11.12.2009 · Liebe hat ihre Schattenseiten: Auch das Verhältnis zwischen Fans und Verein kennt Eifersucht. Wenn es in der Beziehung zwischen Fans und Vereinen kriselt, ist deshalb Fingerspitzengefühl statt Ausgrenzung gefragt.
Von Daniel MeurenAm Mittwochabend war die in die Brüche gegangene Beziehung schnell wieder gekittet. Die VfB-Fans feierten die drei Tore beim 3:1-Sieg gegen Unirea Urziceni und den Einzug ihrer Mannschaft ins Achtelfinale der Champions League. Der Liebesentzug für die zuletzt so leidenschaftslos agierenden Spieler ihres Klubs war beendet. Die Cannstatter Kurve, wo die sangesfreudigen Stehplatzfans des VfB beheimatet sind, tanzte und hüpfte wieder. Kein Vergleich zu den Geschehnissen vom vergangenen Samstag, als Fans die Ausfahrten des Stadions blockierten und Markus Babbel nach seiner Entlassung in seiner Abschiedsrede davon sprach, dass „selbst die sogenannten Fußballmillionäre es nicht verdient haben, dass man ihnen Mordgesten entgegenbringt“. Die wochenlange Liaison der Mannschaft mit dem Misserfolg scheint verziehen - bis zum nächsten Seitensprung?
Für Peter Schüngel vom Dortmunder Institut für Fußball und Gesellschaft ist es ein treffender Vergleich: das Verhältnis zwischen Fans und Mannschaft und die Beziehung zwischen zwei Menschen. „Gerade der Ultra empfindet eine tiefe Liebe zum Verein“, sagt der Wissenschaftler über seine Erkenntnisse aus der intensiven Beschäftigung mit der Gruppe der leidenschaftlichsten, meist sehr jungen Fans, die in der Kurve für die Stimmung sorgen und ihre Teams zu jedem Auswärtsspiel bis in den entlegensten Winkel der Republik oder Europas begleiten. „Solche Liebe hat aber eben auch ihre Schattenseiten, wenn sie enttäuscht wird. Dann handeln Fans schon mal aus Eifersucht und protestieren gegen die fehlende Leidenschaft der Mannschaft, des anderen Teils der Liebesbeziehung.“
Dann kann es, wie in Stuttgart, zur Beziehungskrise kommen - erst recht, wenn auch noch der Paartherapeut fehlt. „Es spielt sicherlich eine gewisse Rolle, dass es in Stuttgart kein Fanprojekt gibt“, sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt. Eine solche, von Sozialpädagogen geführte Anlaufstelle für Fans, wie sie die meisten großen Klubs inzwischen haben, hätte möglicherweise dazu beigetragen, die schlimmsten Auswüchse des Konflikts zu verhindern. „Wobei es natürlich immer schwer ist, von ,den Fans' zu sprechen“, sagt Gabriel. „Das ist keine homogene Gruppe, die so plakativ betrachtet werden kann.“
Die umstrittenen Ultras
Unter besonderer Beobachtung stehen indes auch in Stuttgart die Ultras, weil sie eine Rolle als elitäre Avantgarde unter den Anhängern für sich beanspruchen. Auch deshalb werden diese Hardcorefans schnell für alle Verfehlungen verantwortlich gemacht. Umso bemerkenswerter war es, dass sich das „Commando Cannstatt '97“, wie sich die VfB-Ultras nennen, vor dem Spiel gegen Urziceni mit einem Aufruf an die gesamte Szene wandte.
