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Gasprom-Einstieg bei Schalke Russen wecken Hoffnungen - und machen angst

09.10.2006 ·  Schalke 04 braucht Geld. Eine kräftige Finanzspritze durch Gasprom scheint gesichert, vielleicht sogar schon zu Beginn des neuen Jahres. Konkurrent Borussia Dortmund verschmähte einst das russischen Energie-Unternehmen als Sponsor. Warum?

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Deutscher Meister war der FC Schalke 04 seit fast einem halben Jahrhundert nicht mehr - auf dem Fußballplatz. Für Superlative ist der Traditionsklub aus dem Ruhrgebiet aber jederzeit gut. Schalke hat nicht nur den höchsten Schuldenstand aller deutschen Vereine, die Westfalen haben auch den vermutlich größten Sponsorenvertrag in der Geschichte der Bundesliga abgeschlossen.

Der russische Energiekonzern Gasprom soll dem FC Schalke, verteilt auf fünf Jahre, maximal 125 Millionen Euro zuwenden. In dieser (Geld)-Liga spielt hierzulande allein der FC Bayern München. Der Marktführer im kickenden Gewerbe erhält von der Deutschen Telekom rund 20 Millionen Euro pro Saison. Nach Informationen dieser Zeitung liegen die Zuwendungen an den FC Schalke, abhängig vom sportlichen Erfolg, zwischen 70 und 125 Millionen.

Einstieg schon zum 1. Januar?

Offiziell hat der Revierklub den Abschluß noch nicht bestätigt. Die förmliche Bekanntgabe des Geschäfts ist einem Auftritt an diesem Dienstag beim „Petersburger Dialog“ in Dresden vorbehalten. Wenn alle Wünsche der Vertragspartner in Erfüllung gehen, sitzt der russische Präsident Wladimir Putin mit am Tisch, wenn die Vorstände von Gasprom und Schalke den Vertrag ratifizieren. Putin vertritt den Mehrheitsaktionär des Energie-Unternehmens. Der russische Staat hält fünfzig Prozent und eine Aktie an Gasprom.

Die wirtschaftliche Lage des FC Schalke, der mit insgesamt 255 Millionen Euro verschuldet ist, dürfte sich gerade mit Blick auf die Liquidität deutlich verbessern, möglicherweise noch in dieser Saison. Wie ein Insider berichtet, verhandelt der Klub mit dem aktuellen Hauptsponsor Victoria über eine vorzeitige Auflösung des aktuellen Vertrages, der bis 30. Juni des kommenden Jahres geschlossen ist. Die Versicherung sei nicht abgeneigt, als Trikotsponsor vorzeitig auszusteigen. In jedem Falle werde Victoria ein herausgehobener Partner des FC Schalke bleiben, teilte das Düsseldorfer Unternehmen mit. Wenn es zu der Einigung mit Victoria kommt, die sich abzeichnet, kann Gasprom schon zum 1. Januar 2007 wichtigster Werbepartner des Reviervereins werden.

„Ein sehr guter Vertrag“

Ein Vorziehen des Vertragsbeginns wiederum könnte Schalke 04 in der Winterpause auf dem Transfermarkt Möglichkeiten eröffnen, die im Sommer nicht bestanden haben. Vor der Saison fehlten dem Verein die Mittel für größere Transfers. Schalke soll schon länger Ausschau nach einem profilierten Innenverteidiger halten. Cheftrainer Mirko Slomka kommentierte die bevorstehende Partnerschaft am Sonntag zurückhaltend. „Wenn es zum Abschluß kommt, ist das ein sehr guter Vertrag.“ Es gebe aber keinen Grund, die zuletzt wenig überzeugende Mannschaft kurzfristig zu verändern. „Wir sind zufrieden mit der Mannschaft, die wir haben. Im Winter müssen wir nur dann etwas verändern, wenn außergewöhnliche Dinge wie Verletzungen passieren.“

Als außergewöhnlich gilt die Zusammenarbeit mit Gasprom schon wegen der hohen Dotierung des leistungsbezogenen Vertrages. Skeptiker halten die Verbindung sogar für riskant, weil russischen Unternehmen mitunter ein rabiates Geschäftsgebaren nachgesagt wird (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Die Russen kommen!).

„Gasprom ante Portas“

Vor etwa einem Jahr hatte Gasprom auch eine Zusammenarbeit mit Schalker Erzrivalen Borussia Dortmund in Betracht gezogen. Aus Wirtschaftskreisen wie von einem hochrangigen Politiker sei ein Gesprächsangebot der Russen an ihn herangetragen worden, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Er habe mit Gasprom jedoch keinen Kontakt aufgenommen. "Diese Lösung wäre verlockend gewesen. Aber ich habe sie mit Blick auf unser unternehmerisches Gesamtbild als nicht so positiv angesehen. Ich wollte keine Schlagzeilen wie: Gasprom ante Portas." Rein wirtschaftlich betrachtet, hält Watzke den Coup des Konkurrenten jedoch für "sehr sinnvoll". Es sei gut für die Bundesliga, "wenn Schalke finanziell alles im Griff hat, darüber freuen auch wir uns".

Die Machtübernahme des russischen Ölmilliardärs Roman Abramowitsch beim englischen Premier-League-Klub FC Chelsea London mag allerlei Phantasien wecken, bei Schalke hält sich die Angst vor den Russen in Grenzen, auch an der Basis. „Wenn es ein reines Sponsoring ist, haben wir ein Bombengeschäft gemacht“, sagt Rolf Rojek, Vorsitzender des Fanklub-Dachverbandes und Mitglied im Aufsichtsrat des FC Schalke. Er schätzt die Zustimmung der Anhänger auf neunzig Prozent. Viele Fans gründeten „eine ganze Bandbreite von Hoffnungen“ auf den neuen Sponsorenvertrag, wenn er geschlossen wird, von niedrigeren Bratwurstpreisen bis hin zum Kauf neuer Spieler.

Lieber Hintertür als Haupteingang

Die meisten rechneten aber auch damit, daß die Schalker Führungskräfte vorsichtig mit dem Geld umgingen. Nach Rojeks Einschätzung stehen „nur etwa zehn Prozent der Fans“ dem Einstieg der Russen skeptisch gegenüber, „weil sie vielleicht Angst haben, daß der Verein verkauft wird“. Formaljuristisch erscheint diese Sorge aufgrund des deutschen Vereinsrechts unbegründet. Schalke ist keine Kapitalgesellschaft, sondern ein eingetragener Verein, der nicht ohne weiteres übernommen werden kann wie etwa ein börsennotiertes Unternehmen.

Dennoch gibt es warnende Stimmen aus der Fußballbranche. „Ein Hauptsponsor hat praktisch immer die Möglichkeit, Einfluß auszuüben“, sagt ein Bundesliga-Manager. „Je größer die Summen sind, desto größer die Gefahr der Einflußnahme.“ Hinzu komme die Mentalität russischer Geschäftsleute. „Die kommen immer durch die Hintertür, niemals durch den Haupteingang.“

Quelle: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 34
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