bekommen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entscheidung?

Positiv, absolut positiv. Mit so viel Zustimmung hatte ich nie gerechnet.

Haben Sie nicht das Gefühl, die Öffentlichkeit bekommt ein verzerrtes Bild von dem, was in Ihrem Kreis wirklich los ist?

Natürlich wird das nun auch dramatisiert. Aber bei uns ist das Ganze so eskaliert, daß wir irgend etwas tun mußten. In den letzten Wochen sind mehrere Schiedsrichter krankenhausreif geschlagen worden. Der Auslöser für die Absage des Spieltags war, daß ein Schiedsrichter die Linienrichterfahne in den Unterleib gestoßen bekam. Er mußte sich wegen einer Hodenquetschung im Krankenhaus behandeln lassen. Ich bin seit 20 Jahren Spielleiter, aber so schlimm war es noch nie.

Seit wann nimmt die Gewalt zu?

Seit diesem Sommer.

Können Sie sich das erklären?

Nein.

DFB-Präsident Zwanziger hat Ihren Fall nach der Krisensitzung vom Dienstag so dargestellt, daß die Probleme bei Ihnen im wesentlichen von zwei Vereinen ausgingen.

Es gibt tatsächlich zwei Vereine, zwei ethnische Vereine, mit denen wir immer wieder Probleme haben. Aber Gewaltvorfälle gab es auch bei anderen Vereinen.

Halten Sie die Eskalation im Siegener Land für ein lokales Phänomen?

Nein. Wo man auch hinkommt, man hört überall das Gleiche: Die Hemmschwelle sinkt, die Gewaltbereitschaft nimmt zu.

Hat man das Problem vernachlässigt?

Ich meine schon, daß sich der DFB und die untergeordneten Verbände zu wenig darum gekümmert haben. Deutschland fährt immer noch mit dem WM-Sonderzug durch die Gegend. Natürlich, die WM war toll. Aber was sich Sonntag für Sonntag auf den Plätzen abspielt, will man nicht wahrnehmen. Manche Funktionäre haben seit Jahren kein Spiel mehr auf einem Aschenplatz gesehen. Damit, daß man sich in einem schönen Stadion in den VIP-Raum setzt und es sich gutgehen läßt, löst man das Problem jedenfalls nicht.

Zurück zum Siegener Kreis. Hat Ihr Problem etwas mit Rassismus zu tun?

Überhaupt nicht. Wie gesagt, die Gewalt geht ja eher von den ethnischen Vereinen aus, das sind für mich Beispiele für eine gescheiterte Integration. Der DFB und seine Sportgerichte tun sich schwer, dagegen entschieden vorzugehen, weil man ja gleich in den Verdacht gerät, ausländerfeindlich zu sein. Aber damit hat das nichts zu tun. Man muß doch das Problem beim Namen nennen. Vor einigen Jahren gab es bei uns einen albanischen Verein, mit dem es immer Probleme gab. Da haben sich dann viele Mannschaften geweigert, gegen ihn anzutreten, sie haben ihm lieber die Punkte überlassen. Der Verein ist dadurch bis in die Bezirksliga aufgestiegen.

Die Fragen stellte Gerd Schneider.

Quelle: F.A.Z. vom 3. November 2006
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