„Wir hoffen, dass nach den Ereignissen vom Samstag wieder Besonnenheit am Wasen einkehrt“, schrieben die Fans. Zugleich merkten die Ultras allerdings an, dass der Verein die angeblich 3000 Fans an der Stadionausfahrt nicht pauschal als Randalierer hätte hinstellen sollen. „Das entbehrt jeder Szenekenntnis.“
Diese Einschätzung teilt auch der Wissenschaftler Schüngel. Eine steigende, fußballspezifische Tendenz zur Gewalt kann er aus seinen Beobachtungen aber nicht bestätigen. „Gewalt ist beim Fußball kein brisanteres Thema als in der Gesamtgesellschaft“, sagt er. Vor allem für die Ultras, die von dem Hannoveraner Fanforscher Gunter Pilz in den vergangenen Jahren mit der Wortschöpfung „Hooltra“ in die Nähe des Hooliganismus gerückt wurden, legt sich der Experte sehr ins Zeug. „Ich lasse auf die Ultras nichts kommen“, sagt Schüngel. „Ultras suchen als Gruppe grundsätzlich keine Gewalt. Das mag für den einen oder anderen eine Faszination ausüben, das ist aber kein fußballspezifisches Phänomen.“
Ultras nicht in die Ecke drängen
Jens Volke, Fanbeauftragter von Borussia Dortmund und ehemaliger Sprecher der Ultragruppierung Unity, stimmt Schüngel grundsätzlich zu, sagt aber auch, dass sich einzelne Ultraszenen von der Friedfertigkeit verabschiedeten. „In manchen Fanszenen gerät das nach meinen Beobachtungen derzeit etwas in Unordnung. Da suchen mehr Ultras als früher gezielt Gewalt. Aber auch hier gilt, dass die Gruppen wesentlich heterogener sind, als sie auf Außenstehende wirken. Man kann nicht sagen, dass Gruppe XY zu hundert Prozent gewaltsuchend auftritt.“ Ein klarer Unterschied zur „aussterbenden“ Gattung der Hooligans, die den Fußballbesuch stets mit der verabredeten Schlägerei in Wäldern oder auf Äckern fern des Stadions verbanden.
Von der Polizei allerdings fühlen sich die Ultras seit den Jahren vor der Weltmeisterschaft 2006, als der damalige Innenminister Otto Schily den Kampf um die Sicherheit in den Fußballstadien zur Chefsache erklärt hatte, gerade in diese Ecke gerückt. „Dadurch gibt es die Gefahr der sich selbsterfüllenden Prophezeiung“, warnt Schüngel. „Wenn wir die Ultras in die Ecke drängen, dann benehmen sie sich vielleicht irgendwann tatsächlich so und gehen zur Gewalt über.“ Bei manchen Klubs deutet sich bereits eine Annäherung zwischen Ultras und Hools an.
Um ein weiteres Abgleiten der Ultras in Richtung Gewalt zu verhindern, müssen die Vereine nach Ansicht von Fanprojekte-Koordinator Gabriel mit ihrem Führungspersonal wie Trainer, Kapitän und Vorstandschef das Gespräch mit ihren treuesten Fans suchen. „Die Ultras sind nun mal die, die auch in düsteren Zeiten zu ihrem Verein stehen. Daraus leiten sie gewisse Privilegien ab“, sagt Gabriel. „Sie wollen aber nicht sportliche Geschicke mitbestimmen, sondern lediglich gehört und ernst genommen werden, wenn sie beispielsweise unabhängig vom sportlichen Erfolg fürchten, dass die Kommerzialisierung ihren Sport entfremdet.“
Der HSV als gutes Beispiel
Gesprächsangebote seitens der Vereine und auch der Polizei könnten dazu beitragen, dass sich in den Reihen der Fans jene gestärkt fühlen, die Gewalt ablehnen. „Dann können Selbstreinigungskräfte wirken, nicht aber, wenn von außen Druck ausgeübt wird auf die Gruppen“, sagt Gabriel.
Gewissermaßen taugt derzeit ausgerechnet der Hamburger SV, der durch seine turbulenten Mitgliederversammlungen in die Schlagzeilen geriet, als eines der positivsten Beispiele. „Der Klub ist ein mitgliedergeführter Verein mit gewählten Fanvertretern in den Führungsgremien, und dennoch herrscht kein Chaos, sondern normale Streitkultur und Mitsprache“, sagt Gabriel. „Da ist gewissermaßen der pädagogische Grundsatz beherzigt: Gebt den jungen Leuten Verantwortung, dann werden sie auch verantwortungsvoll handeln.“
Beim VfB sind sie derweil noch nicht so weit. Statt grundlegender Ursachenbehandlung muss derzeit noch eine altbekannte Medizin helfen: Tore.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 20 | -12 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 20 | -19 | 17 | ![]() |