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Fußballabstieg Ost Kein Mitleid

 ·  Der Osten verschwindet immer weiter von der deutschen Fußball-Landkarte - trotz aller Bemühungen. Erst zum zweiten Mal seit der Saison 1991/92 ist das einstige DDR-Gebiet wieder erstligafreie Zone, nach 2005/06. An vielen Missständen sind die Vereine selbst schuld.

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Nur sechs Tage nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 trat die Auswahlmannschaft der untergehenden DDR zum WM-Qualifikationsspiel in Österreich an. Auf der Tribüne in Wien drängelten sich die Manager und Berater. Sie machten Jagd auf Sammer, Kirsten und Co.: sehr erfolgreich. Auf den schnellen Abschied Ost der Spieler folgte über die Jahre der langsame Abstieg Ost der Klubs.

Im deutschen Jubiläumsjahr ’09 wird es nach dem vergeblichen Kampf von Energie Cottbus keinen einzigen Verein aus der ehemaligen DDR mehr in der Bundesliga geben. Das fußballerische Startkapital nach der Wende mit zwei Vertretern (Rostock und Dresden) in der Bundesliga und sechs Vereinen in der zweiten Klasse ist weitgehend aufgezehrt. Der Osten verschwindet immer weiter von der deutschen Fußball-Landkarte – trotz aller Bemühungen.

Cottbus, Hansa, Union: einsame Inseln

Eine Trendwende ist auch für Matthias Sammer, den Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und einstigen Star von Dynamo Dresden, nicht in Sicht. Im Gegenteil. Er fürchtet, dass der Osten aus der Spirale des Niedergangs immer schwerer heraus finde. „Ich habe die allergrößte Sorge, dass die Leute, die Traditionsvereine gut strukturiert nach oben führen könnten, mit jedem Jahr weniger werden. Das ist eine Katastrophe.“

In der kommenden Saison wird der Osten nur noch mit Cottbus, Rostock und Aufsteiger Union Berlin in der zweiten Liga vertreten sein: einsame Inseln in fußballbegeisterten Regionen, die Spitzenfußball immer häufiger nur noch vor dem Fernseher erleben. Erst zum zweiten Mal seit der Saison 1991/92 ist das einstige DDR-Gebiet wieder erstligafreie Zone, nach 2005/06. Damals wurde vom DFB noch ein Ost-Gipfel einberufen.

Abstieg als Teil des Szenarios

Mehr Aufsteiger aus den neuen Ländern in die Regionalliga, mehr Großereignisse und Hilfen von den großen Klubs aus dem Westen – dem Fußball im Osten sollte entschieden unter die Arme gegriffen werden. DFB-Präsident Theo Zwanziger erklärte das Projekt damals zur Chefsache. „Der Osten braucht keine Almosen. Er braucht Chancengleichheit. Wenn wir mit dem Fußball in Deutschland vorankommen wollen, muss der Osten einen besonderen Part übernehmen“, sagte Zwanziger damals. Vergeblich.

Vier Jahre später ist die Ernüchterung groß. „Es ist schade, dass der letzte Vertreter aus den neuen Bundesländern weg ist. Aber wir können keine Klubs finanzieren. Das konnte Mielke früher“, sagt Zwanziger heute. Der DFB muss die Grenzen seines Einflusses erkennen. „Es gibt viele Gründe, dass der ostdeutsche Fußball nicht da ist, wo ich ihn mir wünsche“, sagt der DFB-Präsident. Natürlich sind die wirtschaftlichen Bedingungen nicht berauschend, aber als alleinige Erklärung für die Misere reicht das längst nicht mehr. „Die Lage im Osten ist auch ein Spiegelbild der handelnden Personen“, sagt Sammer. Cottbus hat mit Präsident Lepsch längst eine Strategie entwickelt, um mit begrenzten Mitteln einen erfolgreichen Weg zu finden – Rückschläge wie der Abstieg bedeuten nicht das Ende, sie sind Teil des Szenarios (siehe: Ervin Skela: Cottbuser Virtuose ohne Glück).

Dresden als Sinnbild des Niedergangs

Auch Hansa Rostock, im Vorjahr noch in der Bundesliga und in dieser Saison nur knapp dem Abstieg in die dritte Liga entronnen, hat mit Stadion, Nachwuchsarbeit und Internat eine Struktur geschaffen, die sich viele Klubs im Westen wünschten. Die Grundlagen für einen Aufschwung sind vorhanden. Zweitliga-Aufsteiger Union Berlin, das mit Hilfe seiner Fans das Stadion in Köpenick erneuerte (siehe: Union Berlin: Wir bauen uns ein Stadion), hat seine Nische erkannt und arbeitet professionell und gewinnbringend an seiner Markenbildung (siehe: Union Berlin: Eiserner Aufstieg in die zweite Bundesliga).

„Mitleid ist nicht angebracht“, sagt Sammer daher, wenn er an Traditionsklubs wie Dynamo Dresden denkt – ein Sinnbild für Niedergang und verpasste Aufbauchancen. „Welche seriöse Führungskraft tut sich das an?“, fragt Sammer mit Blick auf seinen ehemaligen Klub. Der gerade geschlossene Vertrag über die Stadionnutzung werde dem Verein keine Entwicklungschance geben, glaubt der DFB-Sportdirektor. „Das macht mich wütend“, sagt Sammer, wenn er sehe, wie Sportgeschäftsführer Ralf Minge mit seinen Ideen und seinem Engagement behindert werde.

„Die Vereine sind selbst schuld“

Auch Steffen Baumgart, ehemals Profi bei Hansa, Union und Energie und derzeit Trainer des in die Regionalliga abgesunkenen früheren Europapokalsiegers 1. FC Magdeburg, mag das Klagen über strukturelle Nachteile nicht mehr hören: „Zwanzig Jahre nach der Wende braucht der Ost-Fußball kein Mitleid mehr. Ich höre immer, dass Dresden das Zeug für die Bundesliga hat, aber in der dritten Liga spielt. In Leipzig geht alle paar Jahre ein Verein pleite. Das kann man nicht auf andere schieben. Daran sind die Vereine selbst schuld“, sagt Baumgart. Am vergangenen Wochenende hatte Magdeburg mal wieder den großen Fußball zu Gast. Der FC Bayern war zu einem Testspiel gekommen – zu äußerst freundschaftlichen Bedingungen, für die Manager Uli Hoeneß mit seinem Herz für den Ostfußball bekannt ist.

Magdeburg profitiert von der Hilfe in den vergangenen Jahren. Ein neues Stadion ist entstanden, vor wenigen Wochen fand dort das Finale der U17-Europameisterschaft statt – aber als Kandidat für die Frauen-WM 2011 scheiterte Magdeburg, und der Oberbürgermeister bediente sofort das Ost-Klischee: „Ich bin darüber enttäuscht, dass man im Osten keinerlei Chance hat, wahrgenommen zu werden.“ Das Gegenteil ist richtig. Der DFB kümmert und engagiert sich im Osten, wenn es um Stadionbauten und Nachwuchsarbeit geht. „Dresden bekommt ein neues Stadion. Wir in Magdeburg haben ein neues Stadion, Leipzig sowieso. Die Voraussetzungen werden ja geschaffen“, sagt auch Baumgart. „Und wenn vernünftig gearbeitet wird, dann ist irgendwann wieder ein Verein aus dem Osten oben.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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